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Die neue Welt · 1927-10-14 · Heft 4 (14.10.1927) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 4 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 DIE NEUE WELT Seite 1! Austritte aus dem Judentum. Frieda Spitzer, 7. IV. 1893 Zablocic, led., XVIII., Haizingergasse 9. — Karl Sprecher, 22. XI. 1890 Lemberg, led., XVIII., Salierigasse 24. — Maximilian Kaempf, 29. VIII. 1889 Bisenz, verh., XVIII., Hofstattgasse 16. — Lea Rotter, 3. XI. 1893 Holics, led„ XVIII., Währingerstraße 94. — Alice Brenner, 20. IV. 1903 Pottornya, led., XVIII., Gentzgasse 130. — Karl Klein, 3. IX. 1885 Wien, led., XVII., Nattergasse 2. — Oswald Müller, 9. X. 1888 Sopron, verh., II., Große Sperlgasse 7. — Siegmund Schlamm, 10. VI. 1904 Przemysl, led., II., Große Sperlgasse 6. — Nathan Schlesinger, 8. I. 1890 Wien, verh., II., Friedensgasse 2. — Kind Kurt Wolfgang, 20. XII, 1920 Wien, led., II., Friedeensgasse 2. — Gattin Silva geb. Fried, 5. IV. 1895 Wien, verh., II., Friedensgasse 2. — Dr. Georg Fleischer, 11. I. 1904 Wien,, verh., III., Czapkagasse 7. — Viktor Hoffmann vi Vaguyhely, 28. V. 1885 Wien, led., Direktor, III, Neulinggasse 37. — Siegfried Sonnenfeld, 16. III, 1905 Wien, led., XX., Hannovergasse 14. — Robert Fischer, 1. IX. 1875 Olmütz, verh., III., Mohsgasse 26. —• Berta Silbermami, 2. I. 1881 Budapest, led., XVI., Effingergasse 18. Feststellung. Herr Cafetier Oskar J e 11 i n e k, Wien, I., Johannessjasse 25, ersucht um Feststellung, daß er mit dem It. Liste in Nr. 3 des Blattes aus dem Judenturne ausgetretenen Oskar Jellinek nicht identisch ist. Humoristische Ecke Copyright by Präger-Pressedienst (Dr. Max Präger) Wien- Der Row und der Kutscher. Ein Row muß in eine Kleinstadt fahren und dingt ein Fuhrwerk.- Nach drei Meilen Fahrt bricht ■ ein Rad. Da sagt der Kutscher zum Row: „Seid nicht böse, Rabbi; seid so gut, geht indes in die Schenke drüben, - ich laufe zum-Schmied; den Schaden beheben." Der Row geht in die Schenke und wartet. . Nach, kaum fünf Minuten kommt der Kutscher: . „Rabbi, wir könen weiterfahren." „Weiterfahren? Und das Rad?" ■„Es ist alles-in Ordnung." •"„Wie-ist das so rasch gegangen?" „Ganz einfach, Rabbi; Ein Bauer ist vorbeigefahren, da hab' ich ihm sein Rad angedroht*)." „Was hast du mit dem Rad gemacht?" „Angedroht i habe ich es ihm, nun, sein Rad habe ich ihm angepfiffen*)." .,Was heißt das: ein Rad anpfeifen?" „Aber, Rabbi, nun,, ich hab' ihm sein Rad angefädelt*)." „Hör', sprich mit mir wie ein Mensch, ich verstehe dich nicht!" „Ganz einfach, Rabbi! Ein Bauer ist vorübergefahren, und wie er für eine "Weile weg ist, hab' ich rasch ein Rad von seinem Wagen genommen und — eins, zwei — an meinem angesetzt." „Wirklich ein auserwähltes Volk, meine Juden, sie drohen an, sie pfeifen an, sie fädeln an, aber stehlen — Gott bewahre! Das tun sie nicht!" Nebbich. Ein Trupp Arrestanten, darunter einige Juden, wurde ins Gefängnis geführt. Die Frauen auf der Straße bleiben stehen und schütteln bedauernd die Köpfe. Sie fragen einen von den jüdischen Arrestanten: „Warum wirst du eingesperrt?" — „Wegne einer Paßgeschichte", ist sie Antwort. Großes Gejammer unter den Frauen: „O nebbich, wegen einer Paßgeschichte!" Sie fragen einen zweiten Juden: „Warum mußt du mitgehen?" — „Wegen einer Militärgeschichte." Wieder großer Jammer: „O nebbich, wegen einer Militärgeschichte!" Ein dritter Jude, ein kräftiger Bursche, kommt im Trupp vorüber; auch ihn fragen die Weiber: „Warum führt man dich?" — „Ich bin nebbich ein Dieb!" Es lohnt nicht... Der reichste Mann der Stadt traf eines Tages den Schneider und sah, daß er einen ganz zerrissenen Rock trug. „Das versteh4 ich nicht," sagt er zum Schneider, „du bist doch selber Schneider, warum flickst du deinen Rock nicht?" . Drauf der Schneider: „Wo soll ich die Zeit hernehmen, um meinen Rock zu flicken? Da muß der Anzug für den Sohn des Gutsherrn fertig werden, da braucht der Row, er soll leben und gesund sein, ein Paar Hosen; für mich selber habe ich keine Zeit." Der Reiche war ein gutherziger Mann und ihm tat der Schneider leid. Er gab ihm einen Rubel und sagte: „Da ist ein Rubel zum Ersatz für deine Zeit; flick dir deinen Rock aus." Der Schneider dankte und ging. Einige Tage später trifft der Reiche den Schneider wieder und des Schneiders Rock ist zerrissen wie zuvor. Er stellt ihn: „Betrüger, warum hast du dir deinen Rock nicht geflickt?" — „Wissen Sie, ich habe mir. die Sache überlegt; für den Preis lohnt sich die ganze Arbeit, nicht." DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (4) Von Schalom Asch *). Assdritefct der Gaunersprache für ^Entwenden", III. Der Bannfluch. Im Mai des Jahres 1556 übergab die InquisitiOh Äuf Befehl des Statthalters Jesu Christi, des Papste*, sechsundzwanzig Marranen dem Feuertode; die übrigen, die sich bereit erklärten, dem Christentum treu zu bleiben, wurden in Ketten gelegt und nach der einsamen Insel Malta verbannt. Das Feuer der Inquisition von Ancona traf das Judentum der ganzen Welt, vor allem aber die Juden Italiens, und brachte Unruhe und Leid in ihre Reihen. Seit Jahren fanden die Marranen von Spanien und Portugal, die ihre blutbefleckte und brennende Heimat verlassen mußten, ihr Asyl in den freiheitsliebenden italienischen Staaten, in denen damals der Geist der Aufklärung, Bildung und Menschlichkeit . herrschte. Die Päpste Clemens IV., Paul III. und Julius III. gestatteten den vor der blutigen Inquisition geflüchteten Marranen, öffentlich zum Judentum zurückzukehren, ihre jüdischen Namen wieder anzunehmen und das von ihrem Glauben und ihren Sitten vorgeschriebene Leben zu führen. In der freien Republik Venedig nahm man sie mit offenen Armen auf. Von dort knüpften, sie Handelsbeziehungen mit ihren Brüdern an, die in den Ländern des Sultans lebten, und förderten die Entwicklung und den Reichtum der Republik. Das erweckte aber den Neid der Fürstentümer Ferrara und Urbi'no. In dem Wunsche, die Marranen von Venedig zu sich herüberzulocken. und die eigenen Hafenstädte durch ihren Handel mit dem Orient zu entwickeln, gewährten sie den Fremdlingen noch mehr Rechte, ließen sie Synagogen bauen, jüdische Druckereien gründen — was damals als höchster Beweis religiöser Duldsamkeit galt —' und erlaubten ihnen, ihre Kinder im jüdischen Geiste zu erziehen. Tn Ferrara, dem kleinen irdischen Paradies, dessen Fürsten Dichteroü-nd Maler um sich sammelten; und,an deren Hofe man mehr über Vergil und Dante als über Staatsangelegenheiten disputierte, spielten die Marannen eine hervorragende Rolle. Sie Waren Finanzünd -Handelsministerl und nahmen im gesellschaftlichen und staatlichen Leben die wichtigsten Stellungen ein. Im' Jahre 1553, als Paul III. auf Grund der Denunziation des getauften Priesters Josef Moro in den Straßen Roms,alle jüdischen Bücher mit Ausnahme des' Sohar verbrennen ließ, sandten die Juden Roms und 'anderer italienischer Städte ihre Folianten, insgeheim nach Ferrara iind Urbino an die dortigen Marranen zur Aufbewahrung, um das jüdische Buch auf italienischem Boden nicht untergehen zu lassen Aber mit der Wahl Pauls IV. zum Papst änderte sich alles. Auf einen Geheimbefeh] von ihm hin wurden in der von ihm beherrschten Hafenstadt Ancona die Marannen verhaftet und in die Folterkammern der Inquisition geworfen. Viele von ihnen waren türkische Untertanen, die nun auf kurze Zeit in Handelsgeschäften nach Ancona gekommen waren. Ein Teil rettete sich im letzten Augenblick und floli nach den anderen kleinen italienischen Fürstentümern, über die der' Papst nicht mehr Herr. war. Aber die meisten wurden in den. Folterkammern der Inquisition zu Tode gemartert; sehr yiele mußten nach verschiedenen Inseln in die Verbannung gehen und techsundzwanzig Marranen wurden öffentlich verbrannt.!1 Das war wohl der erste Scheiterhaufen, den die 'Inquisition auf italienischem Boden anzündete, und der den Juden wie Marranen einen tödlichen Schreck-' einjagte. Im Hause des Rabbi Josef Pinsi oder des „Kaufmanns von Kastilien", wie er. im Ghetto genannt wurde, kamen die Marranen zusammen, .um insgeheim zu beten und zu beratschlagen. Auch Juden waren da, denn, obwohl das Judentum noch nicht verboten war., hatte man doch alle .Synagogen mit einer einzigen Ausnahme geschlossen; und .so griffen Juden und Marranen zu dem alten Mittel, das sie auch in Spanien und Portugal anzuwenden pflegten und versammelten sich'in Geheimgewölben, um hier ihre Gebete, zu verrichten. und Versammlungen abzuhalten. Josef Pinsi war in Rom der Stellvertreter von Donna Grazia Mendesia, die schon damals mit ihrem Schwiegersohn Josef Nassi und mit noch fünfhundert Marranen- und Juden von Ferrara nach Konstantinopel zum Sultan geflüchtet war, wo sie ihr Vermögen vor den Klauen der Inquisition in Sicherheit gebracht "hatte. Ein großer Teil dieses Vermögens war ihr allerdings von dem König von Frankreich, dem. Papst- und anderen kleinen Potentaten und; Staaten, denen sie Geld geborgt hatte, geraubt worden, poch sie verstand es, ihre Gescbäftsbeziehungen Copyright by R. Lflwlt- Verlag. Wien-Lelpttg. mit den italienischen Hauptstädten insgeheim noch aufrechtzuerhalten und sandte ihre mit Waren beladenen Schiffe von Konstantinopel nach Italien au ihre Agenten, die sie überall im Lande hatte. Diese Mittelsmänner waren zu gleicher Zeit die Gesandten der Marranen. Durch sie bekam Donna Grazia von allen Seiten Nachrichten über die Lage der Glaubensgenossen, und sie waren es auch, die den Marranen behilflich waren, aus Orten, wo mau sie verfolgte, nach den Ländern des Sultans zu flüchten. * In dem tiefen, mit Balken ausgelegten Keller, wo wir zum erstenmal den Maler getroffen haben, waren jetzt die Juden Roms versammelt. Der Abend nach einem heißen Sommertag war gekommen. Rom schlief nach der trockenen Schwüle an.den Ufern des Tibers. In tiefer Dunkelheit lagen die schwarzen: schiefen Gäßchen des Ghettos, und ihre hohen, stummen Häuser erhoben sich wie Riesettsclintten, die sich zu bewegen schienen, und es war als huschten über die Gäßchen an den Hauswänden entlang einsame Gestalten, die durch einen geheimen Eingang alle in Josef Pinsis Keller versanken. Dieser Keller war jetzt beleuchtet — die einzige beleuchtete Stätte in ganz Rom. In großen silbernen Leuchtern brannten Oeldochte. An den dunklen Wänden standen beinahe gespensterhafte Gruppen von jungen und alten Menschen und disputierten. -Ihre schwarzen Röcke und Kopfbedeckungen warfen •furchterregende Schatten über die Mauern des Gewölbes. Bald aber Wurde alles still. Die Anwesenden ■drängten sich -zu einem Haufen zusammen ..und verstummten. tiine Tür öffnete' sich, und der alte blinde Jude trat ein. Obwohl, seine Augen, die in. den breiten Höhlen saßen» tot waren, las doch in ihrem Ausdruck so viel Geist, als sähen sie nicht die Nichtigkeit des Irdischen, sondern das echte Licht und eine andere Weit, die-Welt der Wahrheit... Den Greis führte das Mädchen, das Pastila seinerzeit beim Kaufmann von Kastilien gesehen hatte. Sie hieß Jephtha. Aber sie war nicht des Händlers Tochter, sondern eine Enkelin des blinden Greises, der' Jakob Medina hieß, nach dem Familiennamen der Abrabanels. Er hielt sich für einen Abkömmling der Familie Abrabanel und wurde für einen solchen auch von den Marranen i und den spanischen Juden Roms gehalten, die ihn zu ihrem Führer gewählt hatten. Das Geschlecht der Abrabanels war während seiner vielen Wanderungen durch die Welt untergegangen. Viele seiner Mitglieder waren von Seeräubern unterwegs auf dem Meere gefangengenommen und als Sklaven verkauft worden. Viele kleine Kinder hätte man gewaltsam getauft, und von der ganzen Familie waren nur der Greis und seine Enkelin übriggeblieben, die bei Josef Pinsi, dem Agenten der reichen Mendesia, wohnten. Zugleich mit dem Greis traten in das Gewölbe zwei Abgesandte, die zu den römischen Juden gekommen waren; der eine war aus der jüdischen Gemeinde von Ancona hierher geflüchtet, der zweite aber hatte erst vor kurzem Konstautinopel verlassen. Eigentlich war er.als Abgesandter des Sultan Suleiman gekommen, um beim Papst wegen der türkischen Untertanen zu intervenieren; doch hatte er zugleich auch eine geheime Mission von der vornehmen Donna Mendesia an die Juden Roms übernommen. Im Gewölbe verstummte alles. Man hörte das Knistern der Dochte in den Oellampen. Auch die Schatten an den Wänden erstarrten und wurden unbeweglich wie die Menschen, die sich in d^r.i Räume aufhielten. Der greise Rabbi Jakob ließ .sich in einem tiefen Sessel nieder, und die Anwesenden traten, wie es bei den spanischen Juden und Marranen Brauch war, einer nac'i dem andern auf ihn zu und küßten ihm die Hand. Der Alte legte seine Rechte jedem einzelnen aufs Haupt und segnete ihn, indem er etwas mit den Lippen murmelte. Als diese Zeremonie zu Ende war, pochte Josef Pinsi, der Hauswirt des Gewölbes, leise an eine Geheimstelle in der Wand, die nach der Gasse zu führte. Draußen, vor dem Hause, an den Ecken der Gassen, waren nämlich Posten aufgestellt, junge Marranen, die aufpassen sollten, ob nicht die Aufseher der Ihm üsitiou irgendwo zum Vorschein kämen. Diese Wächter antworteten ihm jetzt mit verabredeten Zeichen, daß alles ruhig sei. Darauf zog Pinsi einen verborgenen Vorhang auseinander: ein Thora-Schrein kam zum Vorschein, und alle Anwesenden erhoben. sich, um das Abendgebet zu verrichten. Anfangs schwiegen sie, denn sie hatten einen Vorbeter; dann aber sprachen sie ihm die Gebete Wort für Wort nach. (Fortsetzung folgt)

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