Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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derfürsorge getrieben zu haben, wo wir materielle Hilfe aussichtsloser Emigration versagt und den Wandertrieb gehemmt und eingeschränkt haben. Ein Blick auf unsere Tabelle zeigt uns leider, daß im Laufe des ganzen Jahres, an den einzelnen Monaten des Vorjahres gemessen, sowohl die Zahl der Bititsteller wie auch unsere Ausgaben erheblich gestiegen sind. Wir müssen daraus schließen, daß die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen sich weiter verschlechtert hat, und auch die Frequenz der letzten beiden Monate besitätigt dieses durchaus. Von dem „sichtbaren und anhaltenden Rückgang der (ausländischen) Wanderung« in Deutschland, von dem der letzte Jahrpsber*f*v d^r Berliner Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge spricht, ist leider hier wenig zu spüren. Wir haben rund 1000 Personen milt 3 449,95 DG für Fahrkarten nach Polen, mit 1 646,75 DG für Fahrkarten nach Deutschland, mit 1344,05 DG für Nachtlogis und Verpflegung und außerdem mit 1118,55 DG an Barunterstützungen (für Pässe, Personalausweise, Visa »usw.) geholfen. Wir haben gegen das vergangene Jahr ein Mehr von 200 Personen, von 1 200 DG für Fahrkarten, von 125 DG für Nachitlogis und Verpflegung und ein Minus von 850 DG an Barunterstützungen. Wie man hieraus ersieht, haben wir uns infolge eines starken Andranges in der Gewährung von Barunterstützungen (inkl. Gelder für Visa) größte Beschränkung auferlegen müssen. Wenn es uns überhaupt gelungen ist, den an uns gestellten Anforderungen gerecht zu werden, so liegt es daran, daß wir durch reichere Erfahrung und Uebung uns durch eine wohlgeordnete Organisation, vor allem auch durch engste Fühlungnahme mit den übrigen Organisationen eine wirksamere Kontrolle geübt und die Bewilligung von Mitteln mit aller Vorsicht geprüft haben, ferner daran, daß wir nach Möglichkeit die Mittel der Oeffentlichkeit in Anspruch genommen haben. So hat uns das polnische Generalkommissariat in den Monaten November—März durch Gewährung von Krediitfahrscheinen an die in die Heimat zurückkehrenden polnischen Staatsbürger erheblich entlastet. Mit dem Senat, Abteilung Soziales, und mit dem Städtischen Wohlfahrtsamt stehen wir in enger Fühlungnahme. In einer ausführlichen Denkschrift und in persönlicher Aussprache haben wir Senat und Wohlfahrtsamt auf unsere Arbeiten und den Umfang unserer Aufgaben hingewiesen und dort Verständnis und auch Entgegenkommen gefunden. In einer Konferenz mit dem Herrn Senator des Innern, dem Herrn Ersten Staatsanwalt und dem Leiter des Wohlfahrtamts haben wir besonders die Frage der Fürsorge für Staatenlose und für Ausländer ohne genügende Ausweispapiere zu klären gesucht. Wir dürfen hoffen, daß in Zukunft die Behörde sich der Staatenlosen mehr annehmen wird als bisher, und daß auch die Sorge für alle diejenigen, die ohne genügende Papiere die Grenze übertreten, in Zukunft der Staat übernehmen wird, damit diese Menschen, die hier keine Arbeit finden, aber auch den Freistaat nicht verlassen können, nicht umkommen und demoralisiert werden. Die Schaffung eines größeren Asyls für Obdachlose ist mit auf unsere Initiative bereits beschlossen worden. Beim Deutschen Generalkonsulat ist die Erteilung von Visa zur Durchreise oder Einreise nach Deutschland nach wie vor äußerst schwierig. Es lehnt auch das Transitvisum in solchen Fällen ab, wo die Antragsteller im Besitze eines Visums nach der Schweiz beispielsweise sind. Die Erteilung eines Visums für kurzen Aufenthalt in Deutschland macht es von der Aufenthaltsgenehmigung des Polizeipräsidiums des betreffenden Ortes in Deutschland abhängig, in den der Antragsteller reisen will, es hat sich aber bereit erklärt, diesbezügliche Gesuche um Aufenthaltsgenehmigung von uns weiterzuleiten. Wir werden solche Gesuche nur dann einreichen und unterstützen, wenn wir durch Prüfung uns davon überzeugt haben, daß der Bittsteller nicht dem Reiche zur Last fällt, oder falls er im Besitze eines Visums nach Belgien oder der Schweiz ist, auch dort wirklich Arbeits- und Existenzmöglichkeit durch Verwandte usw. hat. Andererseits waren wir in all den Fällen, wo wir eine Emigration nach dem Westen befürworten zu können glaubten, bestrebt, die Beförderung für möglichst weite Strecken durchzuführen, da die Wan- 83