Der neue Anfang
- Journal
- Der neue Anfang
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugendspiegel Ein Beispiel. In meine Klasse kam eines Tages der Lateinlehrer und las nun der erstaunten Schülerschar 5 Bedingungen vor, die ihr und ihm „ein gedeihliches Zusammenarbeiten" ermöglichen sollten. Die Bedingungen lauteten: 1. Ich wi;ll mit Ruhe und Aufmerksamkeit dem Unterricht folgen. 2. Ich will meine Schularbeiten wie auch Hausaufgaben aufmerksam und ehrlich' machen, d. h. also ohne abzuschreiben und ohne Übersetzungen zu gebrauchen. 3. Ich will bei jeder Unklarheit fragen. 4. Ich will auf den Zuruf Silencium ruhig und aufmerksam dem Unterricht folgen. 5. Ich ..will ,alle überflüssigen und erfundenen Entschuldigungen vermeiden. „Alle die damit einverstanden sind, sollen aufstehen und damit die Bedingungen annehmen und durchführen!" Die ganze Klasse steht auf. Ein freudiges Gefühl durchzuckt mich: Die Klasse will wenigstens bei diesem Lehrer ehrlich sein. Nun wird die Wahrheit herrschen. Ein Anfang i(st gemacht. Doch da tauchen auch schon die Bedenken auf. Ich melde mich ein paar Worte sagen zu dürfen. Ich spreche einiges über das alte Schulsystem und erkläre, wie uns diese Schule doch unehrlich machen muß. Füge dann noch hinzu, daß mancher bei der Menge der häuslichen Aufgaben diese nicht ordentlich erfüllen kann (ordentlich heißt mit yokabeleinschreiben und Repetition usw^) und nun, was bei dem geringen Interesse der Schüler gegenüber dem Latein erklärlich ist, die Übersetzung gebraucht. Der Lehrer, der es wirklich mal gut mit der Klasse meint, ist bereit keine Hausaufgaben mehr zu erteilen. Ich übergebe ihm nun meine Übersetzung, in dem Glauben, daß man meinem Beispiel folgt. Denn ich will versuchen da, wo mir so entgegengekommen wird, ehrlich zu sein. Ich habe es auch bis heute durchgeführt ohne Verschlechterung meiner Noten und, ich muß es sagen, mit hoher, innerer Befriedigung. Und die anderen! Mit wenigen Ausnahmen arbeiten alle Schüler noch mit Übersetzungen, schreiben in der Schulaufgabe ruhig weiter;ab. Trotzdem: der Lehrer jedem Schüler auf jede Frage gern Antwort igibt, trotzdem^ er in der Schulaufgabe jedem die Wörter sagt und sagen will, die einem' entfallen sind. Trotz alledem wird von all' diesen Schülern abgeschrieben, die doch aufgestanden sind und das Versprechen gaben ehrlich zu sein. Ja nur wenige gehen überhaupt hinaus zu idem Lehrer und fragen ihn. Und da soll der Lehrer noch Achtung haben vor diesen Schülern, denen er doch so entgegengekommen ist, wie sonst noch kein Lehrer uns Schülern entgegengekommen ist? In einer Klasse des Realgymnasiums zu München wurde ein Zettel von dem Vertreter der Klasse herumgegeben, der die Aufforderung enthielt, die Schüler möchten ihre Wünsche betreffs Schulreform auf einem 13