Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 9 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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darüber hinaus auch nicht in dem Umfange wie der nichtjüdische Arbeiter der Sozialversicherung teilhaftig. Hierzu gesellt sich noch die Steuerpolitik der polnischen Regierung, die die Tendenz hat, die Landwirtschaft soweit nur irgendmöglich zu bevorzugen, indem sie sie von der Steuerlast befreit und den größten Teil der Steuern auf die Schultern der städtischen Bevölkerung abwälzt, d. h. in unverhältnismäßig großem Maße auf die jüdische. Diese Taktik wird ergänzt durch die sattsam bekannte Kreditpolitik der polnischen Banken und der gesamten polnischen Finanzwelt, die den jüdischen Händler, den jüdischen Handwerker und den jüdischen Arbeiter seit jeher stiefmütterlich behandeln. Auf eine derartige Entwicklung der polnischen Wirtschaftspolitik war die jüdische Bevölkerung nicht vorbereitet, sie hatte keine Zeit und keinerlei Möglichkeit, die notwendigen wirtschaftlichen Umstellungen durchzuführen. Aber auch wenn diese möglich wären, hätten sie die schwere Lage der Juden kaum erleichtern können, denn alle Schichten der polnischen Wirtschaft leiden unter Menschenüberfluß. Im Gegenteil, die andere Seite, die Polen vollziehen einen Umschichtungsprozeß, der sich direkt gegen die jüdischen Interessen wendet. Aus dem polnischen Mittelstand erwächst eine polnische Handelsklasse, die sich bemüht, die Juden selbst aus dem engen und begrenzten inneren Markt zu verdrängen. Dieselbe Tendenz hat die polnische kooperative Bewegung, deren Umfang von Tag zu Tag größer wird. Die natürliche Vermehrung der jüdischen Bevölkerung beträgt jährlich 45—50 000 Seelen, und es liegt kein Anlaß vor, zu glauben, daß sie hinter der natürlichen Vermehrung der polnischen Bevölkerung zurückbleiben wird. Aus der wirtschaftlichen Gesamtsituation ergibt sich, daß die natürliche Vermehrung der Bevölkerung sich nur durch Auswanderung ein Ventil schaffen kann. Ungeachtet all dieser Tatsachen sind sowohl in Amerika wie auch in Europa große Kreise vorhanden, die dazu neigen, bei jeder geringfügigen Verbesserung der jüdischen Verhältnisse Polens in einen unbegründeten Optimismus zu verfallen. Dabei wird als auf ein Symptom der Gesundung auf die Erfolge der jüdischen Kooperativen in Polen hingewiesen, die dank der Unterstützung des Joint und der Ica-Fundation lebensfähig wurden. Es ist richtig, daß die jüdische Kredit-Kooperative in Polen heute bereits einen ungeheuren Faktor im jüdischen Leben darstellt. Sie hat Zehntausenden von Juden die Möglichkeit gegeben, ihr Leben zu erhalten. Man übersieht aber dabei, daß die Interventionen des Joint und der Jca nicht mehr als das ungeheure Unrecht gut gemacht haben, dessen die polnische Finanzwelt sich gegenüber der jüdischen Bevölkerung schuldig gemacht hat, indem sie den Boykott der Juden auf dem Gebiet des Kreditwesens durchführte. Es darf aber nicht übersehen werden, daß diese und alle anderen gegen die jüdische Wirtschaft gerichteten Tendenzen weiterhin bestehen bleiben. Es bleibt die Frage offen, wer all dieses Unrecht überhaupt kompensieren 175