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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-11-01 · 5 (November 1928) · page 1

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
5 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JODISCHE ARBEITS- UND WANDERFORSORGE 2, Jahrg. NOVEMBER 1928 Nr. 5 VOM ANDEREN UFER Die Wohlfahrtspflege hat im letzten Jahrzehnt in ideologischer und organisatorischer Hinsicht eine ungeahnte Entwicklung durchlaufen. In ideologischer Beziehung: Der Befürsorgte ist nicfet mehr der untertänigst Bittende, der Umfang der Fürsorgeleistung wird nicht mehr von dem Kriterium der Würdigkeit, sondern von dem der Bedürftigkeit abhängig gemacht. Es ringt sich immer mehr der Gedanke der Gesamthaftung durch, die Idee, daß die Gemeinschaft die Verpflichtung hat, für alle ihre Glieder einzustehen und zu sorgen. Dies hat — äußerlich gesehen — seine Ursache darin, daß die Notstände einen Umfang angenommen haben, die nicht nur das isolierte Individuum treffen, sondern ganze Schichten erfassen und hilfsbedürftig machen. So muß die Hilfsarbeit der Gemeinschaft, will die Gemeinschaft nicht sich selbst gefährden und aufgeben, aus der helfenden Tat für den einzelnen zur wohlverstandenen und vorausschauenden Fürsorgearbeit an sich selbst werden. Die Bedürftigkeit und in weiterer Entwicklung der Rechtsanspruch auf Hilfe sind die tragenden Faktoren jeder modernen Wohlfahrtsideologie. In organisatorischer Beziehung: dem Massennotstand ist die helfende Einzelpersönlichkeit nicht gewachsen. Die Bewältigung der fürsorgerischen Arbeit erfordert den ganzen Menschen und macht eine umfassende Organisation notwendig. Der beamtete Fürsorger ist heute zum Träger der Wohlfahrtsarbeit geworden. Der Beamte mit allen seinen großen Vorzügen und seinen nicht minder großen Nachteilen: er ist ein guter Kenner der Materie, steigende Praxis gibt schnellen Blick und große Kenntnis der Hilfsmöglichkeiten, er wird nicht nach dem Ansehen der Person fragen. Aber nur wenige können es vermeiden, in der täglichen Arbeit die große fürsorgerische Linie nicht zu vergessen, zur Maschine zu werden — und das ist die größte Gefahr —, jeder Tag bringt die Fülle gleichartiger Fälle, der Mensch wird leicht zum „Fall". Die Wohlfahrtsarbeit braucht Korrekturen. Es hat keinen Sinn, den Wert der organisatorischen Arbeit als solcher zu be- 73

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