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Die neue Welt · 1927-11-25 · Heft 10 (25.11.1927) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 10 (25.11.1927)
Date
1927-11-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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HMO DIE NEUE WELT Seite W DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (io) Von Schalom Asch Humoristische Ecke. Copyright by Präg*r-Pr«s<- dlwst (Dt. Max Prlgef) Wien. De* Ger.*) In eine jüdische Kleinstadt kam eines Tages ein Ger und bat um Almosen. Die Spenden flössen reichlich. Indessen hatte jemand erfahren, daß der angebliche Ger kein Ger sei, sondern als Jude geboren wie alle anderen Juden. Der Sturm (brach los: So ein Betrüger, so ein Lügner, er darf keinen Heller mehr kfiegen! Und dem Juden wurde gesagt: „Wir wissen, daß du kein Ger bist und uns betrogen hast; wisse denn, daß du von uns keinen Groschen mehr bekommst. Und schau, daß du weiterkommst, sonst kannst du noch gute Prügel kriegen!" Der Jude erwidertes „Ich begreife euch nicht! Wäre mein Vater ein Christ gewesen, so hättet ihr was davon? Was schadet es euch, daß mein Vater auch ein Jude war?" Lang, lang ist's her. Ein armer Talmudschtilcr war, wie es Sitte ist, am Freitagabend bei einem reichen Juden zu Tisch. Es wird Fisch aufgetragen. Der Gast beginnt zu essen; der Fiscli riecht schlecht und der Bissen will nicht herunter. Aber den Fisch stehen zu lassen, gehört sich nicht. Herunterwürgen kann er ihn beim besten Willen nicht. Und dem Hausherrn zu sagen, daß der Fisch riecht, getraut er sich nicht. Da nimmt er das Stück Fisch vom Teller und hält es ans Ohr. Der Hausherr fragt ihn verwundert: „Was ist? Was willst du mit dem Fisch beim Ohr?" Darauf der Gast: „Das will ich Ihnen sagen: In meiner Heimatstadt ist vor nicht gar langer Zeit ein Jude ertrunken und man konnte ihn nicht finden. Da habe ich den' Fisch. gefragt, ob.- er nicht vielleicht den Juden im Wasser gesehen hat." —. „Nun, was hat der Fisch geantwortet?" — ^„Geantwortet? Er sagt, er weiß von der Geschichte nichts, denn er ist schon zu lang aus dem Wasser gezogen." Hundert Wölfe. Ein Jude erzählt: „. ./und wie ich so durch den Wald fahre, jagten auf einmal hundert Wölfe meinem Wagen nach." „Hundert Wölfe?" „Wie ich's Ihnen sage! Hundert Wölfe." „Was reden Sie? Wie ist das möglich — hundert Wölfe auf einmal?" „Hundert, wie man's eben so sagt! Mit fünfzig werden Sie nicht zufrieden sein?" „Fünfzig wären aiicl^ genug. Aber fünfzig Wölfe?! Sie haben wirklich fünfzig Wölfe gezählt?" „Zählen soll ich sie auch noch? Fünfzig heißt etwa zwanzig, genügen Ihnen zwanzig nicht?" „Aber, aber — es werden wohl weniger als zwanzig gewesen sein." „Warum handeln Sie eigentlich mit mir? Vor zehn Wölfen kann man auch Angst kriegen, sogar vor fünf, ja schon vor drei. Und wenn Ihnen ein Wolf nachläuft, ist das ein Vergnügen?" ' „Haben Sie wirklich den Wolf gesehen? War es wirklich ein richtiger Wolf?" > „Nu wer denn kann gebrummt haben?" Nicht eingefallen. „Warum so nachdenklich, Jairkel?" „Ich dernke über etwas nach und weiß mir da keinen Rat." „Was denn?" „Ich denke: was solle_ich mit meinem Jungen tun? Er ist, .unberufen, schon neun jähre alt und ich habe ihn noch nicht in die Matrikel eintragen lassen. Länger aufschieben will ich das nicht mehr 'und jetzt weiß ich nicht, wie ich ihn eintragen lassen -soll:' lasse ich ihn um ein paar Jahre jünger einschreiben als er wirklich ist, so haibe ich Angst, — am End nimmt man ihn zu den Soldaten, da wird er schon ein alter Kerl sein, wenn er dienen muß; lasse ich ihn wieder älter eintragen als e? wirklich ist, so wird.er.zu jung 2jir,Assentierung, kommen und es wird Scherereien geben.,... Vielleicht kannst du mir raten, lieber Freund, was ich tun soll?" „Vielleicht wäre es das" Gescheiteste, du läßt ihn nicht jünger und nicht älfer" eintragen,'sondern gibst sein richtiges Alter an?" „So wahr ich lebe, du hast recht! Siehst "du, das ist mir gar nicht eingefallen!" Der Rabbi entscheidet... Ein Jude kommt zürn 'Rbw: „Rabbi, ich habe einen Hahn und eine Henne. "Will ich den Hahn schlachten,' macht die Henne Lärrrr und schreit, daß es nicht auszuhalten ist. Will ichdie Henne schlachten, macht der Hahn Lärm. Was soll ich tun,?" „Komm4 in ein paar Tagen, dann werde ich dir Bescheid geben." Der Row macht sich über die heiligen Bücher, studiert drei Tage lang und zerbricht sich den Kopf über die beste Entscheidung. Nach drei Tagen kommt der Jude und fragt: „Nun, Rabbi, habet Ihr einen Rat Öir mich?" „Natürlich, was denn?" „Nun, was soll ich tun?" „Nach dem Gesetz hast du die Henne zu schlachten/' „Aber Rabbi, da wird doch der Hahn schreien." „Söll er schreien!" *| IHwotpfi Auf seinem hohen Gerüst hatte er seinen Tempelwinkel, in dem er tagtäglich, gleich der Verrichtung eines Gebets, das jüdische Mädchen aus dem Ghetto als heilige Mutter malte. Das war seine Andacht, sein, bißchen Liebe, seine beschränkte menschliche Auffassung von der Unendlichkeit und das bescheidene Geschenk, das er Gott darbrachte. Er konnte sich aber weder die heilige Mutter noch das Mädchen aus dem Ghetto als Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm vorstellen. Er sah sie vielmehr immer als das ewig Mütterliche. Sie war für ihn eine Mnitter schon am Tage ihrer Geburt. Dadurch verstand er besser die uralten byzantinischen Maler, die die Madonna allein malten, oder, wenn sie sie schon, mit dem Kinde darstellten, dieses mit einem Bart und dem Gesicht eines erwachsenen Menschen ausstatteten. Sie hielt im Arm nicht ihr Kind, sondern das Kind der Welt — den Menschen. Daher malte Pastila das jüdische Mädchen nicht in der traditionellen Weise, die die heilige Mutter entweder mit dem „Kinde auf dem Arm" oder als „Trauernde Mutter", den gekreuzigten Sohn beweinend,; zu malen vorsohreib, sondern er malte sie im Geiste der „Unbefleckten Empfängnis", nach der Auffassung, die sich damals der jungen Künstler bemächtigte. Einer Dampfwolke, die, sich bafllend und rollend, von der Erdkugel aufsteigt, entschwebt eine, Mädchengestalt, ohne Flügel und nur mit dem lichten kindlichen Körper, empor in den Himmel. Von ihren Schultern fällt gleich einer Feuerflamme ein Mantel von blauem himmlischen Samt. Es ist,'als ob sie der Erde das letzte zurückgibt, das sie hoch irdisch erscheinen ließ. Und nun enthüllt sich im herrlichen Sonnenlicht ihr junger, fast noch kindlicher,. eben erst reifender mädchenhafter Körper. Sie bleibt aber' mir einen Augenblick lang nackt, denn schon werden da und dort Teile ihres nackten Körpers von der rauchenden Wolke und von ihrem Haar verhüllt, durch die aber genau so, wie die Sonnenstrahlen, auch die dunkelleuchtende, perlmutterfarbige Haut ihres Körpers hindurchscheint. Sie ist nackt — die Gottheit kennt kein Gewand — aber ihr nackter Körper ist noch kindlich (wie ihn, Fra Angelico malte, dessen Verehrer PastAla war). Nur eine tiefe, keusche Leidenschaft ist. in der Unschuld, in der Unbeholfen-' heit des jungen kindlichen Leibes verborgen. Sie selbst will nichts, weiß von nichts, sie bringt sich nur ganz, bis zum letzten Tropfen ihres Blutes, Gott als Opfer dar. So steigt' sie zu. Gott wie'eine Braut empor. Und das Blut zittert in jedem Kämmerlein ihres Körpers, erwacht und pocht durch die perlmntterfarbene Haut... Doch w'enm' sie auch mit ihrem schwebenden, kindlichen Körper sich in-den Himmel erhebt, so bleibt ihr Blick dennoch stets an der, Erde haften: ihren Kopf hält sie gesenkt und blickt auf die Erde herab, auf die Erde, mit der sie für ewig durch Bluthunde verknüpft'ist, und für die sie ihr Los, ihr Leid und ihre Gnade tragen'muß. Diesem Blicke verlieh der Maler die Kraft, das Unsichtbare, das Verhüllte zu sehen. Es mutete so an, als sähen diese Augen das Los, das' einem"jeden beschieden ist, das. Schicksal, das unseren Schritten nachfolgt. Sie sieht die Qual und das. Leid und die Hilflosigkeit 'Unseres dürftigen Lebens, . die. Ungereimtheit unserer Taige, die Ueberanstrengung — und ihr Mnnd drückt tiefe Trauer aus, Kummer über das Geschaute. Wieviel Leid und wieviel Erbarmen legte er in den schmalen, zarten, frischen Schnitt ihres Mundes hinein, wieviel göttliche Traurigkeit und menschliche Reue! Jene Hilflosigkeit, die Michelangelo in den Mundausdruck seiner „Trauemden Gottesmutter" ii in eingelegt hatte — die als. junges Mädchen in ihren Armen ihren erwachsenen, gekreuzigten Sohn wie ein kleines Kind hält — diesen Leidensschimmer verlieh Pastila auch dem Bilde des Judenmädchens aus dem Ghetto, allein bei' ihm'war dieser Zug noch nicht so ausgereift wie bei Michelangelo: Pastila verwandelte ihn auf den Lippen seines Bildes vielmehr in ein unbegreifliches Lächeln, als wüßte seine Madonna um das Geheimnis unserer Erlösung und der letzten Tage, als sähe sie den ewigen Frieden und die ewige Stille nach unserem kurT zen, armen, verlorenen Herumirren . . , Sie zeigt ' den Weg. Sie besitzt die Ruhe und die Sicherheit, das Ziel und das Ende. Und wer ihr nachfolgt, den nimmt sie mit in die himmlische Fülle; in die Ewig* keit, die vor und nach uns ist ... Es war schon Nacht geworden, und die Kapelle war von schwebenden, beweglichen Schatten umwoben, die sich schwer von, einer Säule zur andern über die ganze Länge der Kirche bewegten. Hoch oben aber auf seinem Gerüst saß der Maler und betrachtete beim Scheine dicker Wachskerzen sein Bild. Plötzlich überkam ihn ein sonderbares Gefühl; er vergaß, daß er der Schöpfer des Bäldes war, daß. <Be Pinsel noch naß waren, mit denen er gemaltJ hatte. Es schien ihm, als hätte nicht er das Bild, sondern umgekehrt das Bild ihn geschaffen. So war es vom ersten Tage an, da es geworden war. und niemand wußte, wie es entstanden war. Es schien ihm, als sei auf seiner Leinwand eine Vision erschienen, die aus unbekannten Sphären kam. um die Menschen zu trösten und zu beglücken. Dem jungen Mädchenkörper entströmte eine Seligkeit, die sich jedem einzelnen mitteilte, und es war Pastila. als sei dieser Körper sein eigener, als sei er ihm zuliebe gekommen und als entschwebe er, mit seiher Madonna durch ein ewiges Band vereinigt, aus dieser Welt in andere, unbekannte, himmlische Sphären. Es schien ihm, als gehörten der Blick, das Gesicht, die Augen, der Mund der Madonna — ihm, als sei dies alles seinetwegen erschienen, als sähe sie mit ihren Augen ihn, sein Leben, sein Schicksal, seine Fehltritte und seine Hilflosigkeit. Und als wäre sie über ihn so traurig, und als gälte ihm ihr Mitleid, und als sei sie gekommen, um ihn aus der Bedrängnis der Welt zu erlösen und in andere Welten mitzunehmen. Ihm iächelte sie zu und ihm offenbarte sie alles, alles himmlische und irdische Glück ohne Grenzen. „Oh, himmlische Seligkeit, du, die du begnaden kannst, unendlich mit dem Glücke deines himmlischen Reichtums begnaden kannst! Sei gelobt dafür, daß du gekommen bist! Oh. laß mich in meiner ganzen Ohnmacht deinen beflügelten Brüsten folgen! Führe, mich von dieser Welt in deine Gnade herein, auf deinen leichten Flügeln!" Pastila fiel vor dem Bilde in Ohnmacht ... Während Pastila von seinem hohen Gerüst mit einer Kerze in , der Hand herunterstieg, beleuchtete der Kerzenschein das jüdische Mädchen, das in einiger Entfernung von dem alten Juden auf Kleidungsstücken und Kissen in eines: Winkel der Kapelle unter einer Säule lag. Der himmelblaue Mantel, den sie (auf Pastilas Bild) beim -kifsteigen in den Himmel abgestreift hatte, bedeckte sie jetzt, und unter ihm zeigten sich ihre nackten kindlichen Füße und ihr Gesicht, das auf ihrem Haar ruhte. Ejnen Augen-, blick lang schien es-Pastila, als sei die Göttin seines Bildes vom Himmel zurückgefallen, als läge sie da, wie ein niedergeschossener Vogel, ihm zu Füßen. Allein bald, wurde das Bild in seinen Augen zu dem richtigen Mädchen, der lebenden, fliehenden, auserwählten Menschentochter. Er sah es: da lag nur eine arme verfolgte Jüdin, die sich bei ihm vor den Häschern der Inquisition verborgen hielt. Er wollte sich schon leise zurückziehen, aber der Lichtschein fiel nochmals auf ihr Gesicht und beleuchtete es. Und dieses Gesicht erinnerte ihn an jenes, vor dem er eben erst niedergekniet war, vor dem er gebetet hatte, seine Trägerin möchte ihn in die himmlische . Fülle hineinführen — nur daß jetzt dieses Gesicht dm Schlaf irdische Hilflosigkeit ausdrückte. Die geschlossenen Augen waren so unschuldig und so hilflos-menschlich, wie die Augen einer Taube, wenn . der Schlächter kommt, um sie zu schlachten. Und . auf den gesenkten Lidern, lag der Ausdruck einer schwachen menschlichen Liebe, die seine Göttin auf dem Bilde nicht besaß. Und er sah, daß die Mutter unseres himmlischen und irdischen Glückes nicht in die Höhe zu Gott floh, sondern wie ein niedergeschossener armer Vogel 'ihrn untertänig zu Füßen lag. Da-übermannte ihn ein mächtiges, unbezährn- bares Verlangen, den Leib zu sehen, den lebendigen . atmenden Körper «seiner Göttin. Mit bebendem Herzen ergriff er den. blauen Samtmantel, zog ihn von dem schlafenden Mädchen herab — und nun lag sie enthüllt, nackt vor seinen Augen. Ihr Körper war dem seiner Göttin ähnlich. Die von ihm gemalte Madonna war auch mädchenhaft, leicht und eben erst reif geworden, wie der Körper, den er Fra Angelico entlehnt, hatte. Allein das lebende, atmende Mädchen war irdisch menschlicher, und daher heiliger . . . In den Falten ihres Schoßes, . in den lieblichen Grübchen ihres Leibes lag Begierde , und war zugleich die Erlösung des Menschen ausgeprägt. Er war der Ausdruck unserer Wünsche und unserer Sehnsucht*,Und es schien Pastila. als sei in dem lachenden lebenden Körper das Heil und das Ziel unseres Lebens ausgeprägter als auf dem Bilde. Er kniete vor dem Körper nieder. Er verrichtete kein Gebet. Aber mit brennend leidenschaftlichen Lippen küßte er den Saum des himmelblauen Mantels, den er von dem Mädchen herabgezogen hatte, und der von der Berührung mit ihr noch warm war. Dann stieg er wieder auf sein Gerüst zu dem Bilde herauf, um den Leib seiner Göttin mit dem himmlischen Reichtum auszustatten, den die MttK schentöohter beste*» , •, (Fortsetsmig foltfj

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