Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 165 (sequence 35)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2708691-2708699-2708704--289-2709025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zeichnen. Jedermann besitzt die Fähigkeit zu zeichnen. Dennoch zeichnet man bti uns so gut wie garaieht. Die vorhandene Fähigkeit bleibt ungenutzt und geht, weil sie nicht wirksam und geübt wird, langsam zugrunde. Diese Uebung ist nichts anderes als der Schnittpunkt der Erziehung des Auges mit der Erziehung der Hand. Denn „darauf kommt alles an, das Eigenleben des Auges und der korrespondierenden Finger*, wie Goethe sich gelegentlich ausdrückt (Das Sehen in subjektiver Hinsicht, 1821), in ihr „za der entschiedensten verbündeten Wirklichkeit heranzusteigern*. Zeichnen ist eine Handfertigkeit und gründet sich auf Beobachtung. Der Gegenstand, ein Gebilde der Natur oder menschlicher Tätigkeit, eine ruhende Form oder eiae bewegte, muß erst im einzelnen gesehen und im ganzen erfaßt sein, ehe er zu zeichen ist. Andererseits führt gerade die Absicht des Zeichnens »j einer Höhe gegenständlicher Beobachtung und Durchdringung, die das übliche Hinblicken nicht erreicht. Die peinliche Sorgfalt, mit der man es sich zur laicht macht, Maß und Gestalt anzugeben, führt zum selbstverständlichen Gebot, keinen Strich zu bringen, der nicht genau gesehen worden ist und über äca man sich nicht vor sich selbst genau Rechenschalt geben kann. Die Dinge sollen „richtig" dargestellt werden; sie sollen nach dem gezeichnet werden, *£$ man an ihnen beobachtet hat, nicht nach dem, was man von ihnen weiß. Kinder zeichnen die Dinge nicht nach der einmaligen und besonderen Beobachtung, sondern nach einem typushaften und allgemeinen Wissen.. Sieberlich stützt sich auch dieses auf Beobachtung, aber ihre Ergebnisse sind la ihm eigenartig umgeformt. Die Fenster eines Hauses sind für sie immer rechteckig, haben immer das gleiche Fensterkreuz; der Schornsteinrauch, die Biumkrone und der Haarschopf bestehen immer aus*der gleichen Spirale. Die Darstellung der Dinge auf Kinderzeichnungen ist die Aeußerung einer bedeutsamen Phantasie, die nicht zerstört werden darf, indem man sie an der »Kalurwirküchkeit* orientiert. Das Zeichnen unserer Jungen aber liegt in einer loderen Ebene als das Zeichnen der Kinder. Dieses soll nur immer befördert werden, und in unseren Kinderzfigen soll man mit Mut und Takt den Versuch reichen, dem ursprünglichen Sinn, besonders dem farbigen, zur freien Entfaltaag zu verhelfen.*) Die Erfindungskraft unserer Menschen aber wird man so weniger lähmen, je mehr man Flüchtigkeit und falche .Genialität* des Strichs bekämpft und die ehrliche „Richtigkeit" der Zeichnung anstrebt. Ihre ♦Schönheit* kommt von selbst und kann durch keine Mittel — gemacht werden. D;e bei uns meistens ungeschickte Hand wird geschickter, indem sie sekhnet; es ist falsch zu verlangen, daß sie geschickt ist, bevor man zeichnet, ^berdies fehlen uns zu jener systematichen Vor- und Durchbildung der Hand, « Liberty Tadd in seinem Buch (Neue Wege zur künstlerichen Erziehung KrÄ , tTebßr die Erziehung <ler Kleinen (vor 9 Jahren) nachzudenken, ist für * Jd 's C*d ia<!hv'eil% für <*ie Mädchen unerlässlich. Die Montessori-Methode »^h ** flcherlich hilfreich erweisen. Sie unter diesem Gesichtspunkte zu unterste, wäre eine schöne Aufgabe, die in den Rahmen dieser Hefte gehören dürfte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.