Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 1 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711615--0012-2713123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 DIE NEUE WELT ftr. f " DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN m Vorwort. „Den ganzen Tag über streckte ich meine Hände flehend zu dem störrischen Volke hin." (Jcsaia.) Am Ende der Via Appia, am Ufer des Tiber, in der Nachbarschaft der alten Stadt, in der die Tempel von Venus und Apollo und die Triumphbogen von Cäsar und Titus standen, lag das jüdische Ghetto, umgeben von einer dicken, hohen Mauer. Ueber dem Tor des Ghettos, das aus dem Triumphbogen von Augustus gebaut war, hatte der Papst ein hohes, spitzes eisernes Kreuz aufstellen lassen, an dessen Rückseite in hebräischen Buchstaben die aus dem Buche Jesaia entnommenen Worte angebracht waren: „Den ganzen Tag über streckte ich meine Hände flehend zu dem störrischen Volke hin." Allein das „störrische" Volk kümmerte sich um die Moral, die die heilige Kirche über seinem Tor angebracht hatte, nur wenig. Jeden Morgen und jeden Abend, beim Eintritt und beim Verlassen der Ghettotore, senkten die Juden ihre Köpfe, um nicht die heiligen Worte des Propheten Jesaia zu sehen, die vom Kreuze blutiger Schande mit goldenem Glänze auf sie niederflammten . . . In dieser Gegend, am Ufer des Tiber, im jüdischen Ghetto, lebten die Juden von alters her. Sie hatten sich dort schon bald nach der Zerstörung des zweiten Tempels niedergelassen. Es war, als wollten sie ihre ehemaligen Feinde, die Tempel des Apollo und der Venus, die einst mit ihrem Gott gewetteifert hatten, sowie die Triumphbogen ihrer Besieger nicht mehr verlassen — so hatten sie sich an die alte, von den Wellen halb überflutete, vergessene Stadt angeklammert, die in Ruinen versunken und wie verschämt dalag — vor den hohen Türmen, die sich auf den römischen Bergen erhoben, vor dem neuen Gott Christus. Während der ganzen Zeit — im Verlaufe von Epochen und Generationen, vom alten klassischen Rom bis tief in die Zeit der Renaissance, siedelten sich Juden an den Ufern des Tiber an in der feuchten, schmutzigen Gegend. Erst in der Zeit der Päpste Alexander und Julius, Clemens und Paul III. (die mehr Apostel der alten heidnischen Götter des alten Rom als des Gottes Christus waren) begannen die Juden, aus allen Teilen der christlichen Welt, wo sie unter den flammenden Ruten der Kirche und der Inquisition stöhnten, in beträchtlicher Anzahl nach Rom einzudringen. Gerade in Rom unter der Herrschaft der Päpste fanden sie mehr Schutz, als in allen andern christlichen Ländern. Dort entstanden ihre Gemeinden und sind ihre Synagogen erbaut worden. Spanische Juden ließen sich in Rom nieder, trotz des verräterischen Versuches ihrer Brüder, den Papst zu bestechen, er sollte sie nicht ins Land hereinlassen. Die Juden von Kastilien hatten ihre besondere Gemeinde in Rom. Französische Juden hatten hohe, angesehene Stellungen an den Höfen der Päpste und Kardinäle als Aerzte und Bankiers inne, und selbst aus Deutschland waren Juden nach Rom gekommen. Die Juden ließen sich in allen Teilen der Stadt nieder und hatten dort ihre Synagogen. Papst Paul IV. aber trieb sie in die Mauern des Ghetto zurück, das er noch enger und höher umschloß. Er sonderte für sie, für die Tausende und aber Tausende von Juden mit ihren Frauen und Kindern, einen viereckigen Platz von einer Meile Umfang ab, in dem allein sie wohnen, leben und sich bewegen durften . . . Dann setzte er die alten Beschränkungen ihrer Rechte wieder in Kraft und schaffte von sich aus neue dazu. Die Juden stöhnten unter dem Joch des Statthalters Christi in Rom . . . Aber in dem viereckigen Raum, auf dem feuchten, schmutzigen Boden des Ghetto pflanzten sie sich dennoch fort und vermehrten sich; und konnten sie sich auch nicht in die Breite dehnen, so reckten sie sich nach oben, führten ein Stockwerk auf dem anderen auf, bauten Brücken über die schmalen Ghettogassen und errichteten auf diesen Brucken Häuser um Häuser, Türme, Tore und Erker —- ein Haus überragte das andere, ein Turm war höher als der nächste — so daß man die Giebel des Ghettos über dessen Mauern ragen sah. Der Papst befahl, die Türme niederzureißen — die Juden vergruben sich in der Erde und bauten Gewölbe und Keller. 'Lange Korridore führten zu unterirdischen geräumigen Wohnungen, in denen Dutzende und Hunderte von Familien lebten, Hochzeiten hielten, Beschneidungsfeste feierten und Synagogen bauten, so daß sich dort schließlich ganze Gemeinden bildeten. Allein die Juden mauerten sich in dem Ghetto nur zum Wohnen ein. Kaum jedoch ertönte das Trompetensignal auf den sie einschließenden Mauern, so schwärmten sie aus den Toren in die Ruinen der alten Stadt hinaus, um dort Handel zu treiben. Obschon es den Juden streng verboten war, mit den Von Schalom Asch Christen zu handeln, und obwohl der Papst es den Christen unter Androhung des Kirchenbanns untersagt hatte, mit den Juden in Beziehungen zu treten — so konnte er gegen dieses- Treiben doch nichts ausrichten. Die päpstlichen Aufseher und Denunzianten wurden bestochen. Aus ganz Rom strömten die Bewohner zu den Toren des jüdischen Ghettos, um bei den Juden Waren einzukaufen. Die schön sten, sonnenhell glitzernden, goldglänzenden damastenen Gewebe bekam man bei den Juden, ebenso wie andere orientalische Stoffe, indische Gewürze, Pfeffer und Wohlgerüche, die sie auf geheimen Wegen aus der freien Republik Venedig bezogen, wo Schiffe aus Konstantinopel, Smyrna und anderen Häfen Kleinasiens einliefen. Außerhalb der Mauern des Ghettos aber versank die Pracht und Herrlichkeit, der Ruhm und die Größe der einstmaligen Feinde der Juden in Schmutz und Staub. Die Tempel der Venus und des Apollo lagen halb zerstört. Die Triumphbogen, die die Römer zu Ehren der Besieger der Juden — Titus und Cäsar, Augustus und Konstantin — errichtet hatten, gerieten in Vergessenheit. Die in Schmutz und Feuchtigkeit verfaulten Götter hat erst Michelangelo wieder ans Tageslicht geholt und für die Museen des Vatikans gesammelt. Die Marmorblöcke ihrer Tempel brach er aus und verwendete sie für den Bau einer Kirche für den Gott Christus. Aus dem Triumphbogen des Augustus baute man aber eine Mauer für das jüdische Ghetto, und vom Titusbogen schlugen Buben mit Steinen die Reliefs ab. Auf den Ruinen der Tempel der Aphrodite breiteten die Juden ihre Waren aus und boten sie feil. Die Marmorplatten der eingesunkenen Tempel schafften sie beiseite und stellten auf ihnen ihren indischen Pfeffer, ihre orientalischen Gewürze und farbigen Stoffe zur Schau, auf den Marmorsteinen des Triumphbogens des Titus verkauften sie Fische aus dem Tiber, und von einer Generation zur andern pflanzte sich das Lachen fort über die jüdischen Waren auf den Ruinen der alten Götter. Es war, als wollten die Juden sich an ihren Besiegern rächen, und gar mancher Jude dachte sich insgeheim: Ebenso wie wir heute auf den Ruinen der Tempel der Venus und des Apollo Fische und Gewürze verkaufen, genau so werden später einmal unsere Kinder ihre Waren auch auf den Ruinen der christlichen Kirchen ausbreiten, die heute mit so stolzer Herrlichkeit von den römischen Hügeln auf .die Welt herabblicken, genau so wie einst die Tempel der Venus und des Apollo . . . I. Verborgene Schätze. Auf dem „Platz der Juden" im römischen Ghetto, den Papst Julius II. mit Steinen pflastern und mit einem Renaissancebrunnen hatte schmücken lassen, spazierte eines Tages der venezianische Maler Signore Cesare Pastila umher. Pastila war ein Mann von einigen zwanzig Jahren, mit einem schmalen Gesicht und tieftraurigen Augen. Sein Haar war ungleich geschnitten. Es fiel über seine Schultern in langen Locken, die den Eindruck erweckten, als kümmerte sich ihr Besitzer nicht sonderlich um sie, und die herabhingen und wuchsen, wie die Natur sie eben wachsen ließ. Sein Backenbart war lang und sah wie die Wickellöckchen der Juden aus, was seinem Gesicht einen noch melancholischeren Ausdruck verlieh. Der Maler ging ohne bestimmtes Ziel umher. Er war in das Ghetto durch einen Zufall geraten. Durch jene schmutzigen Gäßchen schlendernd, die zum Tiber führten, und in denen von alters her die Diebe und Dirnen von Rom hausten, hatte er sich unversehens in das Ghetto verirrt. Die engen, schmalen Gassen und die ummauerten Häuser mit ihren Türmen und Erkerzimmern, die über den Gäßchen in der Luft hingen, überraschten ihn. Sein Blick wurde gefangengenommen von all dem Fremdartigen und Unbekannten, das sich ihm darbot: von den Juden in den gelben Tuniken und grünen pfotenartig herabfallenden Schlapphüten, von den gelben jüdischen Abzeichen, die die Gestalt eines S hatten und auf der Brust angebracht waren, von den Frauen mit ihren verhüllten Gesichtern und zwei blauen Streifen auf dem Schleier, zum Zeichen, daß sie Jüdinnen waren; von den Hemden, die sie über ihren Tuniken trugen, und den vielen Diamanten und Edelsteinen, die aus ihrem Haar hervorleuchteten; von den langen, ehrwürdigen, blauen Samtröcken, die einige der Männer anhatten zum Zeichen, daß sie reiche, angesehene Leute waren, und ihren Mänteln, die denen der Dogen*von Venedig ähnlich waren, von den Kindern, die über ihren gelben Tuniken große „Arba-Kanfoth'\ rituelle Gewänder, trugen, deren Rand mit blauen und goldenen Stickereien geschmückt war, und deren Quasten nachschleppten und den Kleinen beim Laufen ins Gesicht schlugen. Dann der ganze Handel und irlag, Wien-Leipzig. Wandel, das Feilschen der Leute miteinander, Geldwechsel, Hausieren mit Waren — mit farbigen Kleidern und Ballen von Leinen, Samt und Seide — all das fesselte die Aufmerksamkeit des Malers. Sein Interesse wurde von diesem fremdartigen Reichtum, der sich vor seinen Augen ausbreitete, ganz in Anspruch genommen. Es war ihm, als hätte er sich in eine orientalische Stadt verirrt, auf einen der Märkte des weiten Arabien, im Reiche des Sultans, von dem ihm die Kaufleute und Matrosen, die nach dem Orient reisten und aus der Türkei Waren nach Venedig brachten, so viel erzählt hatten. Eine Gestalt aber, die auf der Schwelle eines Hauses saß, fiel ihm besonders auf. Es war ein hochgewachsener, hagerer, schmalwangiger Jude, mit ungewöhnlich hoher Stirn und langem Bart, der am Kinn breit ansetzte und nach unten spitz auslief. Das Gesicht, das unter dem hohen Judenhut mit der herabfallenden Spitze hervorsah, erinnerte an Heiligenantlitze, wie sie auf den primitiven byzantinischen Heiligenbildern zu sehen sind, wie man sie oft in alten italienischen Kirchen findet. Pastila war von diesem Anblick überrascht. Er ging auf .den Juden zu, und je mehr er sich ihm näherte, desto erstaunlicher erschien ihm die Aehnlichkeit des Mannes mit einem byzantinischen Heiligenbild. Die Augen des Juden waren blau und rund und lagen starr und unbeweglich in den Augenhöhlen unter den runden, bogenförmigen Brauen. Die Hausschwelle, auf der der Mann saß, war eigentlich gar keine Schwelle, sondern mehr eine Art Schiebetür eines Gewölbes, die halb offen stand und wie ein Tisch ausgezogen war. Auf diesem Tische hatte der Jude um sich herum verschiedene Stoffe, alte und neue, ausgebreitet. Farbige Röcke, farbige Tuniken und rotgeblümte Seidenstoffe lagen da, die wie Sonnenstrahlen leuchteten,?*erlenschimmernde Gewebe, die in Falten niederfielen und einen Lichtglanz ausstrahlten wie die funkelnden Schuppen eines Fisches, oder wie die Flügel gewisser Sommervögel. Alles lag durcheinander, aber sobald der Jude den vornehmen Herrn auf sich zukommen sah, ballte er die Ware schnell zusammen und versteckte sie unter den langen breiten Schößen seines Mantels. „Sei gegrüßt, edler Herr", verbeugte sich der Jude vor dem jungen Manne, noch bevor der Maler ganz in seiner Nähe war. »Sei gegrüßt, Jude'V anwortete Pasbila. Und noch bevor der Händler etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Versteck' nicht deine seidnen Stoffe, Jude. Ich bin kein Steuermahner vom päpstlichen Staatsschatz und auch kein Ordnungsaufseher der heiligen Kirche. Ich komme nicht, um dich zu überwachen. Ich bin ein Maler aus der Stadt Venedig und Bürger der venezianischen Republik. Ich stehe in Diensten Seiner Heiligkeit des Kardinals von Venedig. In das Ghetto bin ich . gekommen, um Seidenstoffe . zu kaufen zur Ausschmückung meiner Modelle für die Fresken, die ich für die Kirche vom .Heiligen Herzen' male.. Zeig' mir also ruhig deine Ware, Jude, ich zahle dir mit guten goldenen Dukaten." Und bei diesen Worten klimperte der Maler mit seinem ledernen Beutel, den er am Gürtel trug und der mit Münzen vollgepfropft war. Als der Jude die Stadt Venedig nennen hörte, das Asyl aller unter dem Joche des Papstes stöhnenden Marranen und Juden, empfand er sogleich Sympathie für den Goi. Doch zugleich überkam ihn auch Angst vor dem Fremden, denn das Gesetz, welches den Juden den Handel mit den Christen untersagte, war sehr streng. „O edler Herr, entschuldige meine Rede! Der edle Herr weiß sicherlich, daß der Heilige Vater, Paul der Vierte — Gott schenke ihm langes Leben und Sieg über alle seine Feinde — uns verboten hat, mit den Christen Geschäfte zu machen. Weshalb also willst du einen armen Juden in Versuchung führen? Das Geld lockt ja, besonders die echten venezianischen Golddukaten, die in allen. Ländern des Sultans in Umlauf sind", sagte der Jude, der auf diese Weise erfahren wollte, was für Münzen der edle Herr in seinem Beutel hatte. „Du hast richtig geraten", und der Maler klimperte abermals mit dem Geld. „Es sind echte venezianische Dukaten, die in allen Ländern des Sultans in Umlauf sind. Nicht halb mit Blei geprägte Münzen, wie sie der Heilige Vater seine Untertanen für vollwertiges Geld zu nehmen zwingt. Also keine Angst, Jude! Verkauf mir deine Waren; sind sie ja doch für den Kardinal von Venedig bestimmt, und wir Venezianer verstehen sehr wohl, ein Geheimnis zu wahren," fuhr der Maler fort, ihm zuwinkend, „und dann weißt du doch, daß der Heilige Vater nur dem einfachen Volke verboten hat, mit den Juden Handel zu treiben, nicht aber sich selbst und den Kardinälen, für die keine Gesetze gelten." (Fortsetzung folgt.)