Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 5 (8.1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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die Arbeitsgemeinschaft denkt, dafür scheint mir der Ausspruch eines Breslauer Hilfsführers bezeichnend zu sein, der mir sagte, er lerne hebräisch nicht als Blau- Weißer, sondern als Zionist und würde aus dem Blau-Weiß austreten, wenn er wüßte, daß dieser eine Arbeitsgemeinschaft wäre. Der Blau-Weiß habe der jüdischen Jugend lediglich Richtung und Willen zu geben; alles andere falle ans dem Rahmen deS Blau-Weiß. Diese leider weit verbreitete Ansicht ist ein ungeheurer Schade für uns. Denn abgesehen davon, daß der Blau-Weiß, falls er nur Willensgemeinschaft wäre, unverantwortlich Händeln würde, die Jugend derart in Anspruch zu nehmen, wie er eS tut, ihr also kostbare Arbeitszeit einfach zu stehlen, wäre er tu diesem Falle ganz überflüssig oder höchstens als Propagandamittel wertvoll. Denn um einem jungen Menschen jüdischen Willen, zu geben, braucht man ihn nur einige Zeit persönlich zu beeinflussen, nicht aber eine „Bewegung", was der Blau-Weiß doch sein will, zu schaffen, um die Beeinflussung in großem Stile zu betreiben und damit zu verschlechtern, wie alle Fabrikarbeit schlechter ist als einzelne Handarbeit. Dabei erinnere ich noch garuicht an den Widersinn, der darin liegt, eine Bewegung nur Gesinnungs- und nicht Arbeitsgemeinschaft sein laffen zu wollen, während das Wesen und die Richtung der Bewegung naturgemäß nur daran, was sie hervoröringt, nicht daran, was sie will, zu erkennen ist. Doch vor allen Dingen muß immer wieder daran erinnert werden, daß von der Heranwachsenden jüdischen Generation ' Rechenschaft gefordert werden wird über ihre Arbeit an der jüdischen Erneuerung. -Wenn der Blau-Weiß nicht bewußt Arbeitsgemeinschaft wird, wird er vor dem Richter, nämlich der Geschichte, nicht bestehen können. Doch betrachten wir einmal unvoreingenommmen die Forderung Scholems. Er fordert nämlich nur Eines, das ist Ganzheit, Intensität. Er geht von dem Gedanken aus, daß man alles tun müsse, um nach Zion nicht nur lokal, sondern auch — und das ist das Wichtigere — geistig zu gelangen, mit anderen Worten, Palästina nicht so assimiliert anfzusuchen, wie wir es heute sind. Sonst wird ans Palästina ein neues Amerika werden, ungefähr, wie es in „Attneuland" geschildert wird. Dann ist aber unsere ganze Organisation wertlos. Denn wenn wir nicht aus einer Gemeinschaft von nominellen Juden eine jüdische Gemeinschaft werden, können wir als besonderes, jüdisches Volk der Menschheit nichts leisten, haben also keine Existenzberechtigung. Wir haben aber heute kein anderes Mittel, jüdischer zu werden, als die Lektüre der Erzeugnisse jüdischen Geistes, deren Wert für uns aber nur dann Bestand haben kann, wenn wir sie im Urtext lesen. Deshalb stellt Scholem hebräisch an den Anfang seiner Arbeit, während der Blau-Weiß es ans Ende stellt, ihm vor allen Dingen keine dominierende Stellung einräumt, sondern es betreibt, wie man irgend eine Fremdsprache betreibt. Wenn aber dieser Zustand anhält, dann, müssen sich die guten Blau-Weißen logischerweise aus dem Blau-Weiß heransentwickeln; denn wenn sie den jüdischen Willen haben, brauchen sie ja den Blau- Weiß, der ihnen in ihrer weiteren Arbeit nichts mehr bedeuten kann, da er ja keine Arbeitsgemeinschaft ist,, nicht mehr. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb Scholems Freunde grundsätzliche Gegner des Blau-Weiß sind, nicht weil sie die Gemeinschaft ablehnen. Denn ein vernünftiger Mensch kann nicht im Prinzip Gegner der Gemeinschaft sein. Wohl aber form er Zeiten haben, in denen er so viel mit sich selbst zu tun hat, daß er der Gemeinschaft nichts sein kann. Wenn er sich dann auf sich selbst znrü^ieht, 88