Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 5 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711619--0065-2713180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- JNK-5 ,._ . _ DIE NEUE WELT _■ - ■_.Seite tl DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (5) Nachdem das Sctimona-Esre-Gebet verrichtet war, streckte der Greis seine Hand aus zum Zeichen, daß die Versammelten sichstill verhalten sollten. Alles im Gewölbe verstummte. Da erhob sich der Abgesandte von Ancona, trat vor den heiligen Schrein und begann in kastiiischer Sprache zu berichten, was in Ancona geschehen War. Er .erzählte, wie man an einem Sabbatabend plötzlich alle Synagogen der Stadt überfallen und alle Marannen, Frauen und Kinder, in die Keller der Inquisition abgeführt und sie dort in jeglicher Weise gefoltert hatte, indem man, sie ati Räder und an Foltergeräte bähd. Viele waren bereits zu Tode gemartert. Viele hatten nicht vermocht, die Schmerzen auszuhalten und hatten den christlichen Glauben angenom- men. Sie wurden in .Ketten gelegt und nach der Insel Malta verbannt. Aber sechsundzwanzig der Verhafteten, unter denen sich auch die alte Donna Majora befand, hatten hartnäckig am Glauben ihres Stammes festgehalten. Und die Verfolger hatten diese sechsundzwanzig unter Absingen von Kirchenliedern mit Kirchenfahnen zu den Scheiterhaufen geführt, die für sie auf dem Stad l markte errichtet waren. Die alte Donna Majora ermutigte und bestärkte die Marranen in ihrem Glauben c'urch den Zuruf „Schmäh Jisrael", und dann wurden alle verbrannt. Eine andächtige Stille herrschte in dem Gewölbe. Alle senkten den Kopf auf die Brust und bereiteten sich Gedanken auf die Zeit vor, wenn auch ihre Stunde schlagen würde... Plötzlich erhob sich der alte Rabbi Jakob von seinem Sitz, streckte die dürre Hand aus, als sähe er jemand, und rief mit zitternder Stimme: „Gottgeweihte! Gottgeweihte! Geweihte!" .Und die Anwesenden wiederholten: „Geweihte!"-- Und vielen entfuhr es plötzlich: „Verherrlicht und geheiligt sei Sein Name!" Und alle Anwesenden antworteten ihnen: „Verherrlicht und geheiligt!" Nachdem alles verstummt war, stellte sich der Abgesandte von Konstantinopel am heiligen Schreine auf und ließ sich vernehmen:- „Was die gefangenen Marranen betrifft, die man naclj Malta verbannt hat, .so kann ich euch mitteilen, daß sie /Sich alle unter, dem Schutz^des. großen, frommen Sultans Suleiman — verherrlicht sei sein Ruhm .— befinden, und alle öffentlich und ungestört dem t . einzigen lebendigenGött dienen," ■' ' ' „Wieso? Wieso?" wurden fragende Stimmen laut. „Die edle Donna Grazia Mendesia, die eine Zierde unseres Volkes ist, trat mit ihrem Schwiegersohn, dem. edlen Fürsten Don Josef Nassi, vor den Sultan, warf sich ihm zu Füßen und flehte um Gnade für ihre Brüder. Und der Sultan erhörte ihre Bitte und achtete ihre Tränen. Darauf 4 entsandte Donna Grazia .'ihre Schiffe näch der Insel Malta, und diese brachten die Marranen nach der Hauptstadt seines großen Königreiches." „Gelobt sei Gottes Namen von Ewigkeit zu Ewigkeit!" rief der. Alte und erhob seine Hände gen Himmel. „Amen!" antworteten ihm die Anwesenden. „Nun, ich bin von der edlen Fürstin'Donna Grazia und dem Fürsten Don Josef Nassi zu euch gesandt worden, um euch kundzütun, daß keiner von euch noch ein Schiff nach Ancona senden soll. Niemand soll dorthin irgendwelche Waren verkaufen. Zwischen dem Fürsten von Upbino; deriein Feind des Papstes und ein Freund-der Marranen. ist,. und. den. Juden des Sultanreiche$ ist ein ewiger Pakt geschlossen worden, demzufolge von nun an alle Schiffe, die nach dem Orient gehen, die Häfen ' von Ancona meiden und in Urbino Anker werfen sollen. Pesara, der Hafen von Urbino, soll nunmehr zum Hauptstützpunkt des jüdischen Handels werden. Dort sollen sich die Segel -der orientalischen- Schiffe sammeln, und in ihren Schatten werden die Marranen in Frieden leben." ...... . Nachdern der .Sendbote, seine. Re.de beendet hatte, erhob sich der alte Rabbi Jakob und streckte seine Hand zu den Anwesenden aus. „Söhne Israels, die ihr gepeinigt und geläutert seid! Hört Gott, euren Gott! Im Namen der Glaubensmärtyrer, im Namen des Vergossenen jüdischen Blutes und der verkohlten jüdischen Knochen verhänge ich einen feierlichen Bannfluch über Ancona, das blutige Land unserer Feinde. Verflucht sei der, der sein Schiff im Hafen des Papstes Anker werfen läßt. Verflucht, wer unserem Feinde zu Verdienst verhilft, wer seinen Handel fördert und sein Land bereichert. Und vom Antlitz der Erde soll weg- , gewischt werden Ancona. Cherem! Qierem!" ' Ein Gemurmel ging durch die Versammlung: „Cherem! Cherem!" v „Der Wächter Israels schläft und schlummert •tfcnT, fuhr der Alte in seiner Rede fort, „Gott hat Von Schalom Asch Mitleid mit dem Reste seines Volkes Israel. Und Er sandte uns in der Person des Sultans Suleiman einen Retter und Beschützer. Gott schenke ihm den Sieg über seine Feinde! Oh, es wird kein Blut mehr umsonst in Italien vergossen werden. Keine jüdischen Leiber werden mehr auf dem Scheiterhaufen brennen. Gott wendet seine Gnade nicht von uns, weder bei Tag noch bei Nacht. In jeder Generation sendet er uns einen Retter. Wir wollen Gott loben für die Gnade, die er uns erweist." Niemand WjUßte, was der greise Rabbi Jakob eigentlich meinte, aber alle begriffen, daß etwas Wichtiges geschehen war und hoben ihre Hände zum Himmel und dankten Gott. Am nächsten Tage früh am Morgen wurden die Juden Roms, ebenso wie alle Römer, durch eine Neuigkeit überrascht, die sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet hatte. Der Sultan hatte nämlich zum Papst einen Boten entsandt, der im Namen Seiner Majestät des Sultans die Marranen Italiens für türkische Untertanen erklärte. Für jeden Marranen, der in den Kellern der Inquisition gepeinigt würde, würde der Sultan einen Christen martern lassen, und für jeden Marranen, der auf einem Scheiterhaufen in Italien verbrannt, wollte der Sultan einen Christen in seinem Reiche verbrennen lassen. Darauf öffneten sich die Gewölbe der Inquisition, und alle Marranen, die nun türkische Untertanen waren, wurden, zum Verdrusse des Papstes, auf freien Fuß gesetzt. IV. In Feuer und Wasser. Auf dem Throne Christi zu Rom saß der alte achtzigjährige Tyrann Pietro Caraffa, der den Namen Paul IV. trug. Schon als Kardinal unter Paul III. hatte er jüdische Bücher in Rom verbrennen lassen. Paul IV. wurde auf den Thron Christi erhoben, um mit dem Gift seines Fanatismus und durch die Gewalt der Folterräder der Inquisition die päpstliche . Herrschaft aufrechtzuerhalten, die unter dem stark wächsenden Einfluß der Ketzer, des Luther in Deutschland und des Calvin in Genf, schon ins Wanken geraten war. Da aber Paul IV. zu schwach und seine Hand bereits zu kurz war, um die protestantische Bewegunk, die sich in Deutschland zu verbreiten begann, zu ersticken, ließ er seinen Zorn an den Ungläubigen in seinem eigenen Herrschaftsgebiet aus — an Juden, Mauren und Marranen.. In seiner«- Zelle,- die. wie die Zelle eines jesuitischen Einsiedlers eingerichtet war und über den obersten Räumen des Vatikans las, saß der hochgewachsene, tief Verärgerte Papst auf einer harten Banfe. Sein Antlitz glich einem stürmischen Meer, in dem bräusende Wellen hin und her wogten. Das lange, harte Haar des dichten weißen Bartes war steif wie Draht — aber zwischen dem Netz , der Runzeln blickten unter den dichten Brauen zwei blaue kindliche Augen hervor, die glanzlos, und. starr waren, wie zwei'erloschene Feuersteine. „Seit wann wird Peters1 Stuhl vom Sultan der Ungläubigen regiert?" fragte der Papst den .kleinen, ruhigen Kardinal Alexander Farnese, der die Außenr Politik des Vatikans leitete. ... „Der Jude Josef Nassi hat am türkischen Hofe großen Einfluß. Er ist heute der Ratgeber des Sultans, und wir müssen seine Freundschaft gewinnen. Das Feuer von Ancona kostete uns den Handel mit dem Orient", erwiderte ihm ruhig der Kardinal. „Will der Sultan dem Stellvertreter Christi vorschreiben, wie er sich gegenüber Ketzern und Feinden Christi zu benehmen hat?" fragte der Papst wieder. „Rom ist ja nicht nur der Hauptsitz der Kirche, sondern auch, die Hauptstadt eines Landes. Die anderen Staaten Italiens sind dank dem Handel der Juden mit dem Orient reich geworden. Venedig, Ferrara, Urbino haben die jüdischen Ratgeber des Sultans für sich gewonnen. Und selbst Spanien, der Erzfeind aller Juden, sucht die Freundschaft des jüdischen Ministers Josef Nassi und hat seinen Gesandten in Konstantinopel angewiesen, mit ihm insgeheim zu unterhandeln; Das teilt man uns von der Pforte, mit." Als der Papst das Wort „Spanien" hörte, brauste er auf. Sein Gesicht wurde rot und seine Augen verloren ihren ruhigen Ausdruck-, denn, so sehr er auch Juden und Marranen haßte .—» .die Spanier, die mit ihm Krieg geführt hatten, haßte, er weit mehr. „Ich werde dem Sultan alier Muselmanen,- den Juden, Spaniern und allen anderen Ketzern zeigen, daß in Rom noch der Stellvertreter Christi sitzt", sagte er und erhob sich. „Geh und ruf mir meinen Vetter,den Gouverneur vor Rom," , ... ■ Abends, als Kardinal Farnese beim Mahl saß, das die berühmte spanische Kurtisane Imperia gab, Copyright by R. Löwlt- Verlajf, Wien-Lelp*!*. weil ihr afrikanischer Papagei endlich einen Vers Vergils zu deklamieren gelernt hatte, trat in die Villa, die am Ufer des Tibers stand, ein maskierter Mann ein und verlangte den Kardinal zu sprechen. Als ihn der Geistliche nach seinem Wunsche fragte, flüsterte er ihm ins Ohr: „Der Past hat dem Gouverneur von Rom den geheimen Befehl gegeben, das Ghetto von allen vier Seiten in Brand zu setzen und darauf zu achten, daß niemand dem Feuer entgeht!" Der Kardinal erblaßte und fragte: '- „Woher weißt du das?" „Ich diene dem Kardinal von Venedig", antwortete der Mann. Farnese stellte keine weiteren Fragen. Es war ihm bekannt, daß der Kardinal von Venedig der Mann war, der in Rom von allen am besten Bescheid wußte. Der, Kardinal von Venedig lebte in Rom nicht nur als Kirohenfürst,. sondern vor-allem als Vertreter der venezianischen Republik. Es war Farnese kein Geheimnis, daß die venezianischen Spione, die im Dienste des Kardinals standen, alles, was am Hofe des Papstes vorging, früher erfuhren, als die Kardinäle selbst. Und daher wußte er, daß er sich auf den Mann verlassen konnte. „Junger Mann, ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber du hast dich um die Kirche durch deine Botschaft sehr verdient gemacht, und ich spreche dir meinen Dank aus", sagte der Kardinal. Der junge Mann aber erwiderte: „Dienst gegen Dienst — ich möchte, daß du mich dafür über alle Gefahren informierst, die dem römischen Ghetto seitens des Vatikans drohen." „Was? Ein Freund der Juden?" „Nein, ein Freund der Kirche. Mit diesen Worten nahm der junge Mann seine Maske vom Gesicht, und der Kardmal erkannte den Maler Pastila. „Pastila, der Maler von Venedig!" rief er überrascht. „Was hast du dehn im Ghetto .zu ^suchen?" „Ich habe dort mein Herz verloren", erwiderte der Maler. „Das Auge aber wacht, beständig dort, Wp< das Herz ruht", bemerkte der Kardinal lächelnd. Es half nichts, daß die, schöne Imperia Seine Eminenz kokett mit ihren Säphiraugeri anflehte, denen, wie behauptet wurde, kein zweites Augenpäar in ganz Italien glich, er solle bis zu dem großen Augenblick noch bleiben, da maft-ihren?--päpageyndem goldenen Käfig hereinbringen" würde;. .Er,-wollte dem Vogel die Ehre nicht erweisen und verzichtete auf den Genuß seiner Deklamation. Der Kardinal begriff, daß das Leben von Zehntausenden wichtiger war als der Papagei. Allerdings dachte er dabei nichtah die Zehntäuseride und auch nicht'an die Ehre des christlichen Glaubens, sondern an das Interesse der Kirche. , . Und eine halbe 'Stunde später lag er dem Papste in dessen Schlafzimmer zu Füßen und flehte ihn an: „Heiliger Vater, die Kirche ist in Gefahr. Aus Deutschland erhalten wir Nachrichten, .denen zufolge die ketzerischen Theorien des abtrünnigen Luther sich wie eine Pest verbreiten. Auch England fällt von uns ab. In Frankreich greifen ketzerische Ideen um sich. In den Städten verbrennt. man öffentlich die päpstlichen Bullen. Peters Stuhl schwankt. Die Reformatoren gewinnen immer mehr Anhänger! Wenn nun die Welt noch erfährt, daß du Zehntausende vpn Menschen hast verbrennen lassen-^ und man wird erfahren, daß der Vatikan das getan hat, die Juden haben ja überall ihre; Vertrauensleute, an allen Höfen befinden sich jüdische Aerzte un<I Finanzmänner —• so wird "mank es gegen die Kirche ausnutzen, es wird den Ketzern und Reformatoren neuen Anlaß geben, ihre erbitterten Angriffe gegen uns fortzusetzen, und schließlich werden dann dem Throne Christi weitere Völker und Länder verlorengehen." Der Papst runzelte die Stirn, schloß die Augen, als schlummerte er ein, und schwieg. Inzwischen stand in einer Zimmerecke an der Tür der Gouverneur von Rom mit dem Befehl des Papstes in der Hand und wartete auf den Entschluß des Heiligen Vaters. „Wieviel haben dir die Juden bezählt?" - fragte schließlich der heilige Vater den Kardinal. Eine Weile schwieg der Kardinal. Dann stand er. auf, bekreuzte sich und sagte: „Gott ist meiii Zeuge, daß ich nur im Interesse der Kirche sprach. Ersinne für die Juden Marter und Qualen so schrecklich wie du willst, aber tu's so, daß niemand erfährt, daß es von der heiligen Kirche ausgeht. Die Juden haben sich zu einer Macht am Hofe des Sultans entwickelt. Könige und Fürsten suchen ihre Freundschaft. Außerdem sind sie über die gatuse Welt verstreut und können für unsere Feinde eins große Hilfskraft werden." .(fortsetzuug folgt)