Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711623--0117-2713236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
/' Nr. 9 m mmvmz ' Seite ff DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (9) Der römische Pöbel hatte stets geglaubt, daß sich im Ghetto Zauberer und Zauberinnen befanden, daß die jüdischen Frauen ein Bündnis mit dem Satan geschlossen hatten und daß dieser ihnen die Macht verliehen und das Mittel gezeigt hatte, stets jung zu bleiben, sich die Frische ds Körpers und das jugendliche Aussehen des Gesichtes zu erhalten und das Haar auf jede Weise zu färben. Das Volk glaubte, daß die jüdischen Frauen einen Trank kannten, mit dem sie in jedermanns Herz Liebe einpflanzen und ihn sich untertänig machen konnten. Die Chronisten jener Zeit erzählen uns, daß die schönsten Kurtisanen Roms sich in das Ghetto zu begeben pflegten, um bei den jüdischen Frauen nach dem Geheimnis der unvergänglichen Jugend zu forschen, das diese direkt vom Satan erfahren hatten. Im übrigen aber glaubte der Pöbel, daß der Teufel Macht nur über den Menschen und über alles, was diesen betrifft, wie Glück, Größe und Macht, besaß. Dagegen hatte er, ihrem Glauben zufolge, keine Macht über das Heilige und Göttliche; so daß der Teufel niemals an die Stelle Gottes treten konnte. Daher war es denn der Kirche trotz aller ihrer Anstrengungen dennoch nicht gelungen, dem Pöbel einzureden, daß der Satan die Juden gerettet habe. Der Umstand, daß die heilige Mutter selbst erschienen war, bestärkte vielmehr den Pöbel in seinem Glauben, und die Legende von der heiligen Mutter, die im jüdischen Ghetto weilte, schlug im Volke, gegen den Willen der Priester und trotz des ohnmächtigen Zornes der Kirche, feste Wurzeln. „Selbst ein so heiliges Wesen ist allen Schwächen einfacher Sterblicher unterworfen. , Sie hat gesehen, daß man ihre Volksgenossen peinigte, und sie kam, sie zu retten", behauptete das Volk in den Kirchen. „Es ist kein Wunder — das Blut ruht nicht, und. mag es sogar in den Adern-der heiligen Mutter fließen, es wird doch , zum eigenen. Blut hingezogen." „Jeden zieht es zu den Seinigen." „Und ich sage: man muß mit den .Verdammten' vorsichtig sein. Wenn sie auch verdammt und verstoßen sind, so haben sie doch eine zu starke Hand im Himmel. Ja; der Gekreuzigte selbst war, obwohl er Gottes Sohn ist, vor allem "ein Jude. Und so sehr er sie auch verleugnen mag — sobald er sieht, daß man sie martert, so gibt es ihm doch einen Stich ins Herz." „Und sie ist eine Jüdin, und obwohl sie ihren Sohn gekreuzigt haben, kann, sie sich dennoch -nicht von ihnen lossagen, genau so wie eine Schwiegertochter im Hause des Schwiegervaters es stets mit ihren' Brüdern halten wird...." fügte eine Frau hinzu. Die, Kirche erblickte indes in dem Gerede des Volkes eine Gefahr und forderte die Inquisition auf, die Zauberin zu finden und sie öffentlich zu verbrennen. Mehr brauchte die Inquisition nicht. Jeden Abend überfielen ihre Häscher das Ghetto. Man zerrte aus den Häusern Frauen und Mädchen hervor und zwang sie durch Folterqualen, zu gestehen, daß sie in Verbindung mit dem Teufel> standen. Auf diese Weise hatte man in Rom bereitseinige. Zauberinnen öffentlich verbrannt. Allein diejenige, nach der man suchte, fand man nicht. Und die Legende von der heiligen Mutter, die im jüdischen Ghetto' weilte, war aus den Worten und aus dem Gedanken des Volkes nicht auszurotten... * Der junge venetianische Maler Pästila. der der eigentliche Urheber' der Rettung der Juden war,' hätte unterdessen den blinden Juden und seine schöne Enkelin aus dem Ghetto-herausgeführt untd sie in der leeren Kirche versteckt, in .der er die Fresken der Bilder aus dem Alten und dem Neuen Testament für die Nonnen vom heiligen Orden des St. Antonius malte. Die Kirche zum „Heiligen Herzen" lag in einer entfernten Straße, umgeben von einem großen Park und einer hohen Mauer. Öie Kapelle, in der Pästila seine Fresken malte,"hatte einen geheimen Eingang, dessen Schlüssel er' besaß." Und dort hielt er seinen Schatz verborgen. Josef-Pinsi, der Landsmann und Freund der. Flüchtlinge, -bei -dem der blinde Rabbi Jakob gewohnt hatte, kehrte in dafl Ghetto zurück. Allein hier niemand seines Lebens sicher. Die Juden, denen das Leben in Rom unter der Herrschaft Pauls IV. unerträglich wurde, sschten Wege, um von Rom nach Urbino zu flüchten, dessen Fürst sie, um den Papst zu ärgern, aufgefordert hatte, sich in Pesaro niederzulassen. Pastila hatte versprochen, den alten Rabbi Jakob mit seiner Enkelin nach Venedig zu geleiten. Bevor sie sich von Josef Pinsi trennten, den sie eigentlich a*s ihren Verwandten betrachteten, verabredeten die Flüchtlinge, sich in Ancona, dem Hafen, der Rom am nächsen lag, zu treffen. Dort wollte Pastila für sie ein venezianisches Schiff besorgen, Von Schalom Asch das sie alle nach Venedig bringen sollte. Vön Venedig aber konnten sie auf einem der türkischen Schiffe, die den Juden gehörten und damals ständig zwischen Konstantinopel und Venedig verkehrten, in das. Reich des Sultans gelangen, wo Juden und Marranen in Ehren und im Reichtum lebten und wo ihre Landsmännin und Beschützerin, die reiche Grazia Mendesia mit ihrem Schwiegersohn, Josef Nassi, zu großer Macht am Hofe des Sultans gelangt war. Josef Pinsi, der Verwalter und Agent des Hauses Mendesia in Rom, hate ein großes Vermögen in Seidenstoffen, Juwelen und Edelsteinen angelegt und wollte sie von Rom nach Venedig mitnehmen. Es gab aber damals noch keine Landwege in Italien. Wollte man Waren befördern, mußte man sich entweder des Wasserweges bedienen oder Packesel in Begleitung von Wächtern und Reitern benützen.'Indessen waren die Karawanenwege sehr gefährlich, und einem reichen Juden brachten sie unweigerlich den Tod. Aber Pinsi blieb nichts anderes übrig, als Packesel von Rom nach Ancona zu mieten, obwohl er in Ancona Gefahr lief, von der Inquisition erkannt" und nach Beschlagnahme seines Vermögens verbrannt zu werden. So beschlossen denn die Flüchtlinge, die Reise insgeheim, unter fremden Namen, als venezianische Kaufleute zu machen, und Pastila versprach, ihnen, venezianische Kleider und Zeugnisse zu beschaffen, die bekunden sollten, daß sie unter dem Schutze der venezianischen Republik ständen. Eigentlich war das Verhältnis Pastilas zu den Flüchtlingen nicht, klar. Warum nahm er sich ihrer an, warum tat er das alles für sie? Obwohl es damals keine Seltenheit war, daß einzelne Christen in recht engem Verhältnis zu den Juden standen,, empfand der alte Rabbi Jakob, dessen einziges Glück seine Enkelin Jephtha war, und dessen einziger Lebenszweck darin bestand, diese Enkelin, die Tochter seines geliebten Sohnes Josef, der auf dem Scheiterhaufen von Lissabon als Glaubensmärtyrer sein Leben gelassen hatte, wohlzubehälten, in der ersten Zeit dennoch eine unbestimmte Angst. Wenn Pastila da war, pflegte der Alte die weiße Hand des Mädchens in seiner Rechten zu halten, wobei er seine zitternde Linke nicht von Jephthas Schulter nahm, als befürchtete er etwas. Allein Pastilas aufrichtiger Ton, seine Zurückhaltung und Ehrlichkeit im Verkehr mit ihnen, vor allem aber der Umstand, daß er sein Leben riskierte, um ihr Leben zu retten — dies alles erweckte selbst in dem alten Rabbi Jakob Vertrauen zu dem Fremden. Andererseits blieb, ihm aber einfach nichts weiter übrig, als Pastilas Hilfe anzunehmen. Noch immer veranstaltete die Inquisition Jagden auf das Ghetto. Jeden Abend wurden andere jüdische Häuser überfallen und junge Frauen und Mädchen hervorgezerrt, die fromme Gesichter und bescheidene Augen hatten und nur einigermaßen an jene Erscheinung erinnerten, die sich im Wasser gezeigt hatte. Man warf sie in die Keller, der Inquisition und zwang sie durch verschiedene Folterqualen, zu gestehen, daß sie ihre „Schönheit vom Satan und ihr edles Aussehen durch Zauberei erhalten hätten. Dann ver-, brannte man sie öffentlich in den Straßen Roms. . . VIII. Das Doppelherz. In der Kapelle der Kirche zum „Heiligen Herzen", in der Pastila. seine Fresken malte, drang in der Abenddämmerung durch das tiefe Bläu und Gold, mit denen die Figuren der Heiligen in' den Kirchenfenstem ausgemalt waren, warmes, bräunliches Licht herein und erhob sich gleich einer-Staubwolke in der Luft der Kirche. Zwei lichte Staubsäulen, die durch die Augen der Heiligen wie. aus tiefen Quellen hervorstrahlten, zogen sich durch den Raum, dehnten sich von einem Ende der Kirche zum andern aus und beleuchteten auf ihrem Wege mit einem seltsamen und unheimlichen Licht die Patriarchen, Propheten, Apostel und Heiligen, die an den Wänden von Pastilas Fresken herabblickten. In einer Ecke der unheimlichen Kapelle, in der Gesellschaft all der Heiligen, die durch das Licht Bewegung und Leben erhielten, hielt sich der alte .blinde . Rabbi Jakob auf, der während des Tumultes. im Ghetto etwas verwirrt geworden war und nun nicht mehr wußte, wo er sich befand. Er lag' dort stets unbeweglich und schnalzte nur mit den Lippen/ Neben ihm aber befand sich stets seine Enkelin Jephtha. Auf einem hoch oben augebrachten Gestell saß der Maler Pastila bei seiner Arbeit, Von Zeit zu Zeit bückte er aus seiner Höhe herab und betrachtete die lebende Gruppe in der Ecke. Die Strahlen, die den Raum der Kirche durchkreuzten, erfaßten auch Jephthas Haar und fielen seitwärts auch auf ihr Gesicht, Pastila sah die seiirlag, Wien—Leipzig, digen, gekräuselten dünnen Locken, die von ihrem glattgekämmten Kopf sich loslösten und zierlich über ihren weißen Nacken fielen. Er sah ihre feine dunkle Haut, ihr trauriges Lächeln und die verführerische Keuschheit in ihren Augen. Hier in den goldenen Lichtstrahlen, die durch die Fenster hereindrangen, in der l'iefe der dunklen Ecke, im Schatten der weißen Säulen, umgeben von allen den Heiligen und Patriarchen, die von den Wänden herabblickten — hier sah das jüdische Mädchen noch mehr als sonst wie die Heiligkeit selbst aus. Die Gruppe dort in der Ecke, der blinde, so naiv um sich blickende Jude mit seinem spärlichen grauen Bart und kahlen Kopf, und neben ihm die weltverlorene, trauernde Tochter — diese Gruppe sah aus, als wäre eine der Szenen, die Pasrila auf den Kirchenwänden gemalt hatte, von der Wand herabgekommen und bewegte sich jetzt . . . Ja, so hat sie wohl ausgesehen, die Heilige Maria, die Menschentochter, der Gott seine Liebe geschenkt und der Er erlaubt hatte, den Menschen den Trost dieser Welt zu bringen. So mußte sie, Maria, in jener Nacht ausgesehen liaben, als sie sich in einem Zelt mitten unter den Hirten aufhielt, auf dem Felde von Bethlehem, um ihr Kin;d zu gebären, so mußte sie unterwegs ausgesehen haben, damals, als-sie mit Josef, ihrem Manne, nach Aegypten flüchtete. So mußte sie in jenem. Augenblick — dem größten Augenblick seit Erschaffung der Welt — ausgesehen haben, als Gott ihr sein Augenmerk zugewandt hatte und sie erkor, die Auserwählte zu sein. Pastiia war einer von jenen religiösen Malern, deren Begeisterung für die heilige Maria aus himmlischer und irdischer Liebe zusammengewoben war. ,Von Natur aus und durch Erziehung religiös, liegte er für die Mutter Gottes jene Verehrung, wie sie nur tiefreligiöse Menschen in ihrer höchsten Ekstase empfinden." Aber je tiefer das religiöse Gefühl in ihm Wurzel faßte, desto sündiger erschien ihm das Empfinden seines Blutes, dieses Rauschen, diese Unruhe im Körper, dieses Webe des Teufels in der Begierde... In das Gesicht der Madonna blickend, die Hände zu ihr emporhebend, vor 'ihr niederkniend, betete er dann, sie möge ihn von jeder menschlichen Schwäche befreien, ihn erheben und ihn in das himmlische Reich der Reinheit und der Lauterkeit einführen. Aber wenn er in 'Seiner Phantasie in die himmlische Fülle der Reinheit un,d Lauterkeit kam; fühlte er sich ihr' so nahe, so umschlungen Von. ihrer Liebe und Güte, so eins mit ihr, daß er nicht mehr wußte,, ob es eine Sünde,' eine" Lästerung der höchsten Reinheit, oder aber eine Auszeichnung, eine besondere Gnade war, die sie ihm erwies . ... Visionen und Gestalten peinigten ihn oft in den. Nächten — er träumte von menschlicher, leiblicher Berührung mit seiner Göttin, schwebte an .ihren Brüsten im himmlischen Wonnen . . . und seih Gewissen wurde '<Jan'n von Reue und Bangigkeit geplagt. . '" ' ' \ In, Jephtha, dem Mädchen aus dem jüdischen Ghetto, erblickte er die Verkörperung der heiligen Maria. Er glaubte,' ebenso wie viele damals glaubten, die Gottheit steige1 zuweilen auf die Erde hernieder und nehme menschliche Gestalt an. Er war überzeugt, daß. die heilige. Maria sich aus irgend einem unbekannten Grunde und r zu einem unbekannten , Zweck herbeigelassen habe, sich in dem Mädchen zu verkörpern. Das VVun;der, das durch Jephtha auf dem Wasser geschehen war, als der ganze römische Pöbel plötzlich verblüfft war und in ihrer.'Erscheinung die heilige Mutter zu sehen glaubte — dieses Wunder bestärkte den Maler noch in der Ueberzeugung, daß . der , heilige Geist ..über dem Mädchen schwebe. Er vergötterte Jephtha — aber nicht nur deshalb, weil •ihre Erscheinung so; sehr an das Bild der heiligen Mutter gemahnte,, jenes Bild, das er in seiner Phantasie im Herzen trug —• jetzt, da' sich das Bild in Fleisch und Blut verkörpert hatte, beweglich war, zu ihm sprach tiqd ihn ansah — ergoß sich sein unerfülltes Verlangen, das in ihm nach jener heiligen Gestalt brannte, wie glühendes Blei in sein Blut, überschwemmte seine Adern — zog ihn zu ihr . . . Die Begierde nach ihr brannte in ihm mit einer Macht, die nur durch sejinen religiösen Glauben bezähmt wurde — und dieses heiße, unerfüllte Verlangen, seines Fleisches und seiner Seele legte er in das Bildnis der helligen Mutter, hinein, das er insgeheim von dem Judenmädchen für die Nonnen der Kirche zum „Heiligen Herzen" malte. 9. Das Bild. PastÜa hatte sich Zeichnungen und Skizzen von Jephthas JCopf und ihrem Gesicht gemacht und ihre Bewegungen mit Strichen festgehalten. Er betrachtete sie fleißig während der Zeit, da sie sich in der Kirche aufhielt und er die Möglichkeit hatte, sie zu beobachten. .(Fortsetzung folgt,)