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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-12-01 · 6 (Dezember 1927) · page 1

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
6 (Dezember 1927)
Date
1927-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE ARBEITS¬ UND WANDERFORSORGE 1. Jahrg. DEZEMBER 1927 Nr. 6 WOH LF AH RTS PFLEG E UND ARBEITSNACHWEIS VON DR. MAX KREUTZ BERG ER, BERLIN Die Entwicklung der Wohlfahrtspflege der letzten zehn Jahre ist gekennzeichnet durch eine Wandlung ihres Wesensbegriffes. Während früher der Begriff der Wohlfahrtspflege identisch war mit dem Begriff der Armenfürsorge, ist heute eine immer weitergehende Differenzierung dieses Begriffes zu beobachten: Aus der alten Armenfürsorge ist die moderne Arbeitsfürsorge geworden. Sie wird gekennzeichnet durch das Bestreben, vorbeugend arbeitsfähig zu erhalten und mit der Fürsorge notwendig verknüpfte Maßnahmen produktiv zu gestalten. Dieser Wandel hat vielfache Gründe. Die Fürsorgekosten sind insgesamt im letzten Jahrzehnt in nie vorhergesehenem Maße gewachsen. Der Befürsorgte ist heute nicht mehr der unwürdige Almosenempfänger, sondern ein berechtigt Fordernder. Dazu kommt, daß die Idee der Rationalisierung des Wirtschaftslebens auch die Wohlfahrtspflege erfaßt hat und im gewissen Sinne zu der Forderung geführt hat, auch die letzte Arbeitskraft produktiv auszunutzen. In allen Zweigen der Wohlfahrtspflege ist dieser Wandel zu beobachten. Alle Zweige ringen mit dem Problem der bestmöglichen Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft, die Erwerbslosenfürsorge ebenso wie die Krankenhausfürsorge, die Wanderfürsorge ebenso wie die Krüppelfürsorge (um nur einige Gebiete zu nennen). Der tiefste Grund dieser Entw icklung ist wohl darin zu sehen, daß in der Beurteilung des Notstandes das Moment des persönlichen Verschuldens zurückgetreten und das Moment der sozialen Gesamthaftung in den Vordergrund getreten ist. Dies muß zum guten Teil seine Ursache haben in dem überaus jähen Wechsel von Geber und Nehmer innerhalb der letzten Jahre. Wer gestern Geber war, ist heute Nehmer geworden. Weil also dieser Wandel nicht Einzelindividuen, sondern ganze Schichten erfaßt hat. ist die Erziehung zur Arbeit, die Nutzbarmachung menschlicher Arbeitskraft und damit die Entlastung der Wohlfahrtspflege zur entscheidenden Aufgabe geworden. Alle Formen produktiver Fürsorge können naturgemäß nur Ersatz- und Aushilfsmittel sein und im besten Falle zusätzliche Arbeitskraft erzeugen. Das Ideal aller produktiven Fürsorge und damit aller Arbeits- 109

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