Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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alten Kaufmannsfamilie stamme und selbst in seinem Beruf gut vorwärtsgekommen sei. Es wurde zur Ablegung der Eignungsprüfung geraten. Dort bestätigte man genauestens unsere Beurteilung, und es wurde dem Jugendlichen vom Landesberufsamt versuchsweise zum Tapeziererberuf geraten, was der Vater ablehnte und was auch wegen der Beobachtung der Sabbathtreue ausschaltete. Unser neuer Vorschlag: Gärtner, wurde vom Vater zurückgewiesen, vom Jugendlichen selbst mit verhältnismäßiger Freude begrüßt. Wenige Tage später erschien S. wieder mit der Nachricht, daß er selbst eine kaufmännische Lehrstelle gesucht habe. Kurz darauf war er entlassen. Bei der dann folgenden Rücksprache gab der Vater zu, daß der Sohn bereits mehrere kaufmännische Lehrstellen gehabt habe, die er wegen mangelnder Eignung immer wieder verlassen mußte. Es wurde versucht, ihm klarzulegen, wie wichtig es wäre, über die Erziehungsschwierigkeiten, die der Jugendliche mache, die Wahrheit zu sagen, weil es nur dann möglich sei, dem Jungen zu einer wirklich passenden Lehrstelle zu verhelfen. Endlich entschließt er sich, zu sagen, daß S. zu Hause sehr ungehorsam sei, daß er häufig fortlaufe und ganz gleichgültig gegen alles sei, was zu Hause geschehe. Bis zur Übersiedlung sei er leicht lenkbar gewesen, jetzt aber wären sowohl er wie auch die Mutter ihm nicht mehr gewachsen. Da er sich auch in allen Lehrstellen so verhalten habe, daß er sofort entlassen worden sei, wünsche der Vater nichts sehnlicher, als ihn außerhalb Berlins unterzubringen. Auf unseren Vorschlag fand eine Untersuchung in der Nervenklinik der Charit^ statt, die ergab, daß es sich bei S. um einen sehr sensiblen Psychopathen handle, der sich in einem guten Milieu vielleicht noch gesund entwickeln könne. Zum Gärtnerberuf wird auch von dort geraten. Jetzt erlangen wir auch das Einverständnis des Vaters. Wir wenden uns an eine jüdische Gartenbauschule mit der Bitte um Aufnahme, die abgelehnt wird. Noch während wir uns an anderer Stelle um Aufnahme bemühen, meldet S. uns wieder den Eintritt in eine kaufmännische Lehrstelle. Letztmalig wird von uns der Versuch gemacht, den Jungen in einer Ausbildungsanstalt unterzubringen, wo er seine Lehre ohne Beeinflussung des Elternhauses genießen kann. Der Vater lehnt alle Vorschläge ab, bittet aber, die Unterbringung in dem einen, gerade ablehnenden Heim durchzusetzen. Schließlich finden wir ein Heim, das geeignet und geneigt ist, S. aufzunehmen — auch der Vater scheint erfreut — kurz vor der Entscheidung erklärt er jedoch wieder, dem Sohne durch persönliche Beziehungen eine kaufmännische Lehrstelle beschafft zu haben. Endlich mußten wir uns entschließen, Herrn G. zu sagen, daß wir unter diesen Umständen dem Jungen zu keiner Ausbildung verhelfen könnten, und ihn bitten, alle Schritte zur Unterbringung selbst zu tun. L. Z. Wohlfahrtsprobleme der jüdischen Gegenwart Ueber dieses Thema spricht Frau Siddy Wronsky im Rahmen der Vorlesungen der Freien. Jüdischen Volkshochschule, Berlin, an 6 Abenden (Dienstags 9—10 Uhr, Synagoge Fasanettstraße, Beginn 6. November): Die soziologischen Gegebenheiten (»Milieu und Wirtschaft), Die physiologischen Bedingtheiten (Konstitution und Schicksal), Die psychologischen Erkenntnisse (Individuum und Gemeinschaft), 'Die ideellen Verknüpfungen (Entwicklung und Aufbau). BÜCHERSCHAU Vorberichte zur Internationalen Konferenz für Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik zu Paris Der Internationalen Konferenz haben eine Fülle von Vorberichten in deutscher Sprache vorgelegen, die ein ausgezeichnetes Material zum Studium der internationalen Probleme der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik darstellen. Sie geben z. B. einen Ueberblick über die Gesamtlage der Wohlfahrtspflege der Welt, wie er in diesem Umfange kaum noch in irgendeinem Sammelwerk zu finden ist. Sie behandeln Gebiete über: 1. Allgemeine Organisation der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. 2. Die soziale Ausbildung. 3. Methoden individualisierender Fürsorge. 4. Sozialhygiene. Im 71