Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 7 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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RUNDSCHAU Moritz Liebenfeld Am 7. Dezember verschied in Bochum Herr Moritz Liebenfeld, der Vorsitzende des Provinzial - Armenverbandes für Westfalen. Mit dem Verblichenen, der ein Alter von 83 Jahren erreichte, schied eine der interessantesten Persönlichkeiten der jüdischen Wohlfahrtspflege dahin. Moritz Liebenfeld hatte bereits vor mehr als vierzig Jahren den Gedanken der organisierten Wohlfahrtspflege in die Tat umzusetzen versucht. Der von ihm begründete und bis an sein Ende von ihm geleitete Provinzialverband für Westfalen gehört zweifellos zu den ältesten überlokalen Organisationen der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Der Verstorbene wandte seine besondere Aufmerksamkeit und sein besonderes Interesse seit jeher den Problemen der jüdischen Wanderfürsorge zu. Er gehört mit zu den Begründern der Deutschen Zentrale für jüdische Wanderfürsorge, deren Vorstand er Jahrzehnte lang angehörte. Trotz seines hohen Alters war Moritz Liebenfeld noch für die Ideen moderner Wohlfahrtspflege empfänglich. Erst vor wenigen Monaten nahm er an einer Konferenz der Gemeinden Frieslands, in der die Begründung eines Provinzial-Wander Verbandes beschlossen wurde, lebhaften Anteil. Einen Tag später führte er den Vorsitz in einer wichtigen Sitzung des Provinzialverbandes für Westfalen. Ueberall, bei Tagungen und Sitzungen, würdigte er die Bedeutung der zentralisierten Wanderfürsorge. Sein Ansehen ging weit über die Grenzen seines engeren Wirkungski eises hinaus. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge verliert in ihm einen warmen Förderer und Freund. Im Auftrage des Reichsvorstandes der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge hat Herr Rechtsanwalt Koppel, Bochum, am Grabe des Verblichenen Worte des Gedenkens gesprochen. Warnung vor einer jüdischen Einwanderung nach Frankreich Der gegenwärtig in Warschau weilende Direktor des französisch-jüdischen Emigrantenhilfskomitees, R. Grünberg, hielt eine Konferenz mit den Vertretern der jüdischen Presse ab und sprach sich bei dieser Gelegenheit über die Aussichten einer jüdischen Einwanderung in Frankreich aus. In den ersten Jahren nach dem Kriege, sagte er, war Frankreich ein Einwanderungsland. Drei Millionen Ausländer, unter ihnen 2 800 000 Arbeiter, wanderten ein, unter ihnen ungefähr 60 000 Juden, von denen etwa 30 000 auf Paris und 30 000 auf die Provinz entfallen. Als Ende 1926 die Arbeitslosigkeit in Frankreich groß war, wurden die Grenzen für eine weitere Einwanderung gesperrt. Anfang 1927 setzte die Rückwanderung ausländischer Arbeiter ein. Gegenwärtig werden nur solche Arbeiter hereingelassen, die sich durch vom Arbeitsministerium vidierte Arbeitsverträge ausweisen können. Die jüdischen Emigranten seien gewarnt, ohne solche Arbeitsverträge nicht nach Frankreich zu kommen. Die Kontrolle gegen Ausländer ist sehr streng; illegal Eingewanderte unterliegen Strafen und werden unnachsichtig ausgewiesen. Bei der gegenwärtigen Krisis in der Industrie und im Handwerk in Frankreich sind die Aussichten für neue Einwanderer keine guten. Mit Bezug auf das Unterkommen in der Landwirtschaft darf man sich keine Illusionen machen. Herr Grünberg schloß mit der Feststellung, daß die Beziehungen zwischen Juden und Franzosen sehr freundschaftliche seien; Frankreich kennt den Antisemitismus nicht. Einwanderungs- und Ansiedlungs- Gesetzgebung der südamerikanischen Staaten Nordamerika hat der allgemeinen Einwanderung seine Pforten verschlossen. Das größte Aufnahmereservoir der Weltwanderung der letzten Jahrzehnte ist damit in Fortfall ge- 141