Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 11 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE ARBEITS- UND WANDERFORSORGE 2, Jahrg. Mai 1929 Nr. 11 ARBEITSLOSIGKEIT UND WOHLFAHRTSPFLEGE VON DR. ILSE GOLDSCHMIDT, BERLIN Die Arbeitslosigkeit steht heute in Anbetracht ihres ungewöhnlichen Ausmaßes im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Es sind in diesem Winter Zahlen über ihren Umfang veröffentlicht worden, die das, was deutsche Statistik an Arbeitslosigkeit jemals zählte, weit übertreffen. Die Notwendigkeit, Abhilfe zu schaffen, ist mehr als dringend; dennoch verzichten wir hier bewußt auf Untersuchungen, wie die Arbeitslosigkeit aus der Welt zu schaffen oder zu mildern sei. Nicht etwa, weil wir dies für unmöglich hielten, sondern weil wir wissen, daß das, was wir zu vertreten haben: Sozialpolitik und Fürsorge, keine letzten Mittel bedeuten im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, jenen Kampf, der auf anderer Ebene geführt werden muß, der wirtschaftspolitischen; denn es geht um die Wirtschaftsform. Wir wollen nur zeigen — und es ist dringend erforderlich, Klarheit zu verschaffen —, was die Arbeitslosigkeit für unser Spezialgebiet, die Fürsorge, bedeutet. Ergibt sich doch von Tag zu Tag mit größter Deutlichkeit, daß die Arbeitslosigkeit nicht nur eine Gefahr für die Arbeitslosen, nicht nur eine Gefahr für die Wirtschaft, sondern auch eine unmittelbare Bedrohung unseres eigensten Gebietes darstellt: der Fürsorge. Vor einigen Jahrzehnten, als die Wohlfahrtspflege noch Armenpflege hieß, war der Gegensatz, den man bei der Gegenüberstellung der Begriffe: Arbeitslosigkeit und Fürsorge empfand, bei weitem nicht so stark, wie dies heute der Fall ist. Es zeigt sich vielmehr, daß die Mehrzahl jener Einrichtungen, die heute als sozialpolitische oder arbeitsmarktpolitische bezeichnet und die zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit benutzt werden, wie etwa der Arbeitsnachweis oder die Bereitstellung zusätzlicher Arbeitsgelegeilheit, aus Einrichtungen der Armenpflege heraus entstanden sind. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts galt z. B. der Nachweis von Arbeit als besondere Vergünstigung, als eine gehobene Form des Almosengebens, die nur solchen hilfsbedürftigen Armen zuteil wurde, die sich durch gute Führung und sonstige Tugenden als besonders würdig erwiesen hatten. Diese Anschauungen über die Arbeitslosigkeit als einem individuellen Verschulden und über die Mittel zu ihrer Behebung 217