Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 156 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Astronomie. 1. Unter allen Gegenständen und Erscheinungen der Natur finden hei unseren Jungen vielleicht die astronomischen am meisten Interesse, wie sie i& in jeder Zeit, bei Jungen und Allen, die Beobachtung, die Wißbegierde, den Forschungstrieb des Menschen am stärksten angeregt haben. »Die Uranologie, welche sich mit dem beschäftigt, was den fernen Weltraum erfüllt, bewahrt ihren alten Ruhm, den anregendsten Eindruck des Erhabenen auf die Einbildungskraft hervorzubringen, durch die Unfaßbarkeit der Raum- und Zahlen- Verhältnisse, die sie darbietet, durch die erkannte Ordnung und Gesetzmäßigkeit in der Bewegung der Weltkörper, durch die Bewunderung, welche den errungenen Resultaten der Beobachtung und einer geistigen Forschung gezollt wird44.*) Es ist einmal der metaphysische Reiz des nie nahe Gesehenen, Ungreifbaren, Rätselhaften, der den Blick auf die Sterne lenkt. Diesen Reiz verstärkt die dunkle, nur vom Hörensagen getragene Vorstellung von der unendlichen Ferne und Größe, von der Sonnenhaftigkeit jener Lichtpunkte. Er bewegt auch den ernsten Forscher, der staunend seiner Vorstellung immer wachsende Räume erschließt. Hier liegen auch die Wurzeln jener Bedeutung der Gestirne in den Religionen des alten Orients, jener Gemeinschaft zwischen Kultus und Himmelsbeobachtung, der wir die älteste astronomische Tradition Babyloniens verdanken. An dieser Stätte wird schon früh die Regelmäßigkeit und Ordnung der Himmelsvorgänge wahrgenommen, die die Grundlage des Kalenders wird und damit die Himmelskunde auch xu praktischer Bedeutung bringt. Den Griechen erschließt sich der Reiz dieser Ordnung in ganz anderer Weise. Wenn die Babylonier im wesentlichen in stetiger, fleißiger Einzelbeobachtung registrieren, fragen sie nach Zusammenhängen, Gründen. Ihnen wird die Regelmäßigkeit zum Ausdruck der Gesetzmäßigkeit, ihnen steht hinter jeder Naturerscheinung das Naturgesetz. Ihnen ist die Aufgabe gestellt, diese Gesetzlichkeit zu erkennen und damit eröffnet sich ihnen jener dritte „Eindruck des Erhabenen", „die Bewunderung, welche den Resultaten der Beobachtung uud einer geistigen Forschung gezollt wird*, der Ausblick auf die Erfassung der Welt als Ganzheit, als Kosmos. Grade an einen solchen Stoff, der in seinen Gegenständen durch ihre Dimension, in seinen Erscheinungen durch ihre Ordnung, in seiner Erkenntnis durch ihren Umfang dem Staunen und der Bewunderung vorbehalten scheint, soll mit der Forderung strengster Gegenständlichkeit herangegangen werden. Erleichtert wird diese Aufgabe eben durch den Umfang und die relative Geschlossenheit seiner wissenschaftlichen Bewältigung. Jener Eindruck des Erhabenen wird dadurch nie ausgeschaltet, sondern fruchtbar gemacht, in Arbeit umgesetzt* und so vertieft. 2. Die Beobachtungsgegenstände der Astronomie sind verhältnismäßig wenig differenziert in ihren Eigenschaften. Sie werden einmal nur mit den Augen wahrgenommen, könneu nicht getastet werden wie Pflanze und Tier, gerochen wie chemische Substanzen, gehört wie viele physikalische Vorgänge. *) Alex. v. Humboldt: Kosmos. 156