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Die neue Welt · 1927-10-28 · Heft 6 (28.10.1927) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 6 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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DI£ NEUE WELT oeite n Humoristische Ecke Copyright by Prlteer-Prcssedienst (Dr. Max Präger) Wien- Vor Stolz gestorben. Einem Rovv, der durch seine Klugheit bekannt war, wurde einmal erzählt, ein Jude in der Stadt sei Hungers gestorben. — „Was heißt Hungers gestorben?" — warf der Row ein — „er hat doch zu mir oder zu euch oder zu sonst wem kommen können und hätte zu essen bekommen; sogar ein Goj hätte hätte ihm, wenn er darum gebeten hüte, ein Stückchen Brot und Wasser gegeben." Darauf erwiderte man dem Row,-der Verstorbene sei eiifst ein angesehener Bürger gewesen, der später verarmt war, und habe es nicht über sich bringen können, jemanden um etwas zu bitten. „So ist das!" — antwortete der Row — „Dann ist er vor Stolz gestorben, nicht vor Hunger,. Vor Hunger stirbt man nicht." Rubinstein. Ein Jude sucht in einem eben angekommenen Zug einen gewissen Rubinstein. Er läuft auf dem Bahnsteig den ganzen Zug ab und ruft: „Rubinstein 1 Rubinstein!" Ein junger Mann steckt den Kopf aus einem Coupefenster, um zu sehen, las es gibt. Da läuft der Jude auf ihn zu, versetzt ihm eine kräftige Ohrfeige und geht weg. Im Coupe großes Gelächter. Am meisten aber lacht der junge Mann, der die Ohrfeige bekommen hat; er hält sich den.Bauch vor Lachen. Da fragt ihn ein Mitreisender: „Hören Sie, ich begreife nicht — wir lachen, weil Sie eine so kräftge Ohrfeige ge kriegt haben, aber warum lachen Sie?" Atemlos vor Lachen antwortet er: „Haben Sie eine Ahnung, ich bin doch gar nicht Rubinstein!" Der Gott der Rache. Der Rabbiner und der Pfarrer einer Stadt waren befreundet. Einmal fragt der Pfarrer den Rabbiner: „Di? weißt, daß ich kein Antisemit bin. Im Gegenteil, ich habe die Juden ganz gern. Aber eines verstehe ich nicht: warum glauben die Juden an einen Gott der Rache? Da ist doch unsere Religion viel schöner, unser Gott ist ein Gott der Liebe." Der Rabbiner anWortet: „Das bestreite ich nicht — unser Gott ist wirklich' ein Gott der Rache und eurer ein Gott der Liebe. Aber was bedeutet eigentlich: Gott der Rache, und was bedeutet: Gott der Liebe? Unser Gott ist ein Gott der Rache — das bedeutet, daß wir ihm die;Rache überlassen und uns die Liebe vorbehalten haben; die Nächstenliebe; daß'es bei euch umgekehrt ist, cläfür können wir nichts!" .•?v„■.•/•. ., ,.. Eine Seele gerettet. Ein Jude, der ein schweres Verbrechen be-! gangen hatte, wurde zum Tod verurteilt. Der Tag der Hinrichtung kommt und der Jude wird auf die; Exekution vorbereitet. Ein Priester tritt auf ihn zu und fragt ihn, ob er noch-einen Wunsch .»habe; er solle ihn nur nennen, man werde ihm ihn erfüllen. Nach kurzem Nachdenken sagt der Jude: „Ich habe nur eine Bitte: ich möchte mich taufen lassen." Wie der Priester das .hört, hüpft ihm das Herz, vor Freude: eine Seele gerettet! Er fragt ihn: „Sage, mein lieber Sohn, was hat dich erleuchtet, daß du vor deinem Tode die Taufe nehmen villst?" — Darauf der Delinquent: „Die Sache ist d'öch klar: wennschon hängen, dann lieber ein Goj!" Ein geniales Werk. Zu einem berühmten Row kommt ein, kleiner Rabbiner mit einer von ' ihm'verfaßten religiösen: Schrift: und bittet um seine Empfehlung. Der Row liest ein paar Seiten und sagt: „Ein wunderbares, ein geniales Werk; darauf.paßt das Wort der Schrift: „Du hast der Krone, den .früheren.. Glanz verliehen." Hocherfreut und verschämt lächelnd fragt der Autor: „Rabbi, was ist so Außerordentliches in dem Buch?" „Ich habe dir doch gesagt — du hast der Kroneden früheren Glanz verliehen. .Bekanntlich.macht man Papier aus Fetzen, du aber hast Papier genommen und daraus Fetzen gemacht." Ein neuer Gedanke. . Zum Row von Dwinsk, dem berühmten Rogatschower, komm,t ein Jude .mit einem Werk, das in .Grajewo, gedruckt war, und bittet ihn um ein Empfehlungsschreiben. Der'Rbgäts'chbwer tut'einen Blick in das-Buch und sägt: „Das ist ein wertvolles1 Werk,' du hast damit etwas Neues entdeckt,- aber eine Empfehlung, kann ich dir nicht geben.4.' „Ich verstehe n.icht, Rabbi" — erwiderte der Autor —„wenn Ihnen das Buch gefällt, warum wollen Sie mir keine Empfehlung geben?" . „Schade um dejne Mühe — ich gebe. dir keine Empfehlung; aber der Wahrheit die Ehre, du hast mir da ganz etwas Neues gesagt." Der Autor ist natürlich -sehr neugierig,- was er dem berühmten RogatschoWer Neues gesagt haben könnte, und er fragt: „Rabbi, eine Empfehlung wollen Sie mir nicht geben? Gut, läßt1 sich nichts machen; aber verraten, Sie mir wenigstens, was habe ich Ihnen ■ Neues in . dem Buch gesagt?''4" , . . „Ich. habe bisher gär 'nicht gewußt, daß es in ( Grajewo eine Druckerei gibt." DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (6) Von Schal om Asch „Mögen Könige und Fürsten die Freundschaft der Juden am Hofe des Sultans suchen. Das Haupt des katholischen Glaubens will nichts mit dem Feinde Christi zu tun haben", erwiderte der Papst in entschlossenem Tone. Jetzt ließ sich der Gouverneur von Rom vernehmen: „Heiliger Vater, wenn du die Juden nicht mit Feuer richten kannst, dann richte sie mit Wasser!" „Wie meinst du das?'4 fragte der Papst. Der Gouverneur deutete mit den Blicken auf den Kardinal. Darauf machte der Papst ein Zeichen mit der. Hand, und Farnese verließ das päpstliche Schlafzimmer, in dem nur der Heilige Vater mit dem Gouverneur zurückblieb.. „Das Wasser des Tibers tritt alljährlich aus seinen Ufern und überschwemmt das Ghetto," begann der Gouverneur, „und als du die Juden zwangst, die Mauern ihres Ghettos höher zu bauen, nutzten sie das schlau aus, indem sie die Ufer des Tibers durch hohe Dämme befestigten, so daß das Wasser sie nicht überfluten kann. Im September erwarten wir aber wieder ein Uebertreten des Tibers. Befiehl, und wir Werden insgeheim die Dämme abtragen. Wenn dann der Fluß wieder aus den Ufern tritt, muß das Wasser in das Ghetto eindringen, und alles, was sich dort in den Kellern befindet, wird ertrinken", schloß der Gouverneur leise seinen Vortrag. „Du sollst aber meine getreuen Schweizer und die deutschen Soldaten dort als Wachtposten aufstellen, damit vierundzwanzig Stunden nach der Ueberschwemmung keine lebendige Seele die Tore des Ghettos verläßt", befahl der Papst. „Zu Befehl", verbeugte sich der Gouverneur vor. Seiner Heiligkeit.? " - „Und jetzt ruf den Judas- — den Kardinal herein.44 '. . •, . ■ ' Als Farnese wieder eintrat, hob der Papst die Augen gen Himmel undwandte sich an ihn in frommem Ton: lo^idlrh^für die Heilige die..Uns. lehrt, jUnsere.Feinde zu lieben." Mit diesen Wörter^ nahm' %eHlfi£j§fgek Vätefc; seinen ÖefeM'-a!i|s der Hand des GoaveEneurs^ u.nd.„ >warf ihn in den brennenden Kamin, y ' ""' Aber - der Kardinal' bemerkte dabei, wie in den blauen Augen des' Papstes 'ein' geheimes Feuer aufflackerte. , ' V. . Die Ueberschwemmung. Am 15. September des Jahres 1557 erfuhr Rom schon beim Erwachen, daß während der Nacht die Wasser des Tibers das Ghetto überschwemmt hatten. Der römische Pöbel, getreu seiner ererbten Lust an Zerstreuung-und Aufregung, ließ ab von seiner sonstigen alltäglichen Beschäftigung und strömte massenweise zu den Ghettomauern hin, gespannt , vor Neugier und erregt in der Erwartung des großen Schauspiels, das ihm dort bevorstand: zuzuschauen, wie. Menschen mit dem Tode ringen würden. Die engen und schiefen Gäßchen um das Ghetto, herum waren schon von frühmorgens an mit Männern, Frauen und Kindern überfüllt. Die einen gingen nach dem Ghetto, die andern kamen von dort; alle hatten erhitzte, schweißtriefende Gesichter, allen leuchteten die Augen und alle lachten mit breit geöffnetem Mund und verkündeten einander die Nachricht: der Papst habe befohlen, die Ghettotoreverschlossen zu halten. „Bis das Wasser von oben auf den Platz der Juden , kommt", * riefen sie. Nur die sollen Verschont werden, die ihre Hände zum Kreuze ausstrecken und sich bereit erklären, sich unter die schützenden Fittiche der Kirche zu begeben." Für den Ruhm der Kirche und zur Belustigung der christlichen Menschen." Es gingen nach dem Ghetto vornehme römische Patrizier in farbenreichen Gewändern, mit 'bläusamtenen Tuchmänteln; sie wurden geleitet von-zahlreicher Dienerschaft, die ihrer Herrschaft Kissen nachtrug, um sie auf den 'Ghettomauern auszubreiten, auch teure Teppiche und farbige Gobelins und Baldachine; . damit die Herrschaften bequemer sitzen könnten lind vor den Sonnenstrahlen geschützt seien. .Auch Flechtkörbe mit Wein und Zuckerwerk wurden ihnen nachgetragen, um sie beim Betrachten des; Schauspiels zu erfrischen. Es kamen aber , auch halbnackte, barfüßige Lohnarbeiter, die ihre Kinder auf dem Kopfe trugen, mit ausgehungerten Gesichtern und brennenden durstigen Augen, die nach einem Schauspiel, nach Zerstreuung und Aufregung lechzten ... Es kamen Landsknechte, Schweizer aus der päpstlichen Armee in ihrer phantastischen Tracht — in wollenen Hosen mit zwei verschiedenartig gefärbten Beinen. Es kamen ferner Mönche verschiedener Orden, Franziskaner und Dominikaner mit ihren grauen Mänteln und Kapuzen auf den Köpfen, barfüßige, schwarzbekleidete Gruppen von Nonnen in kirchlichen. Prozessionen mit Kirchenfahnen und Kirchengesang. Es kamen Dirnen, schöne Kurtisanen Roms, Lustweiber der römischen Aristokratie. Diener trugen ihnen Papageien in goldenen Käfigen voran — Zeichen ihres Berufes, mit dem sich auf der Straße zu zeigen sie stolz waren . . . Jede von ihnen wurde begleitet von einem Zuge reich gekleideter junger Männer und junger Damen — des Stolzes Roms. Es waren Opfer der Schönheit dieser Weiber, Gefangene ihrer Reize, Trophäen ihrer Siege: je größer die Anzahl der verliebten Begleiter war, desto stolzer und imposanter wiegte sich die Kurtisane in ihrem Tragstuhl, den die Knechte auf den Schultern trugen . . . Gleich einem Fluß, der bei einem phantastischen Sonnenuntergang in vielen Farben schillert, strömte all dieses bunte Volk zu den Mauern des Ghettos. Aber die Mauern waren bereits von Menschen verschiedener Stände, beiderlei Geschlechts und Alters besetzt. Die Diener stritten sich um bessere Plätze für ihre Herrschaften. Schwarze Mohren klappten Stühle für ihre-Gebieter auf., Andere breiteten teure Teppiche, hellfarbige Gobelins und verschiedene farbige Kissen über die dicken Steine aus, damit die Herren und Damen, die über Leben und Tod ihrer Sklaven geboten, bequem sitzen konnten. Die Ghettomauern verschwanden in den Farben der verschiedenen Stoffe, Seiden, Samte und Brokate der römischen Aristokratie, der Leute, die an diesem Tage die Mauer, mit so zahlreichem Besuch beehrten.. . . In der Sonne leuchteten die Figuren und die .Landschaften der reich bemalten Gobelins, die Farben der auf den orientalischen Teppichen dargestellten Früchte und Tiere. Wie der Rausch eines eingedämmten Flusses bräuste das Stimmengewirr des Pöbels, der ebenfalls die Mauern besetzt hatte, und von Zeit zu Zeit rollte wie Donner, schallendes Gelächter, freudiges Geschrei und lautes Entzücken über den Totentanz ringender Menschen, über das große Schauspiel, das sich vor den Augen des Pöbels innerhalb der Ghettornäuern abspielte ... ' Dieser Totentanz aber begann so. "In der Nacht hörten die Ghe.ttobewohner, die wegen der Enge des ihnen überlassenen Stadtteils in Balkenkellerh wohnten, ein feindseliges, unheimliches Pochen, an den Wänden ihrer Keller. Es klang, als wollte ein; Feind bei 'ihnen einbringen. Die Juden und Mammen, die nach dem Befehl des. Papstes — um den Raum des Ghettos nicht zu . vergrößern — in dessen Trinern sich hatten Unterkünfte schaffen müssen, hatten sich, wie gesagt, gleich Würmern in die Erde eingegraben und ganze Korridore mit unterirdischen Wohnunge?i ausgebaut.. Sie wußten sofort, was das unheimliche Pochen an den Wänden ihrer Wohnungen bedeutete und wer.der Feind war, der sich näherte; sie sprangen von ihren Lägerstätten 'auf, wie von einem Brande wachgerüttelt, packten ■ ihre. Kinder, ihre tranken und Alten (wer Zeit hatte und konnte, packte auch, was" sich' schnell greifen ließ) und flüchteten nach' deir obersten Räumen zu den Nachbarn. Einer gab dem andern durch ein Klopfen an die Wand, zu wissen, daß ein stürmischer, "mächtiger Feind im Anzüge sei: „Das Wasser kommt!" Der Ruf: „Das Wasser kommt!" verbreitete sich wie ein Schrecken von einem Hause zum andern, und die GhettobeAvbhher fuhren aus tiefem Schlaf auf und stürzten davon, um ihr Leben zu; retten. Allein das Wasser kam der Schreckensnachricht noch zuvor. Es stürmte schneller daher als Feuersbrand, ganz plötzlich und unverhofft stieg es über die Schwellen der. Zimmer; Menschen versanken unversehens mit Betten und Möbeln;iind allem Hausgerät. Es entstanden Sümpfe; und die Menschen traten in tiefe, feuchte Gründe, die unter ihren Füßen nachgaben. Es war, als schwände der Boden unter ihren Füßen. Da-sah man noch eben den Fußboden; kaum aber trat man hin, so sank er ein . . . Das Wasser stieg zusehends'mit der Raschheit-eines Augenäuf Schlags. Es wuchs aber nicht wie Feuer in die Höhe, sondern es schien in die Tiefe zu wachsen . . . Und je tiefer es wurde, desto unheimlicher und schrecklicher wirkte es . .; - ' (Fortsetzung folgt.)

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