Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 6 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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er sieht, daß dies bei uns nicht nötig ist. Es wird noch einmal hei uns über die Möglichkeit eines neuen Berufes beraten, und wir beschließen gemeinsam mit der Mutter, es noch einmal mit einer Lehrstelle, und zwar im Gärtnerberuf, für den der Junge große Neigung zeigte, zu versuchen. Die Mutter ist nicht sehr einverstanden mit dieser Lösung, weil sie darin einen Abstieg des Sohnes in das Proletariat erblickt — sie hofft eben immer noch, aus dem Sohn einen ordentlichen Kaufmann zu machen. Wir suchen eine Lehrstelle für E. und finden nach kurzer Zeit eine solche in einer jüdischen Handelsigärtnerei. E. arbeitete dort voller Begeisterung und erholte sich in jeder Beziehung sichtlich, so daß man hoffen konnte, daß er seine Schwierigkeiten überwinden und die Lehre beenden würde. Zum Unglück mußte er diese Stelle ohne seine Schuld aufgeben und war wieder vor eine Entscheidung gestellt. Dies war zu schwer für ihn, und er verfiel in seine alten Fehler, stahl, wo er konnte, «trieb sich tagelang auf Rummelplätzen umher und suchte keinerlei Arbeit. Mutter und Sohn waren völlig verzweifelt, die häuslichen Schwierigkeiten vergrößerten sich täglich, die kleineren Geschwister quälten ihn ständig und wollten ihn nicht mehr zu Hause haben. Eines Margens war E. unter Mitnahme einiger Geldmittel verschwunden. Nach wenigen Tagen wurde er, verzweifelt und verkommen, aufgegriffen und nach Berlin zurückbeordert. Da die Mutter ' weigerte, ihn nach Hause zu nehme»), wurde er in eine Fürsorgeerziehungsanstalt überführt. Dort war er einer der unglücklichsten Jungen, litt ständig unter Depressionen, fühlte sich vereinsamt unter den dort untergebrachten Jugendlichen und fand absolut keine Beziehungen zu dem Leiter des Heimes. Die einzige Freude, die er hatte, war, wie er in allen Briefen versicherte, der Garten, den er mit großer Liebe bebaute. Wie der Ansfcalifcsleiter mitteilte, arbeitete er im Garten leidlich, hatte jedoch in keiner Weise Ausdauer und vertrug nicht den geringsten Tadel. Wenn er gelobt wurde, gelang ihm die Arbeit, und er gab sich weiterhin Mühe. Ein Jahr lang, verblieb er in der Anstalt; sein Gesimdheitszustand verschlimmerte sich zusehends, er aß nicht und weinte ständig und bei einem Besuch im Heim bat er mich endlich dringend, dafür zu sorgen, daß er wieder in eine freie Lehrstelle käme. Es erschien unbedingt notwendig, ihn sofort aus dem Heim <zu nehmen, wenn man überhaupt noch eine r wisse Lebenstüchtigkeit von ihm erreichen wollte. Ich verhandelte mit Frau C. wegen einer Uebersiedlung von E. Ich war mir bewußt, hierbei einen großen Widerstand überwinden zu müssen; es gelang mir zum Glück, die Mutter zu veranlassen, alle Schritte zur Rückkehr des Jungen einzuleiten. Inzwischen suchten w:- eine Lehrstelle und fanden eine solche bei einem verständnisvollen Meister, der die sehr schwere Aufgabe der Ausbildung dieses Jugendlichen übernahm. Endlich war die Entlassung aus der Anstalt durchgesetzt, und E. siedelte zu seinem Meister über, der ihm einen Teil der Lehrzeit anrechnete; durch diese Tatsache war das Selbstgefühl des Jungen und seine Freuide an der Arbeit sehr verstärkt worden. Er trat seine Stelle an und fühlte sich von Anfang an sehr wohl dort. Der Meister ging auf seine vielfachen Schwierigkeiten mit großer Geschicklichkeit ein und förderte ihn in jeder Beziehung. E. kommt jetzt häufig zu uns, erzählt uns von seiner Arbeit, die er sehr liebt, erzählt von seinen mannigfaltigen Sorgen und Freuden und fühlt sich wirklich wohl. Er hat besonderes Interesse für die Arbeiten in seinem Berufe und eine wirkliche Freulde an dieser Arbeit, die ihn dazu führt, sich weiter auszubilden, besondere Versuche (seltene Veredelungen usw.) zu machen, so daß der Beruf heute in seinem Leben eine entscheidende Rolle spielt, die seine Entwicklung zur Gemeinschaftsfähigkeit günstig beeinflußt und seine asoziale Einstellung in eine soziale verwandelt hat. Er ist seit dreiviertel Jahren in seiner Lehrstelle, hat sich bisher tadellos geführt, und es ist zu hoffen, daß ihm durch die richtige BeruiseingMederung entscheidend geholfen worden ist, sodaß er den Anschluß an das Leben wiedergefunden hat, seine Schwierigkeiten überwinden kann und sich in die Gemeinschaft einzureihen imstande sein wirld.L. Z. 163