Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 6 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. J. Raff alowitsch - Rio de Janeiro: Brasilien, ein Zukunftsland für jüdische Einwanderung (jiddisch) — Herausgegeben von „Hias-Ica-Emigdirekt", Berlin. Seitdem die Vereinigten Staaten ihre Tore für jede Einwanderung fast ganz geschlossen haben, gehört die Frage nach dem „Wohin" zu den wichtigsten Fragen nicht nur der jüdischen, sondern auch der gesamteuropäischen Auswanderung. Dem seit dem Kriege ungeheuer gesteigerten Auswanderungsbedürfnis namentlich der osteuropäischen Völker stehen kaum nennenswerte Einwanderungsmöglichkeiten gegenüber. Die vorliegende Schrift, deren Verfasser als Vertreter der Ica seit Jahren in Brasilien lebt, gibt in knappen Worten eine Uebersicht über Brasilien und seine Bevölkerung sowie über die Entwicklung der jüdischen Einwanderung. Nach den Schätzungen von Dr. Raffalowitsch leben zur Zeit in Brasilien nicht weniger als 30 000 Juden. Im Jahre 1925 wanderten nach Brasilien 2 057, im Jahre 1926: 3 154 und in den ersten 5 Monaten von 1927: 1 503 jüdische Einwanderer ein. Die Lage dieser Einwanderer soll nach den Angaben von Dr. R., sofern sie sich entschließen, in die Provinz zu gehen, günstig sein. Die Schrift enthält noch eine statistische Tabelle, in der die Zahl der jüdischen Familien in 93 Orten Südamerikas verzeichnet ist. Dr. R. ist überzeugt, daß bei planmäßiger Tätigkeit der Einwanderungsorganisationen Brasilien in den nächsten Jahren schon zu einem der wichtigsten Länder der jüdischen Einwanderung gehören wird. A. Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft — Verlag Die Schmiede, Berlin. Keine nationalökonomische Untersuchung der jüdischen Wanderung, sondern eine liebe- und verständnisvolle Schilderung der Juden als Wanderer. Ihre Heimat, ihr Weg nach dem Westen. Die Stationen dieses Leidensweges sind gut gezeichnet. Die Leopoldstadt in Wien, das Scheunenviertel Berlins, die Judengassen an der Bastille in Paris, Joseph Roth hat sie mit offenen Augen du rchsdi ritten. Die Menschen, die er dort sah, sind ihm nicht fremd, sondern nah und vertraut. Die Lektüre dieses kleinen Buches wird auch dort von Nutzen sein, wo man glaubt, Ostjuden zu kennen. Es ist keine Verteidigungsschrift und will es nicht sein, aus der tiefen Erkenntnis heraus, daß es hier einer Verteidigung nicht bedarf. Diejenigen, die aus tausend Vorurteilen Ostjuden ablehnen, sind unbelehrbar; jene aber, die im wandernden Juden den leidenden Menschen sehen, werden in diesem Büchlein manches finden, das vielleicht früher ihrer Aufmerksamkeit entgangen ist. Die Schilderungen Roths sind, idi unterstreiche es noch einmal, mit soviel Liebe geschrieben, daß man ihm deshalb auch manche oberflächliche Entgleisung verzeiht. A. Harry Domela: Der falsche Prinz — Malik-Verlag, Berlin. Die Geschichte vom falschen Prinzen ist mehr als eine amüsante Sensation. Der erste Teil des Buches, der die Erlebnisse Domelas als Arbeitsloser, als staatenloser Ausländer enthält, ist ein Dokument zur Zeitgeschichte, das unsere größte Aufmerksamkeit verdient. Die Erlebnisse Domelas sind das Leben und die Not der Menschen, denen gerade wir in unserer täglichen Arbeit gegenüberstellen. Die Not des Ausländers, der in Deutschland arbeitslos ist, ist unendlich größer als die Not des deutschen Arbeitslosen. Die oft allzu große Aufmerksamkeit, die Polizei und Behörden diesen Menschen widmen, die für ihre trostlose Lage am allerwenigsten verantwortlich sind, tragen nicht selten dazu bei, sie auf die Bahn des Verbrechens zu drängen. Wehe ihnen, wenn sie vor Gericht stehen und abgeurteilt werden sollen. Dieses Kapitel deutscher Justiz ist leider zu wenig bekannt. Domelas Erfahrungen mit der Heilsarmee und der Wohlfahrtspflege mögen einseitig geschildert sein, sie enthalten aber manch bittere Wahrheit. Sie sind auch ein Beitrag zum Verständnis der „Objekte" der Wohlfahrtspflege, die für so manchen Wohlfahrtspfleger von Nutzen sein können. A. 124