Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 9 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdischen Bevölkerung mit der Zahl der Gesamtbevölkerung vergleicht. Im gegenwärtigen Polen wohnen 66,6% reine Polen, an der allgemeinen Auswanderung sind sie aber nur mit 23% beteiligt, d. h.. daß sie dreimal weniger Auswanderer stellen, als sie prozentual auf Grund ihrer Bevölkerungsstärke stellen müßten. Die Ukrainer umfassen 14% der Gesamtbevölkerung und sind an der Auswanderung mit 8% beteiligt, d. h., auch sie stellen 50% weniger Auswanderer, als, quotenmäßig errechnet, auf sie entfallen müßten. Die Juden betragen 10,4 % der Gesamtbevölkerung, beteiligen sich aber an der Auswanderung mit 69%. d. h.. daß die Juden an der Auswanderung siebenmal stärker beteiligt sind als an der Bevölkerung. Worin ist diese außerordentliche Beteiligung der jüdischen Elemente an der allgemeinen Auswanderung aus Polen nach Uebersee begründet? Eine klare Antwort hierauf kann man in den Studien zur wirtschaftlichen Lage der Juden in Polen finden, die die Sektion für Wirtschaft und Statistik des jüdischen wissenschaftlichen Institutes unter Leitung von Jakob Leschinsky herausgibt.*) Ich kann leider das reiche statistische Material dieser Abhandlung hier nicht auswerten und muß mich deshalb nur auf allgemeine Ausführungen begrenzen. Ich setze als bekannt voraus, daß die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Polens in Handel und Industrie beschäftigt ist. Aber sowohl der Handel wie auch die Industrie lebten vor dem Krieg ausschließlich von dem unerschöpflich großen russischen Absatzmarkt. Für Galizien spielte dieselbe Rolle Oesterreich und für die schlesische Industrie Deutschland. Als aber Polen von all diesen Gebieten abgetrennt wurde, verloren die Juden automatisch die wichtigste Grundlage ihrer Existenz. Die Industrie ist, nachdem sie sich noch eine Zeitlang auf dem schwankenden Boden der Inflation halten konnte, vollständig ruiniert worden. Im Handel sind die Juden ausschließlich auf den inneren Markt angewiesen, und wie gering die Kaufkraft dieses inneren Marktes ist, können wir uns leicht vorstellen, wenn wir daran zurückdenken, in welch trauriger Lage sich die polnische Landbevölkerung und die polnische Arbeiterschaft seit Jahren befinden. Der jüdische Handel in Polen ist infolgedessen vollständig ruiniert, es kann auch nicht mehr von einer irgendwie bedeutenden jüdischen Industrie die Rede sein. Der jüdische Handwerker befindet sich in viel ärgerer Lage als der polnische, und zwar deshalb, weil er von den Privilegien und den staatlichen Krediten, die die polnischen Handwerker stützen, ausgeschlossen ist. Der jüdische Arbeiter leidet nicht nur unter der allgemeinen Arbeitslosigkeit, er wird auch aus den monopolisierten Staatsbetrieben verdrängt und ist *) „Studien über die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen." Jüdisches wissenschaftliches Institut, Berlin 1927. Das Buch ist noch nicht erschienen. Dem freundlichen Entgegenkommen des Herrn Dr. Jakob Leschinsky ist die Einsichtnahme in das Manuskript zu danken. 174