Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frage der ungelernten Arbeit spielt, wie bereits hervorgehoben wurde, innerhalb der jüdischen Jugend eine nur geringe Rolle. Die jüdische Berufspolitik, soweit von ihr gesprochen werden kann, geht denn auch ausgesprochen dahin, junge jüdische Menschen ins Handwerk, d. h. also in gelernte Arbeit, zu bringen. In Bezug auf die drei von ums gebildeten Typen stellt sich die Berufsverteilung folgendermaßen dar: Die halbproletarische westjüdische Jugend befindet sich zu einem kleinen Teil in ungelernten, etwa zu gleichen Teilen in kaufmännischen und handwerklichen Berufen. Die proletarische ostjüdische Jugend ist in stärkerem Maße in handwerklichen als in kaufmännischen Berufen tätig. Dabei spielen die jüdischen »Sonderhandwerke« Kürschner und Konfektionsschneider eine besondere Rolle, während die mehr ins Technische herübergehenden Handwerke weniger stark vertreten sind. Ueber die Sonderhandwerke wird noch weiter unten einiges zu sagen sein. Die westjüdische bürgerliche Jugend ist auch heute noch überwiegend in kaufmännischen Berufen konzentriert. Es ist außerordentlich schwierig, etwas über die Berufswünsche der einzelnen Typen in Bezug auf die Stellung im künftigen Beruf zu sagen, «d. h. über die Frage, ob man für die Zukunft eine selbständige oder abhängige Arbeit ins Auge faßt. Allgemein gültige Antworten auf diese Frage können naturgemäß nicht gegeben werden. Es ist nur ein Rückschluß von dem Berufsschicksal der heutigen erwachsenen jüdischen Generation auf das eigene Berufsschicksal möglich. Wenn dieser Rückschluß vollzogen wird, so ergibt sich für die ostjüdische Jugend der am stärksten ausgeprägte Wunsch nach wirtschaftlicher Selbständigkeit. Diese Selbständigkeit wird aber ernst und bewußt nicht mehr als Selbständigkeit des kapitalistischen Großunternehmers erstrebt, sondern es handelt sich um die Selbständigkeit des Kleinhandwerkers. Beherrschend für die Berufswahl ist für einen Teil der jüdischen Jugend das Verbot der Sabbatharbeit. Das Verbot der Sabbatharbeit bringt für den Teil der ostjüdischen proletarischen und der westjüdischen bürgerlichen Jugend, der dieses Verbot noch beachtet, außerordentlich schwere Probleme mit sich. Eine Anzahl von Berufen scheiden für diese Jugend von vornherein aus, weil es schlechterdings aussichtslos ist, in diesen Berufen sabbathfreie Stellen zu erhalten. Auch die Berufsausbildung hat teilweise einen anderen Charakter, weil der jüdische Betrieb, der am Sonnabend geschlossen ist, heute seinem Aufbau und seiner Personalzusammensetzung nach, auch seiner Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nach einen anderen Gharakter zeigt als sonstige Betriebe. Das wird besonders im ostjüdischen Kleinbetriebe deutlich. Hier haben wir es nicht immer mit geregelten Lehrverhältnissen zu tun, die »Lehrlinge« können nur als angelernte Arbeiter bezeichnet werden, weil ihre Arbeitgeber als Ausländer oft keine im Inland anerkannte Meisterlehre durchgemacht haben. Dabei sind die Berufsaussichten in diesen Sonderhandwerken, also besonders in der 69