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Die neue Welt · 1927-09-30 · Heft 2 (30.9.1927) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 2 (30.9.1927)
Date
1927-09-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2____D!E NEUE WELT___Seite ff DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN Von Schalom Asch rlat*. Wien - Leipzig. (2) „Oh, für den Kardinal von Venedig? Wer wird da wagen, seine Schätze Seiner herrlichen Heiligkeit vorzuenthalten? Bitte,, gnädiger Herr, tritt ein! Ich habe Schätze^ die wert sind, den Palast des Sultans aHer Türken zu schmücken." Mit diesen Worten er-' hob sich der Jude von seinem Sitz im Fenstergewölbe, verschwand für einen Augenblick, steckte dann wieder seinen Kopf tinter, einer kleinen Tür hervor, die irgendwo unter dem halboffenen Fenster verborgen war, und forderte den Maler auf, einzutreten. Pastila war verwundert, als er hinter dem Juden durch die kleine Oeffnung in das Gewölbe , kroch. Tiefe Dunkelheit herrschte im Innern. Ein : niedriger,' sechskantiger, geteilter Balken hing über seinem Kopf; Wände erblickte er nicht: sie ver-. schwanden im dunklen Nebel. Nur hie und da entj deckte er einen Erker, der am Tage von der kleinen Flamme einer mit Oel gefüllten Ampel erhellt wurde. Beim Lichte dieser Ampel glänzten und funkelten dem; Maler verschiedene Stoffe entgegen. Da glühte zu-. sammen mit dem Lampenlicht ein Stück flammenden Samts, auf, das zwischen den Falten die Strahlen seiner Farben barg; dort leuchtete ein anderes- Gewebe. Hier und da funkelte es vor seinen Augen, doch der. Maler konnte nicht genau unterscheiden, was es war — er sah nur, daß Winkel und Erker allerlei Waren bargen. Unterdessen schleppte der Jude einen Kasten heran, und als er diesen öffnete, staunte der Maler über die Schätze, die zum Vorschein kamen. Der Kasten war vollgestopft mit verschiedenen genähten und gewebten italienischen und orientalischen Seiden-, Woll- und Brokatstoffen, die ein. vielfarbiges Licht ausstrahlten. Nun holte der Jude ein Stück Seide nach dem andern hervor und trug sie alle nach dem Fensterchen, das mit dicken eisernen Stäben vergittert war, durch die" knappe Lichtstrahlen in das Kellergewölbe drangen. Er hob die Stoffe auf und ließ das Tageslicht auf sie fallen, damit Pastila den reinen' Glanz ihrer Farben besser bewundern, könnte. ' ' Der venezianische Maler, der an das Schillern der Seide sehr wohl gewöhnt war, konnte sich dennoch nicht Von dem Anblick der Webstücke losreißen. , Ihr Glanz und Goldschimmer sättigten sein Auge mit einem Farbenreichtum, der ihn trunken machte wie' guter alter 'Wein. Es" wären "da persische Seidenstoffe, die in allen Schattierungen ' glänzender Schlangen schillerten; andere glitzerten, als wären sie mit auserlesenen Edelsteinen besetzt; und wieder andere wirkten durch den edlen, . frauenhaften,, bescheidenen Reiz der Perlen. Ferner bekam er Samtstücke zu sehen, dieschwarz waren wie. die Nacht und tief wie das Meer, dann wieder andere Von der Farbe des Bernsteins. Und während der Jude sie alle gegen das Licht hielt, schien es dem Maler, als seien Sonnenstrahlen in die seidenen Gewebe gebannt, als strömten diese Strahlen ihr Licht aus dem Innern der Stoffe aus, und als hielte der Jude in seinen Händen ein Sonnenstrahlenbündel. Das karge Tageslicht verfehlte nicht, auch auf den weißen Bart und auf die blassen Züge des mit; seinen Seidenstoffen am Fenster, stehenden Mannes zu fallen. Und Pastila war von seinem Gesicht, das in dieser Beleuchtung ganz wie efiri Heiligenbild aussah, nicht weniger entzückt als von den Seidenstoffen. Es machte auf den Maler einen so starken Eindruck * und reizte so sehr seinen künstlerischen Instinkt, daß er den Zweck seines Kommens ganz vergaß und den Kaufmann aufforderte, ihm all seine Stoffe und Waren zu zeigen, nur um unterdessen sein Gesicht länger betrachten zu können. Wie jeder Künstler es bei einer derartigen Gelegenheit getan haben würde, beabsichtigte Pastila, die Züge des - Juden für eins seiner Heiligenbilder zu . benutzen; als ihm aber einfiel, daß es das Gesicht eines Ungläubigen, war, verzichtete er als guter, frommer Christ auf diesen Gedanken . . . \ ' ■ Während der ganzen Zeit, da der Maler sich in 'm dem Kellergewölbe aufhielt* hörte er eine Stimme, "die in das Gewölbe hereinklang, als käme sie von weit her, als dringe sie durch dicke Wände und 1 Mauern hindurch. Es war eine Frauenstimme. Bald schien es, als sänge sie, bald, als betete sie. Und obwohl sie fern und unklar klang, unterschied der Malerdoch, daß sie in fremden, ihm unbekannten . Worten bebte. Die zitternde Weichheit dieser Stimme, sowie die Unverständlichkeit der Worte , reizten den Maler. Schon längst hatte er Bemerkt, daß aus einem, in der Erkerwand angebrachten Fensterchen ein Licht hervorschimmerte. Er begriff, 'daß dort, hinter dem Fensterchen, die Innenzirnrrier der Wohnung .des Juden lasen, und daß von dort auch die singende Frauenstimme herüberdrang. Neugierde erfaßte ihn, und er hätte gar zu gerne einmal dorthineingespäht, um zu sehen,; was da eigentlich war. Allein er fand keine Gelegenheit, sich dem Erker zu nähern, da der Jude ihn fortwährend in der Nähe des andörn^ auf der Gassenseite eingebauten Fensterchen festhielt, wo er ihm seine Seidenstoffe zeigte. Aber Pastitas "Interesse für die glänzenden Gewebe war längst erlahmt: seine Aufmerksamkeit wurde jetzt von der hereinklingenden Frauenstimme völlig in Anspruch genommen. Zuerst hatte er ihr keine Aufmerksamkeit geschenkt. Dann aber horchte er vöri Zeit zu Zeit auf,'und trotzdem ihm die Worte unverständlich und der Ton fremd war, ging ihr Klang ihm immer tiefer zu Herzen. Das Beben und die leise Tiefe dieser Stimme und die ihr entströmende edle Keuschheit, das alles ließ im Innern des Malers etwas erzittern. Endlich aber bot sich ihm doch eine Gelegenheit, dem Fenster näherzutreten. Der Jude begann nämlich einen neuen Kastelf mit Seidenstoffen auszupacken'und war mit den vielen eisernen Klammern und Schlössern beschäftigt, durch die der Kasten geschlossen war.' Da trat Pastiia an das Fenster und blickte hinein. Er blieb,wie angewurzelt stehen. Beim Schein einer silbernen Oellampe erblickte er einen Greis, der iii Tücher eingewickelt dasaß,, und ein Mädchen, das ihm zu Füßen auf einer kleinen Bank hockte und aus einem Buche singend vorlas. Der Greis mußte blind sein, — seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht wie von einem Netz von Falten überzogen. Die losen grauen Haare seines Bartes bewegten sich über seiner Brust. Das" Gesicht des Mädchens vermochte der Maler dagegen zuerst nicht genau zu sehen. Sie saß über ihr Buch gebeugt, das auf ihren Knien lag, und Pastila konnte nur die Falten eines blausamtenen Gewandes sehen, das von ihren runden Schultern herabfloß. Der Schein der Oellampe, die über dem Mädchen an einem dicken Balken hing, fiel ihr«wie ein Schirm über. Kopf und. Schultern und .beleuchtete sie. Der Glanz ihres Haares war von demselben perhmartigen Schimmer, wie der Samt an ihren Schultern, und ihr ganzes Wesen schien von perlerigleichem Morgentau überhaucht zu sein. Bald aber hob. sie ihren Kopf und sah sich ängstlich unv wie wenn sie den Blick und die An-; Wesenheit des Fremden gefühlt hätte. Allein sie hatte den Maler, der durchs'Fenster spähte, noch nicht entdeckt, als, Pastiia ihr Gesicht bereits mit Blitzes-; schnelle erblickt hatte. Deredle 'Anblick - ließ sein Herz erschauern, . seine Augen, füllten sich, mit Tränen und eine, andächtige Stimmung erfaßte ihn. . Es war ihm, als sähe er eine 'übermenschliche Erscheinung, ein Wunder Gottes. 1 Zwei ruhig-traurige Augen blickten zu ihm auf. Noch nie war er so traurigen Augen begegnet. Sie waren von mandelförmigem Schnitt,' wie die Augen eines ägyptischen Knaben, halbgeschlossen. Die Lider zitterten " und die Härchen der Wimpern zitterten ebenfalls, wie bei einer Taube, die Mitleid erweckt bis zum Wehleid, nur daß die Augen des Mädchens' nicht .Mitleid, ' sondern eine tiefe, übermenschliche. Traurigkeit aufkommen ließen. Ihre Stirn war rund,1' gewöjbt und,sehr hoch, Wie die der heiligen .Anna auf dem Bilde Leonardo da Vincis. Sie war so breit wie die Stirn ihres Vaters, indessen senkten sich zuweilen die Linien ihrer Kinnbacken länglich und schmal nach unten, wie im Gesicht , eines edlen jungen Hirsches. Aber am lieblichsten prägte sich das tiefe, unergründliche Leid, das im Gesicht des Mädchens lag, um. die Lippen aus. Es war kein Mund ■zu nennen, es war ein lebendiger Schnitt im Ge- sieht. Er war ungewöhnlich klein und kurz, als wäre das Gesicht ursprünglich an dieser Stelle zusammengewachsen gewesen, und als hätte dann jemand die verwachsenen Lippen voneinander getrennt, aber;Knosp.e geformt, worauf sich der Mund wieder -ver s.chJoßlwie, eine Blume über Nacht. Und so frisch wie der Tau, den dann die Nacht auf einer Blüte hinter« mit sehr viel Liebe und Zartheit; so, als hätte eines Meistjers Hand den Schnitt der Lippen sanft, gleich .den Blättern einer jungen, .kaum entwickelten, roten läßt, war auch die kleine Oeffnung dieses Mundes. Als" das Mädchen aufblickte, war es dem Maler, als sähe sie eher mit dem Mund" als mit den Augen . . . . Pastila fühlte, daß in sein Herz dieselbe edle Trauer., und zitternde Freude eingedrungen waren, die den offenen Augen und dem offenen Munde des Mädchens entströmten, und'es schien ihm, als hätte er etwas Unwirkliches, eine Vision vor sich. Und das Ljcht de,r Ampel, vermischt mit dem zitternden Schein 'von Seide und Metall, die in den schattenverhüllten Zimmerecken funkelten, benahm ihm wie eine Wolke die Sinne, und machte ihn trunken. — Äjs das Mädchen schließlich das fremde Gesicht erblickte, das durch das Fenster ins Zimrher sah,'erschrak: es nicht. Kein Ausdruck der Verwunderung . 'trat in sei-.; Augen. Es erhob sich nur vom Platze. Uitd Pa'.*üa sah, wie der schwere Samt über ihre Schultern und den runde« Nacken hinabfiel, und hörte den angenehmen Klang des Schmuckes, mit dem ihr Kleid behangen war. Ihr lockiges Haar fiel auf das Gewand herab und verfloß dort mit dem dunklen Samt. Sie stand auf. trat an den Greis heran und legte ihre lange, gemeißelte Hand auf seine Schulter . . . Dann aber verschwand das alles plötzlich wie eine Sinnestäuschung, und statt dessen begann es vor den Augen des Malers golden und blau zu flimmern. Er blickte sich um und sah, daß der Jude, dessen Waren er vorher besichtigte, ein Stück Seidenzeug über das Fenster warf und alles, was im Zimmer vor sich ging, verhing. „Echter florentinischer Damast." sagte der Jude, auf den Stoff weisend, „mit Gold und Purpur gewirkt . . . , II. Helliges Schwelgen. Pastila gab sich alle Mühe, das jüdische Mädchen, die Tochter des Händlers, die er durch das Fenster gesehen hatte, noch einmal zu erblicken. Allein es bot sich ihm keine Gelegenheit dazu. So oft er ih das Ghetto kam, fand er das Haus auf dem „Platze der Juden" verschlossen. Das Gewölbe, in dem er das erstemal den Juden getroffen hatte, war nicht wiederzufinden. Es war überhaupt nicht wiederzuerkennen, daß dort früher einmal eine Schiebetür gewesen war. Das'.'Haus stand wie taubstumm da. Die kleinen Fenster, die oben hervorguckten, waren l»it ineinnndergebogenen Eisenstäben vergittert und von innen so verhangen, daß der Maler nicht erkennen konnte, ob im Innern des Hauses, jemand wohnte oder nicht. An dem eisernen Wetterfäimlein, das der Wind an einer eiserigehärnmerten Stange hin und her bewegte, bemerkte der Maler ein von der Zeit bereits abgenutztes Wahrzeichen des alten Kastilien; von den Nachbarn aber,. die ab und zu über den Platz liefen, vermochte er nichts zu erfahren. Die Juden ängstigten sich vor ihm und wichen ihm aus. Schließlich gelang es ihm aber doch, wenigstens auszukundschaften, daß der Jude, der in dem verschlossenen Hause wohnte, , „der Kaufmann von Kastilien" hieß. Er war ein reicher Mann und. Vertreter de£ großen Handelshauses, der reichen Marranin Donna Grazia Mendesia, der Schutzmutter der Marranen; die sich zuletzt in Konstantinopel niedergelassen und ihre Geschäftsverbindungen über alle Länder ausgebreitet hatte. \ Einmal stand Pastila auf dem Platz im Ghetto. Es war wohl ein Sabbat, denn Pastila wunderte sich über die Ruhe, die überall herrschte. Alle Häuser waren verschlossen. Selten sah man jemand über den FJlatz gehen : oder zum Fenster hinausblicken. Plötzlich vernahm Pastila Lärm! Er wandte sich um und sah päpstliche Aufseher und 'Kirchensoldaten, die aus verschiedenen Häusern junge Mädchen und junge Männer herauszerrten und sie abführten, unter Geschrei und Weinen der Eltern, die den Gefangenen in unverständlicher Sprache noch etwas zuriefen. Pastila war erstaunt. Er traute seinen Augen nicht: an dem kastilischen Hause, in dem der jüdische Händler wohnte und das die letzte Zeit, über stets verschlossen und tot dagestanden hatte, ging plötzlich die altbekannte Gewölbetür auf, darüber wurde eine Treppe auf die Gasse hinabgelassen, und dann vernahm er auf einmal über der Tür. das Rascheln eines Samtgewandes. Der Maler erblickte das Mäd-( chen, geführt von zwei Soldaten. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, wei'l ihr Kopf und Gesicht durch den grünen Schleier, das Zeichen der Judenkinder, verhüllt war. Doch sah er, daß sie ihren Kopf; ihren kleinen, feinen Kopf, der sich unter dem Schleier wie ein frischer schöner Apfel abhob, tief gesenkt hielt. Hinter dem Mädchen aber ging der Händler, der, ebenso wie seine Tochter, gebeugt und zur Erde blickend, den. Maier gar nicht ansah, obwohl er ihn offenbar bemerkt hatte. Pastila folgte ihnen. Am Eingang des Ghettos stand die Kirche Sancta Angelina. Diese Kirche, gleichsam ein Tör zum jüdischen Ghetto, trug unter dem Kreuze als Inschrift die Worte Jesaias: „Den ganzen Tag über streckte .ich meine Hände zu dem störrischen Volke hin," Nach einem alten päpstlichen Befehl sollten die Juden jeden Sabbatnachmittag die Kirche füllen und'die Predigt der christlichen Priester anhören.' Allein > die Juden leisteten diesem Gebot niemals Folge. Sic kauften sich mit Geld frei .und hatten im Ghetto ihre zehn „Batlanini" — professionelle Nichtstuer, die für alle Juden allwöchentlich am -Sabbat in die «Kirche gingen 5uud sich dort die Predigten der Priester anhörten, um das Gesetz formell zu erfüllen. Dasv konnte ihnen ja sowieso nicht schaden, da die Mehrzahl dieser zehn Männer, die die Gemeinden als Vertreter in die Kirche sandte, taub waren und dazu sich noch die Ohren verstopften, damit so die Prodigten-der Christen ja keine Macht über sie erlangen könnten. (Fortsetzung folgt.)

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