Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 6 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen DIE NEUEW V. b. b. BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R IV U E HERAUSOEÖfeR: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: V^ien, IX., Univ er sitais Straße 6—8. Telephon: 25-2-82. — Erscheint jeden Freitag BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Jahrgang 7 Freitag, äejd 28. Oktober 7927 Nr. 6 Schwarzbari fre^ Alle Schuldfragen von den Geschworenen einstimmig verneint. Nach Fertigstellung unserer heutigen Ausgabe ist die Nachricht vom Freispruch Schwarzbarts eingetroffen. Unter der Wucht der Aussagen über das Wüten der unter Petljuras Kommando stehenden Mörderhorden haben die Geschworenen Schwarzbarts Tat als begreiflich inid gerecht erkannt. Sie haben ihn einstimmig freigesprochen und mit diesem Urteil die am jüdischen Volke begangenen fürchterlichen Greuel verdammt.'. pie '^ul|tfrtoen^hhei.t'. .-h^atin diesen Geschworenen Vertreter gefunden. . Der Schwarzbart-Prozeß ist zum Pogrom- Prozeß geworden. Nicht der Attentäter steht im Vordergrund des Tribunals, sondern der Mann, unter dessen Namen die Gräiiel in der Ukraine verübt worden sind. Das Geschworenengericht ist zum Weltgerichtshof-geworden, wie ihn sich der greise Physiker Lange vi n ersehnt. Das ist die große über 'den Tag hinausreichende Bedeutung dieses Kriminal-' falles, daß zum ersten Male über die bestialischeste 'Ausartung des Judenhasses geurteilt .wird und wie immer der Wahlspruch der Volksrichter lauten wird, 'das-eineist zur festen Tatsache geworden,:d;a ß .e s. au c h f ü r d e n J u.d e n in o r d ei nc St u n d e d e r 'Verant wo r t ung gibt. Die Partei des Hefmäus Petljura kämpfte erbittert,, ihn- .und -.das ukrainische Volk von der Blutschuld zu entlasten. Sie empfindet, wie schließlich jeder normale Mensch, die tiefe, sittliche Berechtigung der Tat Schwarzbarts. Lunge Jahre konnte der Hetmau in Paris unangefochten leben. Er war, Gast in glänzenden Zirkeln, Männer der Regierung, der Diplomatie verkelirferi mit Aus dem Inhalte: Der Prozeß Schwarzbart in Paris. Robert Stricker: Ein Verbrechen am jüdischen Volk. jüdisch-Politisches aus Polen. Dr. Hugo Schachtel, Breslau: Herr Holitscher über Palästina. —y: Die BaUour-Deklaratioii. Anitta Müller über ihre Erfahrungen in Palästina. * Neue antisemitische Skandale in Ungarn. Die Forderungen des österreichischen Antisemitenbundes. Dr. Otto Abeles: Die Sagen der Juden. Dr. Sauel Becr: Die Behandlung der Blutarmut. 'Jüdische Sport- und Turnbewegung. Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kautieute und Gewerbetreibender. 'Jttdiscfyer Humor. Schalow Asch: Die Zauberin von Kastilien. ihm, niemandem war seine große Schuld unbekannt. Alle reichten ihm die Hand. Die Personen, seines Kreises; seine konnationälen Freunde sahen in ihm den politischen Führer und erwarteten die Stunde, die ihn zu neuem Aufstieg rufen Wird. Auch sie wußten 'um die Massenmorde. Wie er, so wähnten auch, sie. daß diese Tage ins Meer der Vergessenheit, ins Massengrab der Märtyrer. von .Prokur'ow gestiegen, seien. Aber jqtzt, wo/die ■Toten zu . reden begiruieu, wollen alle nachweisen, d-alP ityr TQter^^cJiuldig. ist. Nicht das Recht, nicht das Gewissen hat sie gezwungen, Öffentlich den Judenmord. zu v.efleugnen. Der Revolver Schwarzbarts «war esv Und -deshalb ist der Pariser Prozeß bereits ein Urteil an sich. Er ist1 die Verdammung des Pogroms. Aber dieses Urteil bleibt in seinem Wirkungskreis beschränkt. Es haben sehr viele Petljuras gelebt, 'solche wie er, die nach" der Tat' eine Proklamation erlassen haben, und solche, die nicht einmal das getan haben. Nicht alle hatten die Macht, so solenne Satansfeiern zu begehen, aber alle den Willen, und alle haben die Freiheit angerufe/i. Im Namen des Vaterlandes, der i Nation, der Reinigung .'des Lebens sind jüdische Menschen, zumeist Frauen, Greise, Kinder, gemartert worden. Nur die Register der Friedhöfe, nur das Gedächtnis der 1h reif bewahren An unsere Leser in Wien und den österre.chischen Bundeslländern! Wir haben unseren Lösern Bestellkarten und Erlagscheine;zugesandt; Wir .drjBjicijiei.n'. um umgehehde'Biehülzung der Bestellkarten . uhti Erlagscheine, da wir; sonst genötigt wftren.. die weitere Zusendung"^unserer Revue einzustellen. , -,';.., > , ' die Erinnerung; auf. Das jüdische Volk hat sie nicht vergessen; aber die übrige Welt geht über sie ,hinweg. K einen Ger i c Ii t s h o f - g i b t e s-'- für "d i e P o g r o m i s t'e n undy wäre nicht' Schwarzbart/ gewesen, so würde der Hetmau Petljura weiter in allen Ehren leben. Er ist, bestraft worden, aber seinem Genossen im Judenmprd" freuen sich des Lichtes'und denken über neue Taten nach. Vielleicht wird aber dieser Prozeß den Massen, die in Schändung und Folter Wehrloser auch Schändung und Folter ,ihr.es/ eigenen /..Volkes'., erkennen,, ein .Signal sein.'t Viel' leiclit . . - ■'. - V': '•; Der Fortgang des Zeugenverhörs. Wir haben in der vorigen Woche über den ersten Tag des Seh vv a rzbarth-Pro'zesses in Paris berichtet. An diesem Tag nahm der' Vorsitzende, Präsident F l o r y, das. Verhör des , Angeklagten vor und -der Rechtsvertreter der Familie Petljura Versuchte bei dieser Gelegenheit den Knalleffekt,/ -das Vorleben des Angeklagten in ungünstigem Licht erscheinen zu lassen. Dieses Bemühen war von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil die angeblich von JSchwarzbart im Jahre .1908 begangene Tat in keiner Weise mit dem Gegenstandv des Prozesses in'Verbindung zu bringen war. Das weitere Bemühen der Anklage, Sch wa rz"b ar t s Tat a 1 s die e ines, b o 1s c h e wik i s c h e n A g e irt e n d a r z u s t e 11 e n und Petljura vöij jeder Schuld ah den -Pt)grqmeu zu .'entlasten', bra.cjite1 den. Prozeß auf das politiv fs c h e G eTe i s/e und' gab.- der Verteidigung, die Ge- ■legenheit.V'das.-.. überreiche' Material aus den. -blutigen Tagen in' der Ukraine dem Gericht und der Oeffent- Iichkeit vorzulegen.' So wurde die. Verhandlung zu dem großen; Pogromprozeß, ziu dem'/erst'bn ,dieser Art.. .Die Schatten der -TotenyqiV-ProsJ^wöw-'und-.-Felsclitiii• und. der . A'ielen andereil Märtyrerorte traten an-. 'klagencji vor'den Pariser;Gerichtshof. .. v An das Verhör S c h \va r % b'a r t s- 'scljlöji sicham' 19. Oktober, dem zweiten Tag des Prozesses, das Zeugenverhör, das bisher noch fortdauert und das Bild der Affäre vom Grund ans; geändert hat, Zunächst wurden am MittT wöch/die' Polizisten und - Augenzeugen des Attentates anT Petljura vernommen» ^ren Darlegungen nicht« von Belang erbrachten. Der englische Sprachlehrer S in i t Ii trat in heilten Worten für Schwarzbart ein, der, wie er sagte, nach der Tat das Gesicht eines Missionärs, eines Richters und eines * ehrlichen Mannes zugleich hatte. Dann wendete sich das Verhör den Pogromen zu. Das Attentat trat vollständig in den Hintergrund, mid es begann.das Defile der' Opf er der .Metzeleien.... Der Gerichtshof 'trat in die Behandlung der Pogrome in Proskurow und Felschtin ein. Iis waren dies die ersten entsetzliehen Pogrome, die von Petljura direkt unterstellten Truppenteilen veranstaltet wurden. An einem Sanistag nachmittags wurde der jüdische Teil der Stadt Proskurow von regulären Truppenteilen Petljuras, die unter dem Befehl des Atamans .S e m asenko standen, umzingelt, einzelne Trupps begaben sich iu die Häuser und schlachteten ganze Familien ab. Greise, Frauen und Kinder wurden nicht geschont. 1700 jüdische Opfer zählte ruian an diesem Tage. * Ein anderer Truppenteil Sernasehkos umzingelte diebenachbarte, hauptsächlich von Juden bewohntq Stadt F eise h>t i n und tötete etwa 800 Juden. ' : " : . ' Bei Verlesung der Akten über ProskurpAV geriet r'S-c h w a r z b a r.t in groUe Erregung und rief aus: „Das 'jüdische Volk hatte immer seine Märtyrer gehabt; aber irre h ö r t e in a n v o u s o 1 c h er B e s t i a 1 i t ä t'^-Zur Ab-;Schwächung der.Aeul.ierungen Schwarz'barts läß,t die ZiviN Partei einen Briet, des Sozialrevolutionärs D a b k.o w s k i .verlesen, der erklärt, Schwarzbart'sei Anarchist und habe stets Verbindung 'mit Age.n ten der dritten lht er nationale gehabt. Schwarzbart erwidert darauf, alles, was Dubkowski berichtet, sei Dummheit und Lag«, er habe persönlich Dubkowski viel geholfen, jetzt handle Dubkowski an ihm wie ein Judas. Der Verteidiger TQTCtf •teilt mit, er habe Beweise, dafür, d aß Dubko.w«krf» der Zarenzeit sich als Pr o vokatettr