Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 7 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nf.7 Die Ausgrabungen in Ur. Abrahams Geburtsstadt aufgedeckt. Die'vom britischen Museum und der Universität von Pennsylvania gemeinsam durchgeführten Ausgrabungen in der Gegend von Babylon haben vor wenigen Monaten zur Freilegurtg einer Stadt geführt, in der man den Geburtsort Abrahams, der in der Bibel als Ur in Chaldäa bezeichnet wird, gefunden zu haben glaubt. Es wurde eine ganze Reihe von J-Iätisern ans Licht gebracht, die fast unversehrt sind, so daß man auch hinsichtlich des täglichen Lebens jener Generation, die vor mehr als 4000 Jähren lebte, wertvolle Aufklärungen erhält. Die Leiter der Ausgrabungen stellten in erster Linie fest, daß die Zeitgenossen Abrahams vielleicht die besten Baumeister des Altertums waren. Die Häuser sind durchwegs aus gebrannten Ziegeln, die vollkommen den heute hergestellten entsprechen. Nach den Angaben der Gelehrten, welche die Ausgrabungen leiten, sind sie in ihrer Einteilung den Häusern der jüdischen Gemeinden in Rußland und Polen so ähnlich, daß der enge Zusammenhang zwischen den beiden Baustilen — trotz der dazwischen liegenden Jahrtausende — augenblicklich einleuchtet. Eine besondere. Eigenheit dieser Häuser aber besteht darin, daß ihre Kellerräume planmäßig als Begräbnisstätten verwendet wurden. Unter den Funden, fällt die große Zahl der Mittel und Geräte auf, die der Pflege und Erhaltung der weiblichen Schönheit dienten. Diese fanden sich an einzelnen Stellen an solchen Mengen vor, daß man auf Schönheitssalons in diesen Räumen schließen muß, die — was sich aus der wunderbaren Feinheit der gefundenen Werkzeuge ergibt — von den Schönen der Stadt dn großzügiger Weise unterstützt wurden. So kam zürn Beispiel unter der fast fünf tausendjährigen Sandschicht eine absolut unversehrte Toilette- und Manikürgärnitur von ganz wundervoller Schönheit zum Vorschein, die in ihrer vollkommenen künstlerischen Ausführung und Unversehrtheit auch heute dem Toilettetisch jeder gepflegten Frau zur höchsten Zierde gereichen würde. Ein entzückender meisterhaft gefertigter Spiegel mit einem Griff an Form einer Lotosblume, Manikürwerkzeuge, Puderdose, Elfenbeindöschen zum Aufbewahren von Lippen- und Augenbrauenschminken und ein feinzahniger Elfenbeinkamm sind einzelne Teile dieser Garnitur,.die in Facon und Ausführung sogar vollkommen modern ist. Noch interessanter aber^sind die Zeichnung e n und die in mehrere tausend Tafeln eingeätzten Aufzeichnungen, von denen bisher zwar nur ganz wenige entziffert sind, aus denen aber — im Zusammenhang mit den gefundenen Schönheitsmitteln —- 'schon jetzt, klar hervorgeht, daß alle die Lebensäußerungen und Gebräuche, die man so gerne als die Auswüchse der heutigen Mode verurteilt, auch schon zu Abrahams Zeiten zu finden waren. Das Material, aus dem die gefundenen Lippenschminken und Augenstifte hergestellt sind, entspricht fast vollkommen dem heutigen, die 4000 Jahre alten Parfüms aber verbreiten solch wundervolle Düfte, daß unsere raffiniertesten modernen Parfüms daneben sich wie minderwertige Ersatzware ausnehmen.. Per Untergang der jiddischen Sprache in Amerika. Man .kann sich zum Problem der jiddischen Sprache wie . immer stellen, man mag ihren Wert als Volkssprache mehr oder minder hoch einschätzen: ein Faktum ist über jeden Zweifel, erhaben. Die jiddische Sprache hat bisher das arnerikanisciie Judentum erhalten. Sie war der Schutzwall, au dem sich die Hochflut der amerikanischen Verschmelzungstendenz brach. Sie prägte dem jüdischen Leben den Stempel auf. Wenn sich nun die Anzeichen mehren, daß dieser Schutz wall abbröckelt, daß die jiddische Sprache tagtäglich an Boden verliert, dann ist allen jenen, die das .amerikanische Judentum erhalten wissen wollen, Anlaß, zu schwerer Sorge um die Zukunft gegeben. Schwindet , die [jiddische Sprache, und der Vorgang scheint unaufhaltsam, dann muß ein anderer, erhaltender Faktor uii ihre Stelle treten: die jüdischnationale Renaissancebewegung, der Zionismus. E|n Drittes gibt es nicht. Wenn der jüdjsehnational c Gedanke in Amerika nicht im gleichen Maße Boden gewinnt, als die jiddische Sprache Boden verliert, dann ist Amerika für das-Judentum verloren. In einem Artikel der Brcslauer „J ü d\ sehen Zeitun g", welcher den Verfallsprozeß der jiddischen Sprache in Amerika behandelt, führt Michael Scheler u, a. aus: Welche Zukunft hat die jiddische Sprache in Amerika? Der große: Strom jüdischer Einwanderung aus Rußland, Polen und Rumänien hat vorübergehend die jüdischen Ansiedlungsrayons auf den Boden der Vereinigten Staaten verpflanzt, mit allen ihren Vorzügen und Nachteilen und mit der unangetasteten Herrschaft des Jiddischen jm Verkelix der Immigranten untereinander. Gegenwärtig ist aber die jüdische Immigration der auf die erste russische Revolution folgende» Jahre (1905 SIEGM. KORNMEHL OROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale IX., Berggasse 19, Telephon 17-3-99 u, 16-9-34 Lieferant f 5 r Heilanstalten ^^}^2SSIlJSL^2^1äSm!L unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinae Wien IX. Bergg. 15 ✓ XVIII., Wahringcrstr. 97 bis 1908) fast restlos amerikanisiert. Eine vollständige Anpassung an die neue Umgebung ist vollzogen. Ich. unterhielt mich vor kurzer Zeit mit mehreren jiddischen Verlegern und Buchhändlern über die Einträglichkeit des jiddischen Buches. Sic alle bestätigten, daß der jiddische Buchhandel kein einträglicher Beruf mehr ist und der Verlag noch viel weniger. Von Tag zu Tag wird das Interesse der jüdischen Einwanderer am jiddischen Buch und selbst an der jiddischen Publizistik geringer. Nur die Tageszeitungen finden ein Publikum, das aus Gewohnheit an ihnen vorderitand noch festhält. Das jiddische Wort ist nicht mehr imstande, die Bedürfnisse der nie rastenden, immer vorwärts drängenden jüdischen Seele zu befriedigen. Selbst der jiddische „Vorwärts", das Organ, welchem die historische Rolle zugefallen ist, in jiddischer Sprache das Bewußtsein des jüdischen eingewanderten Arbeiters zu wecken und ihm kollektiven Ausdruck zu geben, ist dazu übergegangen, einen Teil der Zeitung englisch erscheinen zu lassen, und die anderen jiddischen Zeitungen folgten sofort seinem Beispiele. Dieser Schritt war eine notwendige Maßnahme, um den Fortbestand jeher Zeitungen zu ermöglichen. ' Es sei ferne von mir, das Verlangen nach jiddischer Literatur zu unterschätzen. Es besteht in Amerika noch ein gewaltiges Bedürfnis danach. Es gibt aber nicht mehr jenen geistigen Durst nach jiddischer Literatur, die Au'sschließlichkeit, mit der sie früher die geistigen Bedürfnisse der jüdischen Einwanderer zu befriedigen berufen war, ist dahin. Die alten Talcntc'st erben nach und nach aus und es sind keine jungen da, um ihren Platz einzunehmen. Die jiddische Presse existiert leiblich noch, aber die Seele ist schon dahingegangen. — Jiddisch geht in Amerika rapid seinem Erlöschen zu; es beendet jetzt noch seine historische Mission, um bald dem Englischen als seinem sprachlichen und geistigen Nachfolger den Weg freizugeben. Wie lange wird sich also Jiddisch in Amerika noch behaupten können? Ich bin kein Prophet und hasse Prophezeiungen. Aber die Tatsachen sprechen eine unmißverständliche Sprache. Fast volle hundert Prozent der in Amerika heranwachsenden jungen jüdischen Generation lesen nicht jiddisch und haben an nichts Jiddischem ein Interesse. Der Name Perez ist dem durchschnittlichen amerikanischen Juden so fremd, wie der Jack'Londons einem durchschnittlichen Zuluneger. Ein Beispiel: es gibt eine einzige Monatsschrift in jiddischer Sprache. „Die Zukunft", die tapfer und in bewunderhs* werter;. Weise das Beste aus der jiddischen Literatur darbietet. Ihr rHerausgeber,. Herr Lewin, ist ein begabter , Schrif jst.piler und Dichter, seine Mitarbeiter sindtalentierte; und gelehrte Autoren. Nichtsdestoweniger kann sich „Die ZU;Jcun,ft" nur eines sehr geringen Leserkreises ^hmen; ' Fasseh wir unsere Analyse des gegenwärtigen Zustände's;der .jiddischen Presse zusammen, dann ergibt Sich das folgende; Resultat: , : r '. ' 1. Nahezu 100 Prozent der vollamerikanischen Juden lesendie jiddische Presse nicht. ''/<„•; ' 2. 75 Prozent der bereits amerikanischen neuen Einwanderer lesen ebenfalls die jiddische Presse nicht, 3. Die etwa 25 Prozent der russischen und polnischen Immigranten, welche im Augenblick das Leserpublikum der jüdischen Presse abgeben, werden sehr bald einer neuen1 Generation den Platz räumen, die nicht mehr jiddisch: liest. 4. Die geringe Anzahl der jetzt noch jährlich immigrierenden Juden gibt weder eine sachlichevriocli eine finanzielle Grundlage für den Fortbestand. der .Udd|schen Presse ab. 5.; Folgerichtig müssen wir aus diesen Voraussetzungen die folgenden Voraussagen ableiten:; '. ' v. Die jiddische Presse, wie sie jetzt beschaffen, ist, wird in sehr naher Zukunft untergehen. Eine*, jüdische Publizistik. wird sich nur dann behaupten können, wenn sie sich der englischen Sprache bedient. Per „Vorwärts" ist mit seiner auf Kosten des Jiddischen' Teiles immer mehr auszugestaltenden' englischen „Beilage" den neuen Weg vorangeschritten. Nur 30 kann er'seine. Bedeutung als Faktor im jüdischen Leben .v^eftei; be^iai^ifyi. Die Zeitungen, welche seinem Beispielehoejj;' nicht gefolgt sind, haben jetzt nur die Wahl zwischißtt frjefr wjljigem Untergang oder dem Weg, den der '$^%tt$h jefet:jje|t. . 4 f; "Ffr eine jiddische Presse gibt es auf attiertfcäni^en^ BcÖen Keine Zukunft und es gibt für Jiddisch Yej*. kehrssÄe^e in Amerika keine Zukunft. Jidd&clii 'ijst ''-0. Begriffe,/sein Leben aufzugeben, Seine letzten "T^e"swjt' an^eb^pchen^ , :, ''V >? £ "Wer Leben des amerikanischen Judentums. •toi' das' Fortleben der jiddischen Sprache knüpft, der baut auf irrigen Voraussetzungen. Man wird beizeiten an.de.fie' Mittel und Inhalte finden müssen, um dem amerikanisch-jüdischen kollektiven Leben ein Zentrum itnd eine Quelle einheitlicher Impulse zu gebenj die der Gemeinschaft ihren lebendigen Sinn und eine Gewähr ihrer Zukunft bieten. Es ist eine schwere Frage, die .liier gestellt wird, und1 noch schwieriger die Aufgabe der wirV liehen Abhilfe. _ Das hebräische Schulwesen in Polen. Uebcr die Lage des hebräischen Schulwesens zu Beginn des neuen Schuljahres entnehmen wir einem Gespräch mit dem Leiter der Tarbuth-Organisation in Polen die folgenden Daten: In ganz Polen bestehen jetzt 71 Kindergärten, 141 Volksschulen, 16 Gymnasien, 5 Lehrcrseminarien und 1 pädagogischer Fortbildungskurs für Lehrer. In allen diesen Lehranstalten ist die Unterrichtssprache die . h' c-. bäische. In diesen Schulen, welche durchwegs von" 'der Tarbuth-Organisation erhalten werden, unterrichten 1100 Lehrer und Lehrerinnen. Die Schulen werden insgesamt von 24.200 Schülern in 987 Klassen besucht. Die Schulen sind weltliche Schulen, in denen nach dem Prinzip der Koedukation die Schüler und Schülerinnen gemeinsamen Unterricht genießen. Das Budget betrug im abgelaufenen Schuljahre rund eine halbe Million Dollar* Das Verhältnis der Staatsregierung zu den hebräischen Schulen ist vorläufig noch ein rein opportunistisches. Nach langjährigen Beniühungen gelang es endlich, das Oeffentlichkeitsrecht für die Schulen auch für die Gymnasien zu erlangen, aber eine staatliche Subvention, wie dies der Fall bei den hebräischen Schulen in den baltischen Ländern ist, war bisher von der Regierung nicht zu erreichen. Selbst das Oeffentlichkertsrccht für das hebräische Gymnasium konnte nicht für sämtliche Gymnasien, sondern nur für die ersten drei Klassen des hebräischen Gymnasiums in Pinsk erzielt werden. Bezeichnend ist auch, daß das Inspektorat über die hebräischen Lehranstalten vom BikJungsminister einem Christen übertragen wurde, der die hebräische Sprache beherrscht. Diö Erhaltungskosten der hebräischen Schulen werden zum Teil durch die Mitgliedsbeiträge der. Tarbuth-Organisation und zum Teil aus den Schulgeldern der Schüler gedeckt. In manchen Städten leistet auch, die Stadtverwaltung eine Subvention. Immerhin arbeiten;.die hebräischen . Schulen in ihrer Gesamtheit mit einem 'Defizit, so daß die Lehrer der Tarbuth-Schuien bloß zehn Monatsgagen im Jahre erhalten und auf diese Weise an den Lasten des hebräischen Schulwesens mittragen. .;, Die Folgen eines Gräberbesuches. Die pietätvolle Sitte der Juden, in der Zeit vor den hohen Feiertagen das Grab der verstorbenen Eltern aufzusuchen, hat, wie uns aus Klausen bürg geschrieben wird, die zwei hoenbetagten Schwestern Therese .und Ethel Eißler aus Porumbesti an der rumänisch;- tschechoslowakischen Grenze beinahe für längere Zjjflpfyp den Kerker, gebracht. Bei Porumbesti zieht sich;die Grenze durch die Gemarkung des Ortes, so daß der jüdische Friedhof nunmehr zur Tschechoslowakei gehört; ,'Irh vorigen Jähre suchten nun die zwei alten Frauen d$s':auf diesem Friedhof befindliche gemeinsame.' Grab ihrer Eltern auf, und es war bereits dunkel geworden, als sie den. Heimweg antraten. Plötzlich fauchte e 1« . G r e.n z-. Soldat auf, erklärte dde Frauen für verhaftet* da sie sich unbefugt über die Grenze scfoiwggeta^oljten. iVersehjens' versuchten die Frauen dem Soldaten klar^uniaciiien,,. worum es 'sich handle. Die Frauen wurden, dem Militärgericht überstellt, und seit einem jajir' schw/ebte über ihrem Haupt die Gefahr einer langjährigen! Jforkerhaft, Vor einigen Taigen fand vor dem }(lmien]iüt^T; Militärgericht die Hauptvcrhandlvin'i &i- :dj§s'er eigenartigen Geschichte statt. Der Staa^s^Wält ,>.yerlangte die im Gesetze vorgesehene Kerkerstrafe von einem Jahr, während der Verteidiger das Gericht -zja überzeugen be-~ müht war, daß der Besuch der Gräber derElterngewissermaßen mit einen Teil der ftlr die jij^ischeh hohen Feiertage vorgeschriebenen religiösen Uebungen .'.bilde, und daß den angeklagten Frauen nichts ferner gelegen sei, als durch, diesen Pietätsakt ein Staatsgesek'^ verletzen.' Nach langer Beratung schloß sich Jdas; Gericht der Ansicht des Verteidigers an und spracäi'-$fi" Än^eÖagten frei. Kein Denkmal für die Erschossenen yoh^Plnsfc Der Woiwode von Pinsk annulUferte^$i|f Beschluß des Pinsker Stadtrates, den 1SU9 b£irn jEin^uij' ider ptohisehen Truppen unschuldig (hkieerjch^et^iF^'B^ %|i^n' Juden ein Denkmal zu setzen und die nach, $eui Gener-al L istowski, der die Hinrichtungen ang&r^ . nannte Gasse umzubenennen. — Die 37 Jjnden w^ren wäh- | rend des Einzuges der polnischen ^t^^a^||irfppeii''fin feinem Lokal versammelt, um über <je\'%rte'Äi^i'von''te-.' 1 bensroitteln an die hungernde Bevöllqepi^;^S''i^rateh. -Sie 5 wurden als Bolschewiken denunziert wld;önne Bericht« v, U c h e s. Verfahren >cfört erschossen; 7 - Mißhandlung von Palä^tinarückwaiiderern einejm | Dampfer. i;'■';,K-',? Die gesamte New-Yorfcer Pr^s|. be"sci'|ftigi. "sijjh. | gegenwärtig mit einem unerhörten S|in4al, dervjfch-letetlhin auf dem französischen Dampfer^^i^- ^er FabrefLinie abgespielt haben soll. Der oip^fpf» jdef jzwischin dem Orient und Amerika verkehrt, batjie in ^r dritten Klasse zum größten Teil Passagiere aus Palästina geführt. jBs waren mm großen Teile Rwckwa^lerer, Während der