Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 13 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nf. 13!Ä M58E W£Ef &a**cr DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (i3) Von Schalom Asch SgsgfUÄiiÄ: erklärten, daß sie einsehen, daß der Klub außerstande set, die bisherigen Gagen zu zahlen. Sie wollen auch zur Sanierung des Klubs beitragen, und zwar in der Form, daß sie auf ihre fixen Gehälter im nächsten Halbjahr verzichten. Von den Reineinnahmen sollen vorerst die Spesen für Platzerhaltung, Ausrüstungsgegenstände, Sekretariat und Trainer abgezogen werden und der Rest zu gleichen Teilen auf die Spieler der Kampfmannschäft aufgeteilt werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Hakoah-Fußoaller beabsichtigt einen erstklassigen Tormann und einen durchschlagskräftigen Stürmer zu verpflichten. Sonntag spielt die Hakoah im Winter-Cup gegen VV. A. C. Das letzte Meisterschaftsspiel endete 3 :1 für Hakoah. Die Athletiker, die ohne Braun und Weiß antreten, dürften auch diesmal von dem jüdischen Verein besiegt werden. Der Ehrenabend des Meisters Markus. Acht Jahre ist der vielfache Meister Ungarns .und Oesterreichs, Ernö Markus, nun bei der Hakoah tätig, und in dieser Zeit hat er für den jüdischen Verein derart reichhaltige und glänzende Arbeit geleistet, daß die Ehrungen, die ihm vergangenen Sonntag, anläßlich der von der Hakoah-Ringsektiou und der Sektion Landstraße gemeinsam im Olympiasaal veranstalteten Abend bereitet wurden, vollständig verdient. Der erste Teil der Akademie waren die Vorkämpfe um die Klubmeisterschaft der Hakoah im Ringen, zu denen acht Paare antraten. Es waren durchwegs hübsche Kämpfe. Es siegten: Göttlich gegen Ochs hörn in drei Minuten, Schlanger gegen Reiß in drei Minuten, Fadenhecht gegen Topf in vier Minuten, Steinhardt gegen Ofer in 25 Sekunden, Koch gegen Kurz in vier Minuten und Hirschl gegen S ig-mann. Die Kämpfe Bergmann gegen Müller und Birnbaum gegen Ochshorn endeten unentschieden. Nachher trat Markus selbst auf, und zwar in einem Exhibitionskampf gegen den besten der Hakoah- Ringer, Grünspann. Es war ein Kampf der technisch auf höchster Stufe stand und alle Schönheiten des Ringsportes so recht aufzeigte. 'Der^ Schwiminklubkampf Hagibor—Sparta (Prag) endete mit einer unverdienten 62:81-Niederlagc des jüdischen Vereines. Die 4 mal 50-Meter-Staffel gewann Hagibor in der neuen Rekordzeit von zwei Minuten. Im Wasserball siegte Sparta 9:4 (4:1). Beim Stande von 6:4 schloß Schiedsrichter Simoneck den Hagibor-Spieler Klempfner aus, weshalb die Mannschaft dann ganz zurückfiel. Der S. C. Makkabi (Wilna) errang die Kreismeisteirschaft im Fußball. Der Abgeordnete Dr. Rosmarin wurde zum Präsidenten der Lemberger Hasmonäa gewählt. Hasmonäa unterlag im Wiener rnv fre?en Baumgarten 2:9. Der jüdische Verein spielte die ganze Zeit nur mft 9 (Mann. Für Hasmonäa waren Arm und Weinwurm erfolgreich. Adler, der tüchtige Tormann Hasmonäas, übersiedelt nach Südamerika. Was die ... ~ i,,.,/^,. . Bücherschwemme u. das moderne Antiquariat der Buchhandlung R. 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Die römischen Frauen, die mit ihrer Madonna ganz familiär verkehrten, gaben ihr den Namen „Die heilige Zuchtlose", und mehr als einmal stürzte eine eifersüchtige römische Mätresse ins Kloster hinein und hielt der Heiligen drohend eine geballte Faust vors Gesicht: „Du Gottesdirne! Ich werde dir die Augen auskratzen, das Haar ausraufen! Warum nimmst du mir meinen Geliebten? Hast du denn nicht genug an deinem himmlischen Liebhaber, daß du auch unsere Männer verführen willst?" , * In -derselben Zeit, da sich das alles ereignete, befahl Papst Paul IV. den Juden Roms, als Dankesgabe für Gott, der sie vor dem Tode des Ertrinkens im Ghetto gerettet habe, drei Perlenschnüre zu liefern, von denen jede 300 Perlen enthalten sollte von derselben Größewie das Auge der Madonna. Jede Perle mußte untadelig, voll und rund sein und In den Farben des Regenbogens schillern, der sich zum erstenmal Noah zeigte, a-ls Gott ihn vor der Sintflut rettete. Diese Perlenschnüre aber sollten der neuen „Madonna der Liebe" im Klöster „Zum Heiligen Herzen" dargebracht werden, denn die Madonna war ja zuerst, nach der Behauptung des Volkes, im Ghetto erschienen und hatte dort die Juden vor der Ueberschwemmung' gerettet. Als die Juden Roms diesen Befehl des Papstes erhielten, wußten sie anfangs nicht, was sie tun sollten. Es war ihnen nicht so sehr um die Perlen als um etwas weit Wichtigeres zu tun. Sie waren sich nämlich nicht im klaren, ob1 es sich durch das Darbringen der Perlen nicht,.des Götzendienstes schuldig machen würden, dem ■ man dann natürlich das Glaubensmartyritim vorziehen mußte. Nim befand sich aber in Rom zu jener Zeit, da Paul IV., wie bereits erwähnt, die jüdischen Bücher verböten hatte, weder ein Exemplar des TMmuds noch ein Werk des Maimon-ides noch überhaupt: ein jüdisches Buch, mit Ausnahme des Sohar, »der allein gedruckt werden durfte, weil nach der Behauptung geteufter Priester der Sohar ein christliches Buch war und Anspielungen auf die heilige Dreifaltigkeit enthielt. Rabbi Jakob berief die .Mitglieder der kastili- ■ sehen Gemeinde zu einer Versammlung' im Kellergewölbe Rabbi Josef Pihsis. Dorthin kamen aber auch die Vorsteher änderer Gemeinden, die damals in Rom ansässig waren, um zu beraten, was zu tun und welche Antwort dem Papste zu geben sei. Diese große Versammlung der römischen Vorsteher der jüdischen Gemeinden fand in der Nacht zu Hoschäna Rabba statt. In dem uns bekannten Keliergewölbe waren die Wachskerzen angezündet. Zugegen waren nur Auserwählte, die ■ Aeltesten und die Vorsteher — Juden mit hohen Stirnen, die Spuren der in allen Ländern erlittenen Verfolgungen* trugen; mit Augen, in denen, die Flamme des Glau-, bens brannte, stärker als die Flammen des Todes;, mit Barten, die vor ausgestandenem Lcjd, weißer, •und reiner als der vom Himmel fallende Schnee ge-. worden waren. Sie trugen lange JRöcke .aus .Seide,. Samt oder Atlas von der Farbe des grünen Bernsteins, breite, goldgewirkte Gürtel und hatten schwarze, vornehme Kopfbedeckungen, Siestamm-. ten ans verschiedenen Ländern — einige, wie Rabbi Jakob, Rabbi Joser und andere vornehme Leute, waren kastilische Auswanderer; andere waren fränkische Juden, die sich durch" ihre große Gelehrsamkeit auszeichneten; berühmte Aerzte, Schüler des bedeutenden jüdischen Arztes Amatus .Luisitanus; Studenten der Universität Padua; deutsche .Juden,, die die Thorakenntiiis nach Rom, gebracht, hatte«.. Unterdessen standen junge Männer draußen an.den. Straßenkreuzungen und hielten Wache vor etwaigen. Angreifern. Der blinde Rabbi Jakob eröffnete die Versammlung inlt folgenden Worten: „Unserer vielen Sünden wegen sind wir ohne das. Licht der Thora geblieben. Wir wissen weder ein noch aus. Die römische-Judengemeinde steht rat-' los da wie eine Herde Schafe ohne den Hirten. Wer' wird uns Gottes Wort erklären und uns lehren,'was * wir in der Stunde der Not tun sollen?" ' ' „Laßt uns Bolen senden nach Cremona zu Rabbi' Josef Öttölenghi, der dort' den Rest Israels versam-' nvelt und eine Jeschiba begründet hat, damit Gottes Wort auf. italienischem Boden nicht vergessen werde,/ ihn wollen wir befragen, wie wir uns verhalten sollen", rieten einige Juden. 1 „Dann müssen wir aber zu lange warten! Die Wege sind für die Juden unsicher. Bis: die Boten. , nach Cremona und von dort zurück sind, ist die Frist, abgelaufen, denn die Perlen sollen ja noch vor Beginn des christlichen Karneva-ls. abgeliefert werden." „Hat sich Gottes Weisheit wirklich ganz, von uns abgewandt? Sollten sich in der großen jüdischen Gemeinde Roms wirklich keine Leute finden, die mit Gottes Weisheit begnadet sind und die uns in der Finsternis zu führen wüßten?" „Gottes Worte sind uns entzogen worden. Es ist schon lange her, daß einer von uns ein jüdisches Buch gesehen hat; auf sein Gedächtnis aber darf man sich bei einer so wichtigen Sache nicht verlassen, da unser Leben auf dem Spiel steht." „Bei Maimonides steht eine ausführliche Vorschrift darüber. Ich kenne sie auswendig, will mich aber nicht auf mein Gedächtnis verlassen", ließ sich ein alter Mann vernehmen. „Mit den Büchern des heiligen Rambams, die unsere Kinder von klein auf zu lernen pflegen, hat man die Straßen Roms beleuchtet", stöhnte ein Jude.. „Hat wirklich niemand ein Buch, zum Beispiel die Jadhachasakah'? Soll wirklich in ganz Rom kein jüdisches Werk zu finden sein? Ist das denn möglich?" Unterdessen tuschelte der alte blinde Rabbi Jakob mit Rabbi Josef Pinsi. Nach einer geraumen Zeit rief dann Josef Pinsi einige Greise beiseite und vertraute ihnen etwas an. Diese zeigten Zeichen der Verwunderung, dann riefen sie noch andere hinzu und sprachen leise mit ihnen. Schließlich wählten sie aus ihr^r Mitte die Gebildetsten aus, und Josef Pinsi führte diese in eine andere Kammer des Gewölbes hin. > Sie folgten ihm durch einen windungsreichen, finsteren Geheimkorridor, der so schmal und eng wie eine Höhle war. Beim Lichte einer Oellampe .und einer Wachskerze kamen sie schließlich in eine einsame Kammer, die Josef Pinsi gleichsam durch ein Zauberwort aufmachte, denn man sah keine Tür und keinen Ausgang. Josef Pinsi haltte aber durch eine geheime Vorrichtung einen Stein von der Wand beiseite geschoben, und die kleine Gruppe trat in ein düsteres Zimmer ein. Es stand voller großer Eisenkisten, die mit großen schweren Ketten an die grauen Steinwände befestigt waren. Josef Pinsi machte einige der Kisten auf. Diese waren nicht etwa mit Gold und Edelsteinen — sondern mit jüdischen Büchern gefüllt. V . ■" Es war das die Geheimbibliothek Finsis, in der jüdische Bücher verborgen lagen, handschriftliche Talmudfortianten, Erstdrucke der Werke von Maimonides, Gebete, Klagelieder, große Megüath auf Pergament geschrieben und andere Handschriften, die jüdische Gesetze, Gebräuche und Verhaltungsmaßregeln enthielten. In anderen Schriften waren die Leiden der Juden in verschiedenen Ländern geschildert; in großen Megilatbs auf hartem Pergament war die Vertreibung aus Spanien geschildert. 'Andere Folianten enthielten in Versen gehaltene Lobpreisungen der kii den Flammen der In<juisition Umgekommenen Seligen, ferner Lieder und Klagegesänge, die gleichfalls den Märtyrertod der Heiden verherrlichten. Die Bibliothek, die von Generation zu Generation-gesammelt und mit Lebensgefahr aufbewahrt wurde, war von 'Kastilien nach Italien überführt und in dem Gewölbe Pinsis untergebrächt worden, als Paul IV. die jüdischen Bücher in ganz Italien ausrotten ließ. Nun sahen jetzt die Gebildeten in den Büchern lange nach und suchten aus den Werken von Maimonides das aus, was sie für ihre Angelegenheit brauchten. Nachdem sie sich in der GeheimbiblioDhek eine geraume Zeit aufgehalten hatten," fanden sie schließlich die gesetzliche Entscheidung, kehrten zurück und verkündeten in; der Versammlung: - „Die Juden dürfen wohl die Perlen dem Papst übergeben, als Steuer, als Lösegeld für ihr Leben und für alles, was der Papst will. Und der Papst .mag auch mit den Schätzen tun, was er will. Aber in kemem Falle dürfen die Perlen der Madonna dargebracht werden als Dankopfer für die Rettung; vor der Ueberschwemmting, denn das würde einem Götzendienst gleichkommen. Nach der Entscheidung des heiligen Rambam müssen die Juden in einem solchen Falle lieber den Glaubenstod erduWen, als sich; sw einem Götzendienst hergeben," - Die Versammlung hörte die Entscheidung schweigend an. Eine Grabesstille herrschte eine Weile lang unter den Anwesenden, Dann ließen sich einige Stimmen vernehmen: „Wir wotten überhaupt nichts sagen, w4wotteti die Perlen dem, Papst ohne Worte übergeben." (Fortsetzung folgt.)