Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 8 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nfc 9 DIE NEUE WELT Stalte ti DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (8) Von Schal om Asch «affi^Ä Das Wasser stand hoch, manchen reichte es bis zur Mitte des Leibes, anderen sogar bis zum Hals. Aber die Juden gingen dennoch vorwärts. Es waren da Mütter mit Kindern auf den Schultern; Väter, die ihre Kinder auf den Händen, trugen. Manche hielten Thorarollen hoch, andere trugen Greise auf ihren Armen. Als sie schließlich die Seite der Mauer erreichten, auf der der Heilige Vater saß, streckten sie die Thorarollen •und ihre Kinder zu ihm empor und flehten ihn an: „Oeffne, öffne die Tore des Ghettos, sonst ertrinken wir." „Im Namen Gottes, rettet uns!" „Wir sind alle römische Bürger. Die Päpste haben uns stets in Schutz genommen." Der Papst hörte die Bitten an, in seinem Stuhle sitzend, dann befahl er durch ein Zeichen mit seinem beringten Finger dem Gouverneur von Rom, der sich ebenfalls in seinem Gefolge befand, die Juden zu beruhigen. Darauf erhob sich der Gouverneur von seinem Sitze und rief den Juden zu: „Als der Heilige Vater von dem großen Unglück hörte, das euer Ghetto heimgesucht hat, konnte er nicht ruhig in seinem Heim bleiben, und ist nun gekommen, um euch zu helfen ^— nicht etwa, weil ihr es verdient, sondern weil uns Gott befohlen hat, unsere Feinde zu lieben." „Wir wußten, daß der Heilige Vater sich unser erbarmen würde", antworteten die Juden -in stürmischer Freude aus dem Wasser. „Die Tore des Ghettos können wir nicht öffnen," fuhr der Gouverneur fört, „sonst würde das Wasser aus dem Ghetto strömen, die benachbarten Straßen überschwemmen und vielleicht .auch die heilige Kirche St. Angelicas beschädigen." „Was nun? Erbarme dich unserer Kinder, Heiliger Vater! Wir ertrinken'ja!" „Ihr ertrinkt nicht, ihr ertrinkt nicht", entgegnete der. Gouverneur Roms und äffte die bittenden Juden nach, zur Freude und Belustigung des ganzen römischen Pöbels, der auf der Mauer in brausende Zurufe ausbrach. „Der Heilige Vater hat bereits Befehl gegeben, und fünfhundert christliche Soldaten arbeiten schon für euch, ihr verfluchten Juden. Sie, befestigen wieder die Dämme, die das Wasser zerstört hat. In einigen Stunden erwarten wir das Sinken des Wassers." „Aber bis dahin werden wir alle längst ertrunken sein", weinten die Juden. „Ihr werdet nicht ertrunken sein", äffte der Gouverneur die flehenden Juden wieder nach. Und der Pöbel auf der Mauer antwortete abermals mit einem Echo. Bald darauf trieben die Schweizer mit langen Hellebarden die Juden von der Mauer zurück. Die Ertrinkenden hoben ihre Augen gen Himmel in ihrer Hilflosigkeit. Es waren Leute verschiedenen Alters da, Männer und Frauen, die halb nackt mif nassen Kleidern im Wasser standen. „Bei vielen war die be-. haarte Brust entblößt, schiefe Schultern, eingesunkene Köpfe und Augen, in Todesangst vor sich starrend, kamen zum Vorschein. Die 'bartigen Gesichter, die aus dem Wasser emporblicktön,' reizten aber die Zuschauer zum Lachen, und'derPöbel stillte nach Herzenslust seine Schaugier an den drollig verwachsenen, weinenden Männern und Frauen. Manche von diesen konnten sich schon nicht mehr auf den Füßen halten. Das Wasser zog sie wie Holzsplitter in den Strudel hinein und schleifte.sie mit Besonders, \yaren es die Frauen, die dem nassen Element keinen Widerstand mehr zu leisten vermochten. Das Wasser riß ihnen das Hemd oder das letzte Kleidungsstück voni Leibe und entblößte sie. 'Die vrte leere Säcke schlaff herabhängenden Brüste der alten Frauen, die verschrumpften Körper der alten Juden, die harte Spuren verschiedener ausgestandener Qualen aufwiesen, erweckten den- Spott-des-Pöbels. Die Schwäche und die Unbeholfenheit der halbnackten Menschen wirk- ^ten drollig und riefen statt, des,Mitleids nur das Qer fühl der Verachtung hervor, und der Pöbel ergab sich ganz seinem Lachreiz und seiner übermütigen Laune'. Die Zuschauer hatten jedes' rrierfschliche Gefühl, jedes 'Mitempfinden mit lebenden Wesen verloren. Sie sahen in den komischen Gestalten, die im Wasser mit erschrockenen Augen herumplätecherten und einen Ausweg suchten, um ihr Leben zu retten, nichts mehr als einen Lachreiz, als ginge es um Hunde, Katzen oder Ratten, die im Wasser ertranken. Das Lachen steckte alle an, Arme und Reiche, Pöbel und Aristokraten. Es lachten der Kardinal und der Handwerker, der Mönch und der Soldat, die Nonne und die Dirne — allen, allen war das, was vor ihren Augen vorging, mir ein Schauspiel. Alle, alle, vom Heiligen Vater bis zum letzten Landsknecht, belustigten sich .. über den Totentanz, den der Todesengei vor ihnen aufführte. Alle Gesichter waren vor Aufregung erhitzt. Die Augen glänzten, die Lippen lachten und die Hände fächelten, die Herren mit ihren wollenen Schals, die Damen mit ihren Tüchern, die Mönche mit ihren Kirchenfahnen, die Landsknechte mit ihren Piken — alles lachte, lachte, lachte. „Seht den Roten dort mit dem roten Bart, seht seine rothaarige Brust, seht, seht, er wackelt wie ein Trunkener." „Er ist berauscht vom Wasser: er hat für heute genug davon getrunken." „Venus, du Göttin der Schönheit! Du mußt den Papst bitten, daß er dir diesen Mann schenkt. Du wirst ihn in deinem Lustgarten aufstellen und wirst dann die einzige Venus sein, die einen roten Pan besitzt. Die Götter werden dich beneiden!" bemerkte Kardinal Farnese zu der schönen Kurtisane Imperia, die mit ihrem Gefolge von Liebhabern und Liebhaberinnen einen def besten Plätze auf der Ghettomauer innehatte. „Ein solches Glück würde ich dem Juden gar nicht gönnen, in dem Garten der Venus zu stehen und zuzuschauen, wenn sie jeden Morgen zwischen den Zweigen in der Quelle des .Liebeswassers4 badet. Oh, ich würde bald mit ihm tauschen", bemerkte der junge floreritinische Gesandte zu der schönen Imperia, worauf die schöne Kurtisane ihm den Nagel ihres kleinen Fingers zu küssen gab, als Belohnung für das Kompliment ... „Seht, seht dort, den da. mit dem dicken Bauch. Er wackelt schon auf seinen Füßen. Guck' noch eine Minute hin und du wirst erleben, wie sein kahler Schädel wie der Vollmond im Wasser untergeht", lachte man in einei" ändern Gruppe und zeigte-mit der Hand auf den Juden. „Schade, solch fetter Leib geht nutzlos verloren", lachte ein Marin. „Was würdest du denn mit ihm anfangen?" „Er würde einen guten Würmerköder abgeben, um Fische zu fangen." /■;, Das Lachen dröhnte von der W.nüer auf das Wasser hinab. „Seht, seht nur, seht, sehtt wer schwimmt' denn da?" - „Was ist das?" ' ■■'>'••■■■■■ : ■ < „Was ist das?" ' Das Lachen begähn "schließlich zu verstummen, und die Zuschauer wurden allmählich von; Angst und Staunen gepackt und von dem Anblick, der, sich ihnen jetzt da unten darbot, uberwältigt. Und die Schönheit dieses Anblickes ließ sie erschauern und verstummen. Aus einem Gäßchen kam auf einem Brett oder auf einem Möbelstück — es war von oben nicht zu erkennen — eine junge Frau geschwommen. Ihr zu Füßen lag auf einem Gegenstand, der-wie ein Ballen Stoff aussah; ein grauhaarige/Greis. Die Frau war fast nackt. Die bloße gelbe Tunika, die sie um sich geworfen hatte, wär durchnäßt und ihr von Armen und Rücken abgeglitten. Reizende runde Schultern kamen zum Vorschein, die edel geformt waren, und deren Linie gleich einem Wasserfall leicht nach unten schwebte. Ihr durchgebildeter muskulöser Rücken leuchtete in den Strahlen der Sonne* die mit iseinen Muskeln spielten. Das volle, feine, schwarzglänzende Haar wallte auf den Leib herab und verdickte die hohen, festen,; strotzenden jungen'Brüste, - die durch das Haar wie rosige Flecke - hindurchschimmerten, gleich Sonnenstrahlen, die durch dichtes Laubwerk brechen... Das Mädchen flehte ,aber nicht, erhob nicht hilfesuchend zu dem, Pöbel ihre Hände, sondern hielt, als schämte sie sich ihrer . Nacktheit, ihren Kopf auf die Brust gesenkt.; sie .kniete und blickte nur mitleidig auf den Greis, der gleich einem Opfer, gleich einem Gemarterten ihr zu Füßen lag. Und ihr Gesicht, ihre ganze Gestalt drückten so viel Liebe und so viel Trauer aus, daß der Pöbel plötzlich eine gewisse Scham vor dem ganzen Schau* spiel verspürte. Nacheinander verstummte das Geschrei, das Lachen, das Geräusch, und auf. der Mauer wunle. es totenstill. ' Der römische Pöbel, der an den Anblick der Schönheit der göttlichen Bilder von jeher gewöhnt ' war,-sah in der Frau etwas wie eine himmlische Erscheinung. Es schien den Leuten, als hätten sie. diese Gestalt schon irgendwo gesehen, urid auf viele wirkte sie wie eine Fata Morgana, wie etwas Uebernatürliches. Es war ihnen, als wohnten sie einem Wunder bei. Die Nacktheit der Frau, ihr trauriger Blick, und ihr biegsamer Körper, der denselben keuschen Reiz ausübte wie ihr Antlitz, versetzten die Zuschauer fast in eine andächtige Stimmung. Dfcr selv/erfälligeu Juden achtete man nicht mehr und lachte auch nicht " mehr über die nackten Weiber in den Fluten. Im Gegenteil, die Juden mit den Thorarollen in den erhobenen Händen, die alten, verwachsenen Frauen mit Kindern auf den Armen, ihr Weinen. und ihr Flehen — alles rückte jetzt durch die Erscheinung der schwimmenden nackten Schönheit in ein ganz anderes Licht. Alles wirkte jetzt wie eine Verkörperung einer biblischen Szene und es war, als schritte eine Gruppe von Heiligen durch das Meer und ihnen voran die heilige Mutter, die „trauernde Gottesmutter". Da und dort hörte man schon ein Gemurmel, das wie ein leiser Wind durch den Pöbel ging und sich über die Mauer verbreitete. „Retten!" „Die Menschen ertrinken ja!" „Eine Schande vor Gott ist das!" „Eine Sünde! Eine Sünde!" Da plötzlich tauchte jemand im Wasser auf, das ihm bis zum Halse reichte. Es war ein hochgewachsener Mann. Er kam aus einer Seitengasse und näherte sich dem schwimmenden Brett, auf dem die nackte Frau neben dem Greise kniete. Sobald aber der Mann das Brett erreichte, zog er unter dem Wasser ein hohes eisernes Kreuz mit einem daran befestigten Christusbild hervor, erhob dieses Symbol über die Köpfe der nackten Juden und zeigte es dem Pöbel, der auf der Mauer herum saß. Ein Schrecken erfaßte die Zuschauer. Hie und da ließen sich schön Gruppen von Mönchen auf die Knie nieder, und plötzlich ertönte Kirchengesang, weit und breit über der Mauer, dem Wasser, dem Ghetto und über ganz Rom hinüber hallend. „Die heilige Mutter schwimmt dort, die trauernde Gottesmutter!" „Christenyolk, seht, seht! Gottes Mutter schwimmt da!" Alle Augen wandten sich nach dem Zelt, in dem der Heilige Vater mit seinem Gefolge saß. Aber Paul IV. verhüllte sein Gesicht mit seinem roten Mantel und wollte nicht aufblicken. Da aber brach es plötzlich wie ein Sturm aus. Hie und da erhoben sich Hände und zeigten auf den Papst. Und durch das Volk ging ein Gemurmel: - „Retten!" „Die Ghettotore öffnen!" . „Retten, retten!" . „Ein Sünder!" rief ein Mönch und zeigte mit seinem Kreuz auf den Papst. „Antichrist!." ' \:: „Der Teufel sitzt auf dem Throne Christi!" '; „Antichrist!" Aber'die schweizerischen Söldner drängten mit ihren Piken und; Hellebarden die gereizte Menge, zurück, machten den Weg für den Papst frei, und Paul IV. verließ mit seiner Begleitung die Ghettomauer. Einer nach dem andern verschwand/ die Kardinäle, die Kurtisanen, die Signori, die hohen Würdenträger der Kirche und die Machthaber Roms und der Welt, und ließen die in der Sonne schillernden farbenreichen Gobelins und Teppiche auf der Ghettomauer zurück. Die Tore des Ghettos aber sprangen auf, das Wasser strömte heraus, und es schien, als wollte es nunmehr Rom überschwemmen. VII. Die Legende. Bald darauf verbreitete sich in Rom die Legende, daß die Heilige Mutter auf Erden erschienen wäre. Sie hielte sich —: erzählten sich die Leute — irgendwo unter ' den Juden im Ghetto auf und habe aus irgend einem unbegreiflichen Grunde und zu einem unbekannten Zweck die Ungläubigen vor dem Untergang gerettet. Mönche verschiedener Orden, Nonnen und überhaupt fromme Christen stahlen sich in das Ghetto hinein und^ warfen verstohlene Blicke in die Gewölbe und in die verschlossenen Häuser, in der Hoffnung, daß sich dort vielleicht jene zeigen würde, zu der sie beteter., in deren Händen sich die Schlüsse1, des Diesseits und? Jenseits befanden — jene, die sich einst herbeigelassen hatte, dem verdammten Volke anzugehören, und nun zu diesem Volke zurückgekommen war und sich wieder in seiner Mitte aufhielt. Vergeblich wiesen die Kardinäle und Bischöfe die Priester an, das Volk in der Kirche darüber aufzuklären, daß es nur eine Zauberin gewesen sei, die sich Satans Macht zunutze gemacht und so die Gestalt'der heiligen Mutter angenommen hätte, um das christliehe Volk zu täuschen. Es fanden sich sogar Zeugen, die in den Kirchen vor dem «versammelten Volke bekundeten, mit eigenen Augen gesehen zu haben, daß die Frau, die auf dem Brett geschwommen war, unter ihrem Kleid Ziegenbeine hatte. Andere erzählten wieder, im Judenghetto eine Frau mit Hörnern auf dem Kopfe aus einem Hause herauskommen gesehen zü haben." Allein das Volk stand zu sehr unter dem Eindruck des selbstgeschauten Bildes, und die Legende über die heilige Mutter verbreitete sich unter dem Pöbel unaufhaltsam weiter. (Eortsetzung folgt.)