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Die neue Welt · 1927-12-23 · Heft 14 (23.12.1927) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 14 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Wr. 14 DIE NEUE WELT Seite 11 DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (M> Von Schalom Asch ««-rlä „Wenn man uns aber fragt?" „Wir werden sie schon mit irgendeiner Antwort täuschen. Wissen denn die Leute, was sie tun? Sie sind Ja wie ungezogene Kinder." „Wo sota wir aber so große Perlen hernehmen?" fragte jemand. Darauf erhob sich Rabbi Jakob, rief seine Enke- «n Jephtha herein und sagte fcu ihr: „Meine Tochter, hole deine Perlen und gib sie der römischen Gemeinde — es schickt sich nicht für ein jüdisches Mädchen, Perlen zu tragen, wenn die G'öüm damit ihre Heiligenbilder schmücken.'* Darauf holte die lebende Jephtha aus ihrem' Schmuckkästchen ihre Familienperlen hervor und gab sie hin, für den Schmuck der toten Jephtha im Kloster zum „Heiligen Herzen.'* Als aber die „Madonna der Liebe" Jephthas Perlen trug, glänzten sie mit einem keuscheren Schein als aide anderen Schmuckstücke, die ihr ihre Verehrer dargebracht hatten. ' XII. Der Karneval Von Rom. Die Straßen Roms ergänzten in einem Flammenmeer von Farben. Nicht nur die Menschen, . sondern auch die Häuser, die Denkmäler und die Kirchen, die Säulen und die Marktbrunnen waren zu Ehren des großen Karnevalsfestes geschmückt. Die Wände der Häuser ertranken geradezu im Farbenraeer der kostbaren orientalischen Teppiche, mit . denen man die Wände geschmückt hatte und die in der Sonne schillerten, als wären es Juwelen. Fenster und Türen, Balkons und Dachgaierien waren mit frisch blühenden Girlanden und die Straßen selbst, durch die die Prozessionen ziehen sollten, mit Pal- ..men, Myrten, Chrysanthemen und orientalischen '"Pflanzen geschmückt. Rom hatte das Aussehen eines Lustgartens orientalischer Herrscher. Die Einwohner wußten nicht mehr, wo sie sich eigentlich befanden. Viele Häuser hatten sich in Schiffe verwandelt; mit großen Segelmasten ausgestattet, sahen sie wie . herumirrende Ozeanpflüger aus, die in ' ein phanta-, stisches Farbenmeer hineirigezaubert waren. Die Kirchen hatten sich in Tempel heidnischer Götter, des Apollo und der Venus, verwandelt, die christlichen Denkmäler und Marktbrunnen in Standbilder, wilder Faune, Waldfeen und betrunkener Bacchen, die aus überfüllten Bechern tranken, wahrend ringsumher nackte Kinder mit Weintrauben in Weinkrügen einen Tanz aufführten . . . Jede Säule und jede Straße Roms war mit grünen Blättern geschmückt und mit leuchtend roten Rosen bekränzt. Die christlichen Heiligenbilder waren, in - römische Togen gehüllt, mit Oelblättern bekränzt und auf römische Triumphwagen gesetzt worden vor die man je vier feurige Pferde gespannt hatte. Es. schien, als seien die Zeitalter ausgewechselt, als - hätten Epochen und Perioden ihre Plätze getauscht. Rom warf das harte Joch ab. das man ihm am Namen des Nazareners aufgebürdet hatte . '. .'Die Römer machten sich von'den'Kirchengesfetzen frei und wurden wieder das, was sie stets im Herzen gewesen waren — nämlich Diener des .alten Pan. Die Stadt war wieder heidnisch geworden, und die Kirche zahlte ■.während der Karnevalszeit ihren Tribut an das alte, vorchristliche Rom. Es war ein Protest, den Rom herausschrie gegen den traurigen, fremden Gott, den ihm die Kirche mit Feuer und Schwert aufgezwungen hatte. Rom hatte 'sich'immer nach den Götern' seiner Ahnen gesehnt; nach 'den in" Sonne und Licht badenden Göttern-der-alten guten Zeit. So standen also in den Karnevalstagen die. alten Götter wieder auf aus ihren in Staub und Erde vergessenen Tempeln; sie traten in die römischen Kirchen hinein, vertrieben den Nazarener mit seinen blutenden, Wunden, setzten sich auf seinen Stuhl, und wieder einmal < diente der Mensch dem. einzigen lobenden Gott; den er wirklich kannte — sich selbst . . . Wochenlang bereitete, man sich auf den Karneval vor. Menschen in. Masken,. als alte Römer in Togen gehüllt, trieben sich auf den Straßen umher. Berühmte Persönlichkeiten.- der römischen Geschichte, Cäsaren und Imperatoren, gingen durch die Schenken und betranken -sich \ .•. Perser und Türken schleppten Warenlasten durch die Straßen, Manche hatten sich als wilde Indianer, verkleidet, die Kolumbus entdeckt hatte und die damals in der Welt bekannt zu werden begannen. Die phantastischen Indianerkostüme von roter Farbe und mit Federputz wurden seither während der Kajnevalsfeste eine sehr häufige Erscheinung. Diese Indianer rauchten Tabak ~ denn bald nachder Entdeckung ihrer Vorbilder hatte sich die Angewohnheit des Rauchens in der ganzen Welt m verbreiten begonnen — und mischten sich unter die römischen Senatoren in dem bunten Slraßentreiben. Die Frauen, als griechische Göttinnen, als Priesterinnen der Feuertempel, als Vesfcatinnen und Sybillen verkleidet, gingen untergefaßt mit betrunkenen Bacchen, auf deren Köpfen rote Rosenkränze tanzten. In den Seitenstraßen aber führten unterdessen Faune und Waldfeen die jungen Tempelmädchen in Lusthäuser und öffentliche Bäder . . . Lustknaben in kurzen Seidenhemdehen mit entblößten Armen und Beinen begleiteten ihre alternden Freunde, griechische Philosophen mit kahlen Köpfen und gekraustem Barthaar diskutierten auf den öffentlichen Marktplätzen Roms über Eros . . .„ Dieses ganze Treiben wurde in der Nacht durch ein. phantastisches Feuerwerk beleuchtet, das sich in allen Regenbogenfarben über die dekorierten Häuser und Denkmäler ergoß. Knechte trugen den Maskierten Fackeln, nach, die sie mit weichem Licht beleuchteten, das sich wie Rotwein über sie ergoß. Gruppen lustiger, vermummter Menschen beleuchteten ihren Weg mit phantastischen venezianischen Pergamenten und Laternen, bei deren Lichte sie sich wie mystische Schattenbilder ausnahmen. Sie tanzten wie Schatten in den Straßen herum und verschwanden in den Seitengassen» aus denen ihnen dann, wie ein entferntes Echo, leise, leidenschaftliche Gesänge nachhallten. Sic hinterließen einen Geruch aufreizender Parfüms Die Straßen Roms hüllten sich in schwebende Duftwölkchen, die mit den hohen Flammen der Fackeln den Masken nachzogen. Aus dem Innern der Weinschenken ergoß sich -.grelles Licht und verflocht, sich mit .dem»rohen Gesang der Betrunkenen und dem pikanten Geruch der gewürzten Speisen und des sauren Weins, die sich ihrerseits mit den Parfüms vermischten, genau so wie die Lichter der weichen .venezianischen Laternen mit dem grellen Schein der beleuchteten Weinschenken und Lusthäuser. Alles schien durcheinander zu geraten: Menschen und Häuser, Jod und Leben; alles he-; wegte sich wie ein erstarrtes Meer in einem schwimmenden, leuchtenden. Nebel. ______ Von allen Stadtteilen Roms war nur.eines nicht von dem''phantastischen Licht übergössen und lag in Finsternis. Dunkelheit und Nacht 'lasteten schwer und tief auf dem jüdischen Ghetto. Die Lichter in den Fenstern waren erloschen. Die Juden, die init Weib und. Kind sich in die Winkel ihrer Häuser verkrochen hatten, vernahmen nur ab und zu aus der Ferne das geräuschvolle Treiben, das zu ihnen über die 'hohen Mauern ihres Stadtteils licreindrang. Die .Scheinwerfer schleuderten ihr Licht über das Ghetto und streiften nur mitunter die stummen, erschrockenen Häuser. So oft aber "das tosende Geräusch draußen vor dem Ghetto sich hören ließ, schauderten die Ghettoeinwohner zusammen. Einer sah den andern ängstlich an; jedermann verrichtete ein Gebet in seinem Herzen: ^,Gott erbarme sich unser und beschütze uns in den Tagen des Karnevals. Rom ist ohne Gott'. Nur ein Keller war beleuchtet — das Gewölbe ■ von Josef Pinsi. Dort waren am Karnevalsabend' die Notabeki des jüdischen Rom wieder versammelt: Es * war der einzige Ort im römischen ' Ghetto, wo man sich' gleichfalls zum Karneval vorbereitete. $ Auf dem Tisch häuften sich Goldmünzen, 'Geschmeide aus Gold und Silber und Juwelen aus alier Herren Länder, die die Juden, nach dem Ketler Josef .'Pinsis gebracht hatten. Auf dem steinernen Fußboden lagen teure Seidenstoffe, bestickter Doppel-• damast, Tapeten und orientalische Teppiche, Stücke ■ Samt, Braiitaussteucrn und Erbstücke von* Uhrahnen,' die man aus allen jüdischen Häusern «usammenge- bracht hatte. Das Gold und die kostbaren -Stoffe stellten die Kontribution dar, die die Juden zum Karneval beisteuern mußten. Weil Judas * Jesus Christus für dreißig SÜ-berlinge verkauft hatte, mußten die römischen Juden jahraus jahrein elfhundertunddreißg Goldflorins in Gold und Juwelen als Judasgeld entrichten. Die jüdischen Mädchen mußten den Triumphbogen von Titus mit kostbaren Teppichen und teuren Samt- und Seidenstoffen zu Ehren des •Kiarnevalsfestes dekorieren, während eine Deputation von Rabbinejn und alten Juden mit Thorarollen in der Hand auf den Papst zu warten hatte, der auf einem weißen Roß an der Spitze der Karnevälsprozessjon reiten würde. Traurig und wortlos trugen die Juden die Goldfibrins, die Juwelen und das Gold, also das Judasgeld, herbei, das sie zum 'Karneval beisteuern mußten; manche glätteten die teuren Teppiche und die .Stoffe,- mit denen die jüdischen Mädchen am nächsten Morgen den Triumphbogen des Titus schmücken sollten, jenes Helden, der die Freiheit der Juden vernichtet, ihr Land zerstört und ihren Tempel verbrannt hatte. Nicht ein Wort wurde laut. Man hörte nichts als das Klingen der Goldmünzen, die im kargen Lichte der Oellampe, die amf dem Tisch brannte, erglänzten. Nur ab und zu drang von, den Karnevalsstraßen das geräuschvolle Treiben der Betrunkenen in den KeWer herein, das sich wie das Tosen eines stürmischen Meeres anhörte, und die Fenster des Kellers wurden von Zelt zu Zeit von dem grellen Lichte erleuchtet, das von den Raketen und Scheinwerfern herstammte, die wie Donner und Blitz in das finstere Ghetto hineinkrachten. Da sah ein Jude den anderen mit erblaßtem Gesicht an, und alle hatten nur einen und denselben Gedanken: „Rom ist ohne Gott." In einem Winkel des KellergewoTbes aber saßen unterdessen, die „Läufer" und schmierten sich die nackten Beine mit Öel und Salben ein für den Wettlauf, der ihnen am nächsten Tage bevorstand. Es waren Chajmr Adoni und Mordeohai Alfi, die beiden Narren des Ghettos, die die römische Judengemeinde alljährlich mietete, damit sie sich am Wettlauf beteiligten, an dem die Juden, zur, Belustigung der Römer, bei jedem Kanievalsfest teilnehmen mußten, _ (Fortsetzung folgt.) Humoristische Ecke. Copyright by Präser-Preisedlenst (Dt. Max Prager) Wien Recheminterricht. « Iii der Schule fragt der Lehrer den kleinen Chaim: „Gib' acht, — ich bin deinem Vater hundert Rubel schuldig; 50 habe ich ahm schon zurückgezahlt; wieviel bin ich ihm noch schuldig?" Ohaim denkt nach und fragt dann: „Herr Lehrer, haben Sie vom Vater eine Bestätigung über die SO Rubel bekommen?" — „Dummkopf, was ist da der Unterschied? Also, meinetwegen — ich habe keine Bestätigung von deinem Vater; wieviel bin ich ihm von den hundert'Rubel noch schuldg, wenn ich ihm 50 schon gezahlt habe?" — „Hundert Rubel", antwortete Chatfm. Zornig Schreit ihn der Lehrer an: „Dickschädel, du kannst doch nicht rechnen." Darauf Chaim: „0 ja, Herr Lehrer, * ich kann rechnen, aber Sie kennen meinen Vater'nichtt'*'' :':; Zu teuer. Zwei Schnorrer aus Litauen waren nach Warschau übersiedelt. Dort verloren sic: einander aus den Augen und örst .nach einigen Jahren 'begegneten sie einander zufällig auf der Straße. Große Freude; Jeder will wissen, wie es dem andern geht: „Was treibst du, Heber Freund? Eilte ganze .Ewigkeit haben wir. uns nicht gesehen! Wiie geht es dir hier in Warschau?" „So, so!" — -' antwortete der andere —;„man lebt, wie es geht. Immer. besser, als gestorben. Und du,-wie geht es dir?" „So weit wäre es ja nicht schlecht, Gott sei Dank, das bißchen Brot hat man. Und was braucht ein Jude mehr? Aber leider war ich zwei volle Monate krank und das hat mich ganze zweihundert Rubel gekostet." „Was du sagst, zweihundert Rubel? Schade, so wahr ich lebel Für das Geld, hättest, du bei uns in Litauen zwei Jahre krank sein, können! ' , * * .; . Der große Brand. Ein Schnorrer geht von Haus zu Haus und erzählt, er komme aus einer kleinen Stadt, die durch einen Brand vollkommen zerstört. wiirde. Diese Erzählung wärkt_ überall, nur in einem Haus fragt man ihn: „Haben Sie ein 'Dokument, das Ihre Angaben bestätigt?" .... , „Das Dokument ist leider auch verbrannt." * ...... Gut assortiert. Bin Schadehen redet 'einem fringen Mann zur Heirat zu: „Hören Sie,, ich habe für Sie ein junges Mädchen, eine Puppe, eine Schönheit; was halten Sie davon?" „Ich bitte Sfre, hissen Sie mich in Frieden, mit Ihrer Schönheit!" „Nun, Sie geben nichts auf Schönheit; so 'habe Ich für Sie etwas anderes; sie ist nicht schön; häßlich ist sie gewiß nicht; vor allem aber — sie hat 5000 Rubel!" — „Lassen Sie mich in Frieden." „Ah, Sie häben große Rosinen im 'Kopf?! Sohön — ich hab' für Sie etwas mit 20,000 Rubel." , „Ich -bitte Sie, verschonen Sie mich; GeW spielt bei mar gar keine Rolle." „Ah so, ich verstehe schon; Säe sehen auf gute Familie. Da habe Ich für Sde ein Mädchen aus einer wirklich vornehmen Familie, mindestens zwanzig Generationen weitherGhmter Rabbiner!" \ „Hören Sie mich an: ich will von all diesen Dingen nichts wissen; ich werde nur aus Uebe belräten.'* 4g „Pst, mir nicht so Mtzlgl Auch das buh4 ich auf Lager."

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