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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-10-01 · 4 (Oktober 1929) · page 3

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
4 (Oktober 1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jugendliche hat weder Raum noch Ruhe, um sich fortzubilden, ja, um auch nur innerhalb der Familie ein Puch zu lesen. Die ganze Familie ist auf ein oder zwei Räume zusammengeballt, jede Not und Erregung des Einzelnen wird (oft sich gegeneinander wendende) Not und Erregung aller. Der Sinn für Ordnung ist schwerer zu entwickeln, weil nie Platz genug da ist, damit jeder Gegenstand seinen »Ort« habe. Der Jugendliche aus der bürgerlichen westjüdischen Familie hat gewöhnlich ein eigenes Zimmer, der Gesamtwohnraum für die (gewöhnlich kleine) Familie ist ausreichend. Halten wir diesen Beobachtungen die Ergebnisse von Mewes gegenüber, so kommen wir zu einem interessanten Resultat. Mewes (S. 27) stellt fest: »Die meisten Jugendlichen wohnten in Wohnungen mit 3 und 4 Wohnräumen, nämlich etwa 63 v. H.« »Unter Wohnräumen sind nach den Grundsätzen der Statistik hier Zimmer, Kammern und Küchen verstanden.« Nach unseren Erfahrungen treffen diese Beobachtungen etwa auf die westjüdische proletarische und halbproletarische Jugend zu, was insofern auch wahrscheinlich ist, als die Erhebungen von Mewes bei etwa 200.000 Berufsschülern durchgeführt worden ist und deren Lebensstandard dem unserer west jüdischen proletarischen Jugend sehr ähnlich ist. Anders wird das Bild, wenn wir das Verhältnis von »überfüllten« Wohnungen bei der nichtjüdischen und bei der jüdischen Bevölkerung betrachten. »Unter überfüllt ist jede Wohnung verstanden, in der durchschnittlich mehr als 2Personen (also mindestens 3) in einem Wohnräume lebten« (S. 30). In Berlin sind nach dem »Statistischen Jahrbuch deutscher Städte«, XXII. Jahrg. (Mewes S. 31) im Mai 1925 5,1 % aller Wohnungen überfüllt gewesen. Es ist ohne weiteres deutlich, daß dieser Prozentsatz für die ostjüdische proletarische Bevölkerung weit höher ist. Insgesamt 28,9 % aller Jugendlichen hatten ein eigenes Schlafzimmer (S. 32), dieses Verhältnis dürfte, wenn man eine Durchschnittszahl für alle drei Typen gemeinsam bildet, etwa auch für die jüdische erwerbstätige Jugend anzunehmen sein. Ein weiterer Gesichtspunkt für die Erfassung der Lebensverhältnisse, der im vorigen bereits gestreift worden ist, ist die Größe der Familien. Bei der westjüdischen proletarischen und bürgerlichen Familie herrscht die Kleinfamilie mit 1 oder 2 Kindern vor, bei der ostjüdischen Familie überwiegt die kinderreiche Großfamilie. Die Großfamilie bringt ein gleichzeitiges Nebeneinander von erwachsenen, halberwachsenen und Kleinkindern mit sich. Der einzelne Jugendliche wird dadurch früh in einen bestimmten Pflichtenkreis gezogen, Familiengefühl und Lebenstüchtigkeit werden dadurch oftmals stärker entwickelt. Der soziale Auftrieb des Einzelnen ist »schon um der Eltern und Geschwister willen« sehr stark. Entgegengesetzte Wirkungen sind dabei nicht selten. Vergleichszahlen fehlen hierzu leider bei Mewes. Auch über den sehr wichtigen Faktor der Erwerbstätigkeit der Eltern, der zur Erfassung der Lebensverhältnisse der 67

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