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Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 180 (sequence 50)
Language
German
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Nachspiel durch Figuren in Alt und Baß, während die beides anderen Stimmen schon den Schluß- und Qrundton halten. Es wird sich manchem die zweifelnde Frage einstellen, oh denn die Künstler wirklich so viele Ueberlegungen angestellt hätten, als sie ihre Werke schufen. Der Fragende hält das nicht für glaublich und aus diesem Grunde erscheint ihm eine formale Kunstbetrachiung von der Art dieses Aufsatzes für unwesentlich. Zur Antwort zwei Andeutungen. Man soll sich hüten, den Künstler als ein völlig mystisches Wesen zu nehmen, der in pythischer Ekstase die Geheimnisse der Kunst empfängt und mitteilt. Bach und Beethoven haben in ihrer Jugend ganze Bända von Werken ihrer Vorgänger notenweise abgeschrieben, um die musikalische Technik zu erlernen. Die psychologische Erscheinung des schaff enden Künstlers ist viel komplizierter als die des Somnambulen oder andererseits die des bloßen Technikers. Im genialen Künstler ist eben Genie und Können vereinigt» Aber die Frage nach dieser psychologischen Beurteilung hat nichts mit der Güitigkeitsfrage eines Kunstwerks und einer Kunstanalyse zu tun. Wenn ich wissen will, welche Beziehungen zwischen den Elementen eines Kunstwerkes gelten, so muß ich das Kunstwerk untersuchen und nicht die Seele des Künstlers. Wenn in einem mehrstimmigen Satze zwei Stimmen sich in entgegengesetzter Richtung bewegen, so ist das, ob nun der Verfasser des Stücks den Begriif Gegenbewegung gekannt hat oder nicht, eben Gegenbewegung und wir müssen, wenn wir die Stelle in ihrer künstlerischen Notwendigkeit begreifen wollen, dia musikalische Gesetzmäßigkeit der Gagenbewegung studieren, nicht aber danach fragen, ob dem Künstler Weltschmerz oder Heiterkeit, Ruhe oder Erregung bei seinem Werke forgeschwebt habe. Denn Freude oder Leid oder irgend ein Gefühl können ein Kunstwerk wohl veranlaßt haben, aber sie sind nicht du Werk. Dieses trägt die Bedingungen seines Wesens nicht in der Stimmung des Schöpfers oder seines Betrachters, sondern in. sich selbst Stefan Cohn. Aus: W. voa Humboldt, Theorie der Bildung des Menschen. Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit steht der Mansdi. der ohne alle, auf irgend etwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die* KfIfta seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffe» will Da jedoch die bloße Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sick üben, und die bloße Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich. Daher entspringt sein Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und 180

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