Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 3 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3 DIE NEUE WELT Seite f Feiertagen eln«e v&Htee Abstinenz urnnÖgHch machen. Auffailend ist die geringe Jüdische Kindersterblichkeit auch in dem wenig hygienischen Milieu. Sie findet ihre Erklärung in der aufopfernden, ängstlichen Pflege der Kinder durch die Kidische Mutter, die äußerst selten dem Erwerbe nachgeht und daher mehr Zeit hat, dem kranken Kinde die nötige Sorgfalt zu widmen. Die besprochenen Eigentümlichkeiten der Juden haben wohl Differenzen in der Morbidität und Mortalität gegenüber den anderen Völkern ergeben, doch kann man sie nicht auf spezifische und ethnische Basis zurückführen, sondern sie sind in den eigenartigen sozialen und ökonomischen Verhältnissen, der jüdischen Massen begründet. Diese Erkenntnis bietet auch die Gewähr, daß bei einer Besserung des sozialen Milieus aaich eine Aenderung gewisser ungünstiger .pathologischer Zustände der Juden zu erwarten ist. Sport Die t>M<*nieren" des Herrn Göbel. Herr Göbel, Postoffiziatf und Fußballschiedsrichter, ist als Postbeamter zu antisemitischer Gesinnung sicherlich berechtigt (oder verpflichtet?). Auf dem Sportplatz hat er das Hakenkreuz zweifellos abzulegen. Bei einem Fußballmatch Hakoah gegen Admira, das Göbel leitete, ist es zwischen ihm und dem Spieler Moritz Häusler zu einem Wortwechsel gekommen. Häusler wurde durch Entscheidungen Göbels gegen Haokah irritiert und hat, wie der jüdische Spieler seinerzeit angab, dem Schiedsrichter zugerufen: „Sie haben sich nicht geändert, seitdem ich weggewesen bin!" Darauf, Göbel: „Und Sie haben Mir« jüdischen Manieren nicht abgeleg t!" Neulich hatte sich Göbel wegen der von Häusler gegen ihn angestrengten Ehrenbeleidigungsklage zu verantworten. Er bestritt, die Aeußerung getan zu haben und lehnte jeden Versuch, die Angelegenheit durch eine Erklärung aus der Welt zu schaffen, ab. Der Richter nahm nach dem Zeugenverhör als-erwiesen an, daß Göbel die Aeußerung gebraucht habersprach ihn aber frei mit der Begründung, daß die inkriminierten Worte keine Ehrenbeleidigung enthalten. Göbel habe nur ausdrücken wollen, daß Häusler Jude sei. Wir wissen nicht, ob der Richter (Oberlandesgerichtsrat Dr. S i e b e r t, man wird sioh den Namen merken müssen) schon bei einem Fußballmatch war. Die Zuschauer waren wohl darüber genügend aufgeklärt, daß Häusler, der in der Hakor.hdreß mit dem Magen David antrat, Jude sei. Es hätte eines diesbezüglichen Kommentars seitens Göbels, wie es der Oberlandesgerichtsrat Dr. Sieber bezeichnet, wohl nicht bedurft. Herr Göbel hat mit den „Manieren" klarerweise „M a n i e r 1 o s i g k e i t e n" gemeint, dies als s p e z 1 f i s c h j ü d i s c h hinstellen wollen. Ueber die Auffassung des Dr. Sieber wird ja eine höhere Instanz zu entscheiden haben. Was den Herrn Postbeamten betrifft, so interessiert uns seine „Weltanschauung" eigentlich nicht. Den Seih iedsrich t,e<r Göbel aber, über dessen provokantes Benehmen der Hakoahkapitän Scheuer nähere Auskünfte geben kann, wird sich das jüdische Publikum auf dem Spielfeld nicht mehr gefallen lassen. Ein Exodus vor 115 Jahren. Von F. K. In einer Zeit, da die Wiederbesiedlung Palästinas durch jüdische Kolonisten zu einem Weltproblem geworden ist, dürfte es sicherlich von Interesse sein, zu erfahren, daß ähnliche Projekte bereits zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bestanden haben. In einer alten, vergilbten deutschböhmischen Zeitung fand ich darüber folgende Darstellung, die, in ihren Einzelheiten erforscht, sicherlich kulturhistorisch wertvolle Resultate ergeben würde. Zur Zeit des großen österreichischen Staatsbankrotts war es. Kaiser Franz' I. Finanzpatente waren eben beschlossen worden. Not \nd Elend brachten diese Maßnahmen über jene, deren Besitz vornehmlich in Geld bestand. Namentlich waren es die Juden in Böhmen, die durch die strengen Ausnahmsgesetze am meisten betroffen wurden, da sie ja damals keinen Grundbesitz haben durften, Außerdem waren die verschiedenen Steuerlasten recht ausgiebig, hiezu kam noch eine besondere Judensteuer, Miserabel gingen die Geschäfte in jenen schlechten Nachkriegszelten. Die Juden Böhmens, die einzig und allein auf den Handel angewiesen waren, versanken in quälende, drückende Armut. Immer größer wurde die Not, das Elend. Von Auswanderungen nach Amerika wußte man damals In Böhmen so gut wie gar nichts. Was tun? Da kam ein unternehmungslustiger Kopf auf die Idee, nach Palästina, dem Lande der Väter, auszuwandern, dort das Feld zu bestellen, wie es die Ahnen getan. Und so zog der neue Prophet durch die Dörfer und kleinen Städte Südböhmens, wo das Elend besonders groß war, predigte von dem alten neuen Reich, das man wieder gewinnen und bebauen müsse. Bald hatte er eine Anzahl von ungefähr hundert Familien um sich versammelt, die alle bereit waren, in das Land ihrer Sehnsucht auszuwandern. Sie gelobten ihrem Führer, Mtihsale, Entbehrungen und Fährnisse mit ihm getreulich zu teilen. Verkauften Ihre kleinen Häuser und alle unnütze Habe, schafften sich landwirtschaftliehe Geräte an und luden ihre notwendigen B*. Arne Borg als Gast der Hakoah. Hagibor (Prag) beim Schwimmfest im Dianabad. Der schnellste Schwimmer der Welt, der berühmte Schwede Arne Borg, startete bei einem von der Hakoah veranstalteten Schwimmfest Im Dianabad zum ersten Male in Wien und schuf am ersten Tage einen neuen Weltrekord über 800 Meter. Auch der Prager Hagibor nahm an dem Meeting teil. Sein Springer B a 1 a z s erntete reichen Beifall. Im Wasserbau wurde die Prager jüdische Mannschaft von der Austria 2:3, vom W. A. C. 1:5 geschlagen. Hagibor zeigte gutes Können. Die 10ö-<Meter-Damenkonikurrenz im Rückenstil gewann Hedy B i e n e n f e 1 d in 1:37. Hervorragend schwamm auch der Ha'koahner Goldberger, der den von ihm gehaltenen österreichischen Rekord im Freistil über 100 Meter auf 1:04,8 verbessern konnte. Aus formalen Gründen konnte die Leistung offiziell nicht anerkannt werden. Die Wasserballmannschaft der Hakoah, in der Arne Borg mitwirkte, besiegte den tschechoslowakischen Wasserballmeister, den P. P. E. (Bratislava), 7:4 (3:2). Goldberger stellt einen neuen Rekord auf. Am dritten Tage der Arne-Borg -Veranstaltung gelang es Goldberger, seinen bisherigen österreichl- Modelle vvn Kutschnermeister Simon Kohri Die große Pelzmodenschau im Karsalon Wunderschön waren die von der Firma Simon Kohn, 2. Bezirk Negerlegass 10 Telephon Nr. 40-t> 50, vorgeführten Modelle drei davon br ngen wir im Bilde: Einen prachtvollen Breitschwan «mantet mitgroßem schönen Nerzkragen Einen eleganten Nerzmantel we eher großen Beifall erntete, und den könig'ich, wie echter Hermelin wirkenden weiße nKanincape nilt großem weßen Fuchskragt n und echten Hermelinschwänzchen. i>a-n folgte ein wunderschöner Breitschwanzpersianer mit dazu passendem Kragen; sehr duf »g ein Fehmantel in leuchtendem Silbergia«. schön und dauerhaft ein Persianermantel mit grauem Persianerbesatz. Sehr apart gearbeitet ein französisches Mo Ml Nerz- Peschaniki-Mantel, der echtem Zobel gleichsah. Schließlich ein Tigermaniel. E darfsgegenstände auf leichte, von einzelnen Pferden gezogene Leiterwagen. Diese waren mit Leinwand bedeckt und ersetzten so auf der Reise die Zelte. Ein langer Wagenzug setzte sich eines Tages in Bewegung. Männer, Frauen, Greise, auch viele Kinder nahmen an der kühnen Fahrt teil. Anfangs ging alles trefflich vonstatten. Die Schar der Auswanderer wurde in den großen jüdischen Gemeinden von Nikolsburg und Preßburg auf das freundlichste aufgenommen. Empfehlungsschreiben von Wien, die der Preßburger Rabbiner verschafft hatte, sollten den Kolonisten die Wege zu den türkischen Behörden ebnen. Aber bald begann ein langer Leidensweg. Kaum waren sie von Preßburg über die Donau gezogen und auf der großen Ebene, die .der Strom -im Norden und Osten begrenzt, angekommen, als ihre Nachzügler von ungarischen Schweinehirten angegriffen und ausgeplündert wurden. Mehrere vereinzelte Angriffe folgten. Sie wufden zurückgewiesen. Das Gerücht, daß Juden durch das Land ziehen, die vermutlich reiche Schütze bei sich führten, verbreitete sich rasch. Es lockte Räuber aus allen Gegenden herbei. Auch beutegieriger Stadt- und Landmob gesellte sich hinzu. Die Kolonisten, die sich von allen Selten angegriffen sahen, bildeten aus ihren Wagen eine dreieckige Wagenburg. Sie nahmen Kinder und Frauen in die Mitte und machten einen kühnen Ausfall. Die Räuber wichen zurück. Die Juden hatten ebenfalls einen schweren Verlust erlitten. Beim ersten Angriff war ihr Prophet gefallen. Ein tapferer Kämpfer namens Jakob Meisl, der sich auf der Reise durch Entschlossenheit und Umsicht ausgezeichnet hatte, wurde Führer, Wieder setzte sich die Karawane In Bewegung. Man kam nicht weit. Die Feinde umzingelten die Auswanderer, Sie kamen Immer näher, Schossen eine Anzahl Karawanenpferde nieder. Der Zug kam ins Stocken, Verwirrung entstand bei den Juden. Diese benützteii die Räuber, um in die Wagenburg einzudringen, Blutiges Gemetzel, gräßliches Handgemenge entspann sich. Es gab Tete und Verwundete auf beiden Selten. Zwei Tage und zwei Nächte währte» die Kämpfe. Es war Hochsommer« Die Sonne brannte beiß. Pen Besehen Rekord Aber 100 Meter Ffd$ö! auf 1:03,6 m verbessern. Im Damenschwüitmen über 200 Meter Preis«! siegte Fritzl Löwy glatt über Fledscher (Daraibla). Judischer Cups Semifinale* Hagibor: Sieger« Das Cupspiel Hakadu r—Ha gib or endete mit einem 3:1-Siege des vorjährigen Meisters. Das Finale findet nunmehr zwischen Hakoah—Hagibor statt. Das Spiel fand vor 500 Zuschauern auf dem Hertha- Platze statt; Hagibor ist von Anfang des Spieles an überlegen, doch gelingen den Stürmern keine Treffer. Ein einziger Durchbruch Hausers bringt Hakadur in Führung. Einige Minuten später kann Schnabl ausgleichen. Halbzeit 1 :1. Nach Seitenwechsel sind noch Pollitzer und Ronis erfolgreich. Beide Mannschaften führten ein zwar faires, jedoch auf keinem hohen Niveau stehendes Spiel vor, speziell die sieggewohnte Hagibor zeigte schon bessere Leistungen. Die Internationalen, B o n d y und Hu ß, sowie die Hakadurspieler Banzer und Klein arbeiteten über Durchschnitt. Die beiderseitigen Reserven spielten vorher 3:1 für Hagibor. In der Fußballmeisterschaft der ersten Klasse erlitt Hakoah in ihrem vierten Putiktekampf des Herbstes von F. A. C. eine 0:2-(0:l-)Niederlage. Die jüdische Mannschaft, bei der Neufeld und Stroß krankheitshalber fehlten, wurde vom Schiedsrichter benachteiligt. Hakoah ist gegenwärtig-unter 13 Vereinen an 9. Stelle placiert. In der gemischten Meisterschaft schlug Hakoah 2 den S. C. Deutsch-Wagram 2:1 (0:0). Der Hakoahplarz wird wieder in Betrieb gesetzt. Die Eröffnung des Hakoahplatzes in der K r i e a u erfolgt Sonntag den 9. d. durch das Meisterschaftsspiel gegen Slovan. Der Rasen des Spielfeldes wurde neu geschaffen ■und die Tribüne entsprechend adaptiert. Auf der Stehplatzseite wird es keine Sitze mehr geben und statt der Bänke vor der renovierten Tribüne werden Klappstühle eingestellt. Es ist ein charakteristischer Zufall, daß diesmal gerade Slovan den adaptierten Platz als Gast betreten wird. Demi die Wiener Tschechen waren bei aMen feierlichen Anlässen der von dem jüdischen Verein ausgewählte Partner- Einen neuen Mittelläufer hat die Hakoah engagiert, Es ist Strauß aus Oedenburg, der schon einmal in der Reserve des jüdischen Vereins tätig war. Er dürfte am Sonntag gegen Slovan bereits antreten. ' In der Vorentscheidung für den indischen Cup siegte Hagibor gegen Hakadur 3:1 (2:1). . , Im Amateurcup gewann Hasmonea gegen Wiener Sportverein 3:0. Die Grazer Hakoah gewann überraschenderweise gegen die dortige Straßenbahnennannschaft 3:1 (2:1). In der Hockeymeisterschaft wurde Hakoah vom Oesterrcichischen Hockeyklub 0:1 (0:1) geschlagen. — L e <h r f e 1 d ist der einzige Hakoahner, der In dem sonntägigen Länderkampf gegen Deutschland im österreichischen Team mitwirken wird. In der Leichtathletikmeisterschaft siegte Hakoah gegen Rapid mit 76:64 Punkten,.und placierte sich unter fünf Vereinen an dritter Stelle. Fritz Bürger, der hervorragende Leichtathlet und Leiter der Hakoali-Leichtathletiksektion, ist beruflieh nach Antwerpen übersiedelt, wo er beim dortigen Makk a b i für den jüdischen Sport weiter wirken wird.. Für die Ha'koah bedeutet 'das Scheiden Bürgers einen großen Verlust, da die Leichtathletiksektion der Blau-Weißen unter ihm einen großen Aufschwung nahm. Der jüdische Verein Jutrzenka Krakau) wurde von den Touristen 2:4 besiegt. lagerten fehlte es an Wasser. Sie litten furchtbar. Waren dem Verschmachten nahe. Unterhandelten mit den Angreifern. Diese wähnten ungeheuerliche Schätze. Daher schien ihnen das angebotene Lösegeld als zu gering. Am vierten Tage ritt Graf Esterhäzy, ein Mann vo/nehmer Gesinnungsart, zufällig vorüber. Sah, was vorging. Versuchte, das Gesindel von seinem Vorhaben abzubringen. Vergeblich. Zwar wagten die Räuber es nicht, den ungarischen Magnaten, der von einer stattlichen Anzahl Bewaffneter begleitet war, anzugreifen. Doch seine Drohungen verfingen nicht; sie zuckten nur die Achsel und blieben. Esterhäzy tat, als ob er die Vermittlung gänzlich, aufgäbe und ritt welter. Eine Stunde später kam er mit vielen Husaren, und „Heiducken" zurück. Die Räuber Wurden überwältigt. Einige wurden gefangen, anderen gelang die Flucht.. Die Juden dankten bewegt ihrem edelmütigen Retter. Eine Tagereise begleiteten Esterhdzys Husaren die Schar. Neue Aufregungen und Leiden kamen. Die furchtbare Sonnenhitze brachte zahlreiche Erkrankungen mit sich. Viele erlagen den Krankhelten. Unter ihnen Meisl. An 6eine Stelle traten die fünf Aeltesten. An der kroatischungarischen Grenze verbot ein Edelmann den Juden die Weiterreise. Er rechnete es ihnen als strenges Vergehen an, daß sie über „seine Gebiete" zogen, ohne seine Erlaubnis eingeholt zu haben. Die fünf Vertrauensleute ließ er auf einige Tage einsperren. Entmutigt gaben die Auswanderungslustigen den Gedanken auf, in das gelobte Land zu ziehen. Ihr Fähnlein war durdh Kämpfe und Krankheiten stark zusammengeschmolzen. Als Bettler kehrten einige in das Land der Armut, nach Böhmen, zurück. Andere fanden bei den nächsten Judengemeinden Schutz und Hilfe. Etliche verstarben am Wege , . . Nur fünf tollkühne, entschlossene Männer setzten die Reise nach Palästina fort, nachdem sie den letzten Rest ihres Geldes als Buße dem kroatischen Adeligen zahlen mußten. Nur einer von ihnen kehrte lebend nach Böhmen zurück. Nach vielen Jahren als blinder Mann . . , Er Wöß Hartmann und war auf einem Schiffe den Barbares>ken 1« . die Hände gefallen.