Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1918-03-01 · 4 (3.1918) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1917-1919)
Issue
4 (3.1918)
Date
1918-03-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2708691-2708692-2708696--073-2708803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

geschichtlicher Faktoren für pädagogische Bestrebungen sofort vor der Frage, nach dem Prinzip jener Bedingungen, wie viel komplizierter wird für uns das ganze Problem durch die Einbeziehung des Galuthphänomens. ' Die Geschichtsbetrachtung erhält ihre Wertbetontheit erst von uns aus und von unserm Persönlichkeitsideal. Die Fragestellung: Wie ist der jüdische Hetz? Auf, labt unS ihm nacheifern! ist also prinzipiell falsch. Der Held ist nichts tatsächlich Gegebenes, — um früher Gesagtes zu wiederholen — sondern eine Idealgestalt, die wir in dem GeschichtsverLauf abbitden. (Die Beziehungen zwischen Mythos und Wunschtraum hat Siegmuud Freud zuerst aufgedeckt ) Kann Mattathias unser Held sein, wenn er so ist, wie Ostertag ihn schildert? DaS ist die Frage. Die Rechtfertigung eines Mordes — das ist der Hauptpunkt der Ostertagschen Heldenethik. Wir werden ihm hierin nicht beistimmen können. Mord bleibt Mordi auch — oder bester grade, wenn er ohne Hemmung des Gewiffens — sprich kühles Abwägen und tiefgriindiges Grübeln, — und möglichst blind-fanatisch — sprich unbedingt — geschieht. Aber die Forderung der Idee? Nun, man kann sich stet wissen von allzu großer Besorgtheit um das liebe Ich und kein Ausweichen vor letzten Entscheidungen wollen, aber doch zwei Arten sehen wie die Menschen große Ideen zu verwirklichen gesucht haben. Sie töteten und ließen sich totem Der erste Weg ist immer beliebter gewesen — aus naheliegenden Gründen. Die tausend, die in der Wüste starben, scheinen uns sittlich höher zu stehen als der Fanatiker von Modem. Daß sie starben und besonders, wofür sie starben, das ist Galuthschicksal. Wir sollten es nicht bewundern, sondern ehren. Hier ist der Ort, um Wer die maßlose Verkennung der urchristlichen Bewegung einiges Zusagen. Möglich ist, daß zwischen der Geistesrichtung jener tausend und der des Urchristentums ein innerer Zusammenhang besteht. Aber nicht deshalb wurde das Urchristentum zu einer Gefahr fiir die Reinheit des jüdischen Volkstums. Außerdem kommt hierbei die ungeheure sittliche UeberlegenheiL der urchristlichen Ethik über die der tausend und gar die des Mattathias nicht zum Ausdruck. Man priife die Motive, die bei Mattathias und im Urchristentum zum Uebertreten des „göttlichen Gebotes" sichren und. vergleiche 1. Makkab. 2. 23—28 mit Ev. Matth. 12, 1—13. . Man beachte aber auch, wofür die tausende in der Wüste starben und wofür Jesus. Wir können nur bekennen, daß uns die Ethik der Bergpredigt ergreift und erschüttert, die des Mattathias abstößt. Wir wollen keine Mißverständnisse. Wie wir uns oben gleich gegen den Vorwurf der Zagheit gewehrt haben, so wollen wir nicht etwa Propaganda für das Christentum getrieben haben. Wir haben den ge-- samten Dogmenschatz des Christentums gar nicht erwähnt, wie Dreifaltigkeit, Abendmahl, Auferstehung, Himmelfahrt, Erbsünde usw., und es fällt uns gar nicht ein, hierin etwa Vorbildliches zu sehen. Wir wissen aber, daß gerade das spatere Christentum die ethischen Prinzipien des Urchristentums verlassen und oft gerade ms Gegenteil gewandelt hat. Wie wir oben sagten, mußte die urchristliche Bewegung aus andern Gründen — die wir kurz unter dem Namen Galuth zusammenfassen — aus der jüdischen. Entwicklung heraussühren. Ihre prinzipielle Bedeutung für die jüdische Entwicklung selbst, hat sie immer behalten und wird sie grade dort auswirken müssen, wo der Galuth überwunden wird, d. h. bei uns. Wir stehen heute innerhalb der Tradition genau so — hoch, wie vor 2000 Jahren. Müssen gerade Blau-Weiß-Führer es sein, die uns die Augen vor dem, was not tut, schließen wollen? 'Und was tut not? Es ist gar nichts weiter nötig, als eine gerechte, ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.