Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 2 (8.1917)
- Date
- 1917-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Keim zu solcher Entwicklung im Blau-Weiß, wie er vor dem Krieg war Darum durfte ich zu Beginn meiner Ausführungen unseren Bund mahnend „ein Werkzeugs eine Waffe zuw Kampf um unser ungeheures Ziel" nennen, darum durste ich mich dagegen wehren, daß der Blau-Weiß Selbstzweck sein sollte, ohne mich damit in Widerspruch zu den Tendenzen dieses zweiten Teiles zu setzen. Denn die Verschiedenheiten der Anschauung zwischen Schalem und mir bringt es mit sich, daß wir Luch dort Verschiedenes meinen, wo unsere Forderungen die gleichen zu sein scheinen. Auch wir hoffen unb vertrauen freilich, daß dem Tohuwabohu, der sich heute jüdische Jugendbewegung nennt, eine Welt der Ordnung, der Ganzheit entspringen wird und wir sehen die Morgenröte des neuen Tages schon darin, daß Sehnsucht, früher von einzelnen unklar gefühlt, heute gemeinschaftSbildend, rnenschenerzrehenb wird. Rur muß diese Sehnsucht lebendig bleiben, nur muß sie nicht unter der Schablone übernommenen Wandervogelphilistertums, unter der Selbstgenügsamkeit eines Dogma? ersticken. Sehnsucht allein baut freilich keine Hauser; aber sie ist imstande, in der „Paradoxie der Verwirrrmg" die Kräfte zu suchen und zu binden^ die stark genug sein können, ein reicheres Haus zu errichten, als es Schalem und feinen „Beschränkten" möglich wäre. Wie dieses Haus ausseheu wird, laßt sich heute noch nicht sagen; aber wir wissen, daß die hebräische Sprache und die Thora mit zu den Pfeilern gehören werden, auf die es sich sticht, ohne daß es deshalb aushören wird, das Gepräge unserer Eigenart zu tragen und erfüllt zu sein von dem Odem unseres Menschentums. Zum Schluß sei noch auf eines hingewiesen : Es ist das größte Verdienst des Blau-Weiß, daß er stets betonte, man müsse, bevor man die Ueberzeugung wandelt, die Gesinnung wandeln, daß er erkannte, es gäbe menschliche Vorbedingungen des Judeseins, die bei der Wertung des Einzelnen zunäch st zu berücksichtigen find. Das Moralische ist eben leider nicht selbstverständlich, und es ist die erste Aufgabe unseres Bundes, die Schäden zu beseitigen, die durch Sckuld der alteren Generation als eine Art Erb» sünde, unserer Jugend anhasten. Denn die Erkenntnis ist unbestreitbar, daß der Rückkehr iu8 Judenland mit der Rückkehr zum Judentum eine Umkehr im Menschlichen voraufgehen muß. Mir könnte jedenfalls kein Blick drrrch die .blau-weiße Brille" ein Zion erträglich machen, das hebräischsprechende Levantiner bewohnen^ oder indem fich ein „verjüdischteS" Berlin W.-Publikum breit macht. Bistern schwerer Vorwurf gegen die Führer im Blau-Weiß, die Scholcm'schen Ansichten huldigen, daß sie diesen Teil ihrer Pflichten nicht ernst genug nehmen. Sie sollten bedenken, daß man ausgezeichnet hebräisch sprechen und doch ein durch und durch wertloser Mensch sein kann Sie sollten einen Blick dafür haben, daß Blau-Weiße» die ihre Marmeladeustullen hungrigen Gefährten verkaufen, bei aller Gesinnungstüchtigkeit in der Wertung tief unter jeden harmlosen Assimilanten sinken müssen» und daß ein bei der Rückgabe des Geldes erpreßter Finderlohn von unverhältmsmäßiger Höhe nicht dadurch ehrliches Gut wird, daß. man ihn dem Hilfsfonds für Palästina überweist. Wer auf derartiges nicht achtet, oder gar eine Erziehung in dieser Hinsicht für unwichtig hält, gehört nicht in die Fiihrerschast. Aus der Führerschaft aber scheidet auch der Blau-Weiße aus — sein Gewissen Zwingt ihn dazu — der sich dem Wanderbnnd gedanklich nicht mehr verbunden fühlt. Es geht nicht an, daß innerhalb des Blau-Weiß an seiner Zersetzung gearbeitet wird. Solange das nicht der Fall ist, soll uns bei aller Gegensätzlichkeit der Anschauungen die Scholem'sche Richtung willkommen sein als ein Stachel, der unsvor dem Erschlaffen, vor dem Müde- und Sattwerden, zu bewahren vermag. Nur 88