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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-04-01 · 10 (April 1929) · page 31

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
10 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
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schwunden, und der Verdacht lenkte sich sofort auf Erna, die trotz aller Warnungen die verleumderische frühere Arbeitgeberin wieder als Referenz aufgegeben hatte. Naturgemäß hatte der Lehrherr, der trotz der schlechten Auskunft das Mädchen eingestellt hatte, sie verdächtigt. Der Erfolg dieser geradezu tragischen Selbstbestrafungssucht war die Entlassung. Wir mußten es aufjgeben, E. in eine der vorgemerkten Stellen zu vermitteln, sondern suchten eine Lehrherrin, von der wir Verständnis für die Eigenart des Mädchens erwarten konnten. Nach vielen Bemühungen fanden wir die Inhaberin eines Wäschegeschäftes, die bereit war, die schwierige pädagogische Aufgabe der Ausbildung des schwer belasteten Mädchens zu übernehmen. E. nahm die Stelle an, und es schien ihr dort besser zu gehen, bis die Arbeitgebern! uns nach einigen Wochen mitteilte, daß Erna verschwunden sei. Eine Rückfrage bei der Großmutter ergab, daß Erna auch das Haus verlassen habe, ohne irgend etwas über ihre Pläne und Absichten mitzuteilen. Wir gaben die Angelegenheit dem Wohlfahrts- und Jugendamt zuständigkeitshalber zur weiteren Bearbeitung. Trotz aller Nachforschungen — seit der Flucht sind mehrere Wochen vergangen — konnte das Mädchen bisher nicht ermittelt werden. Der vorstehend geschilderte Fall zeigt mit erschreckender Deutlichkeit die Unmöglichkeit eines Erfolges für die Berufsberatungs- und die Arbeitsvermittlung in einer Anzahl besonders schwierig gelagerter Fälle. Auch die vorsichtigste Vermittlung wird aus Erna K. keinen normalen Arbeitnehmer machen können. Keine Bemühungen, ihr neue Enttäuschungen zu ersparen, sind gescheut worden; alle Versuche mußten naturnotwendig an ihrem eigenen Selhstzerstörurngstrieb scheitern. Es handelt sich hier nicht um die Frage der Berufswahl, — in jedem Beruf hätte ihr das Gleiche geschehen müssen — sondern es handelt sich um die Form der Berufseingliederung. Bis man zur Erkenntnis der Lebensuntauglichkeit dieses Kindes kommen konnte, ist viel Unglück geschehen. Es erhebt sich wieder die Forderung der engen Zusammenarbeit mit der Schule, durch die vielleicht manches hätte vermieden werden können. Ferner wird die Forderung nach einer möglichen Zusammenarbeit mit einer großzügiiig ausgebauten Heilerziehung ersichtlich. Fälle wie der obengeschilderte beweisen erneut die eng gezogenen Grenzen unserer Tätigkeit, mahnen uns immer wieder an die Reformbedürftigkeit unserer Arbeit, und zeigen uns wiederum, wie vieles notwendig ist, um Fehlentscheidungen auf ein Mindestmaß herabzusetzen. L. Z. ORGANISATION Arbeiterkolonie — Aufruf Die Hauptstelle hat vor einiger Zeit einen Aufruf zur Gründung einer jüdischen Arbeiterkolonie veröffentlicht. Um Mißverständnissen vorzubeugen, weist die Hauptstelle darauf hin, daß dieser Aufruf nicht beabsichtigte, in seinen Einleitungsworten eine historische Darstellung de«r Entwicklung der Wanderfürsonge in Deutschland zu geben. Wir tragen gern nach, daß bereits vor dem Kriege eine Organisation der jüdischen Wanderfürsorge in Deutschland bestand, und daß diese Organisation zum allergrößten Teil der Initiative und der bewährten Tatkraft des Vorsitzenden unseres Rheinischen Provinzia Verbandes, Herrn Bernhard Feilchenfeld in Köln, zu danken ist. Die überaus interessante Geschichte der iüdischen Wanderfürsorge in Deutschland, die bald wird geschrieben werden müssen, wird mit Ausführlichkeit darlegen, welche Mühe auf rHe Vorkriegszeit verwandt werden mußte, wie die Organisation zu alle1* Zufriedenheit gearbeitet und wie r1°r Krieg mit seinen Nachwirkung" zum Wiederaufbau in erneuerter Form geführt hat, Arbeiterkolonie-Aktion (Bayern- Sachsen) Die finanzielle Aktion zur Errichtung der Arbeiter!'o*onie macht erfreuliche Fortseh Htte. Der Rat des Verbandes Bayn^^er Israelitischer Gemeinden hat hePclVossen, die Arbeiterkolonie mit Mk. 10.000.— zu subventionieren. P< deichen hat der Sächsische Israelische Gemeindeverband eine Subvention von Mk. 5000.— bewilligt. 215

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