Der neue Anfang
- Journal
- Der neue Anfang
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (15.3.1919)
- Date
- 1919-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2710055-2710056-2710062--120-2710198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und ihrer Einheit gekommen. Laßt euch nicht durch' den Umstand irreführen, daß bei der Wahl zur Nationalversammlung die bürgerlichen Parteien zusammengenommen noch eine kleine Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt haben. Seht euch die Kurve der Entwicklung der letzten Jahrzehnte an: von Wahl zu Wahl wuchs der Prozentsatz der für den Sozialismus abgegebenen Stimmen. Und diese Entwicklung ist deshalb nicht aufzuhalten, weil sie in den wirtschaftlichen Tatsachen begründet ist. Es ist nicht aufzuhalten, daß sich die Erkenntnis, benachteiligt, enterbt, bevormundet zu sein, immer weiter in der'Masse des Volkes verbreitet und damit auch der Wille, diesem Zustand ein Ende zu machen durch Selbstbefreiung und gerechte Neuordnung. Dies ist ein so einfaches Exempel, daß kein nüchtern Denkender darüber im Zweifel sein kann. Es gilt für euch, «dieser einfachen Lage -ehrlich und mutig ins Auge zu sehen. Ich verstehe es, wenn sie euren Wünschen nicht entspricht. Ihr seid noch ein Geschlecht, dem ein höherer Anteil an der Bildung und den geistigen Gütern unseres Volkes zufiel durch .die bloße Gunst eurer sozialen Lage. Aber ihr seid das letzte so bevorzugte Geschlecht. Und ihr mögt euch an den Gedanken nicht gewöhnen, daß Stellung und Besitz der Eltern von nun ab diesen Vorteil und überhaupt die Gewähr für eine gesicherte und angesehene Stellung im Leben nicht mehr bieten sollen. [Was aber kann es euch helfen, wenn ihr euren Groll über diese, wie ihr selbst erkennen müßt, unvermeidliche und nicht mehr rückgängig zu machende. Wendung der Dinge auslaßt in Beschimpfungen und im Kleinkrieg ohnmächtiger Gehässigkeiten? Was erreicht ihr damit anderes, als daß ihr euch selbst aus der Entwicklung ausschaltet, daß ihr weithin sichtbar eure Unbrauchbarkeit für führende. Stellen im Volksleben beweist, und daß ihr das Volk geradezu dazu zwingt, schleunigst dafür Sorge zu tragen, daß ihr, der Nachwuchs des Bürgertums, der jetzt die höheren Bildungsanstalten bevölkert, ersetzt werdet durch eine Schülerschaft aus seinen eigenen Reihen, eine Schülerschaft, von der es erwarten kann, daß sie, wenn sie herangewachsen ist, die neue Ordnung der Dinge verstehen, bejahen und in seinem Sinne verwalten wird. Dies bitte ich euch zu überlegen. Euer ^gedankenloses Treiben, für das freilich viele eurer Erzieher mehr verantwortlich sind, als ihr, führt für euch selbst, für euch als gesellschaftliche Schicht, unvermeidlich zur Katastrophe. Wir andern wollen nicht, daß ihr blind ins Unheil rennt, aber ihr seid uns nicht unentbehrlich. Ihr, die ihr oftmals den euch angebotenen Einrichtungen zu eurer Mitbeteiligung an der Leitung und Ausgestaltung des Schullebens ablehnend gegenüber standet unter dem Vorwand, ihr seid für eure selbständige 'Ordnung eurer eigenen Angelegenheiten noch nicht reif, ihr nehmt euch jetzt ein Urteil heraus über die Fragen, der Revolution und des Sozialismus?, über» die kaum einer von euch jemals .etwas Gründliches gelernt hat. Diesem Zustand wird hoffentlich ein Ende gemacht durch Einführung eines Unterrichts über Geschichte und Lehre des Sozialismus; nicht in der Hoffnung, die Mehrheit von euch von der Wjahrheit des Sozialismus zu" über- 9P