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Blau-Weiss-Blätter · 1917-08-01 · 2 (8.1917) · p. [Seite]

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1917-1919)
Issue
2 (8.1917)
Date
1917-08-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Dem Führer der Spätwandervogelzeit ist sein Bund Selbstzweck, die Oase: in der Wüste des Lebens, der „Garten der Jugend," den es immer nur zu vergrößern, auszubauen, zu schmücken gilt. Uns war der Blau-Werst ein Werkzeugs eine Waffe, die wir härteten und schärften znm Kampfe, um unser ungeheures Ziel. Der Wandervogel trägt im innersten Kern die Auflehnung gegen den antiindividualistischen Zug der deutschen Gegenwart, er strebt nach Befreiung der deutsche« Persönlichkeit; der Blau-Weiß muß die gemernschastsfernen Individualitäten und; Jndividnalitatchen der jüdischen Jugend zu höherer Einheit zusammenfaffen. Des^ halb dürfen sich dort der Veranlagung des Einzelnen entsprechende Klicken bilden^ deshalb sind Spaltungen dort unschädlich, ja nötig, aber eben deshalb gründet sich der Blau-Weiß auf Einordnung und freiwillige Unterordnung. Und doch war so lange er als Mittel zum Zweck empfunden wurde — die Gefahr des Verfimpelns hier geringer als im Wandervogel. Denn die Selbstverleugnung, das sich Einfügen erhielt seine Rechtfertigung und Weihe durch das Ziel, das man sich wahrhaftig nicht leicht gesteckt hatte; der nationale Gedanke, dem man diente, war so fern aller Gemütlichkeit des Spießertums, stellte so unerhörte Anforderungen an einen jeden, öffnete so weite Horizonte, daß für alle Ewigkeit behagliches Srchgenngen aus ihm verbannt schien. Das war der Blau-Weiß des Friihjahrs 1914, der Blau-Weiß der Nnausgeglichenheit und des Vorwärtsstürmens, der Unüberlegtheiten und des unbekümmerten Zukunstsglaubens, der großen Möglichkeiten bei allen Harten, Fehlem, Reibungen, ja Geschmacklosigkeiten, die ihm anhafteten. Und heut'? Es ist äußerlich alles besser — nicht so gut, wie im Wandervogel— aber besser als damals geworden. Unsere Bünde gedeihen trotz Krieg und Rot; man ist wahrhaftig fast bereit mit gefalteten Händen festznstellen, wie herrlich weit wir es brachten. Ich höre die Jubelhymnen, die seit Lockwitz nicht verstummten, die Exklamationen des Selbstbewußtseius: wir, die jüdische Jugend, die Bewegung, die Verjüngung des Judentums! — Ich wandere mit einem „guten" Zug: wie wissen sie alle, was sich gehört, wie lieblich fingen sie, wie treffen sie stets die richtige Stimmung. Sie sind sogar Zionisten, und die Zedern des Libanon, treiben ihnen seltsame Ableger auf den Bergen der Havel. Sie lärmen nicht und verpönen Pfeifen und Gröhlen, sie betrachten die untergehende Sonne beim Gesang sentimentaler Lieder und finden, daß die blühenden Ruthewiesen schön sind. Sie sind einander eng befteundet, bilden eine Einheit, eine Besonderheit; ihr Zug oderihr Bund ist ihr Selbstzweck; sie sind hie Elite innerhalb . . . aber halt! ich wollte doch loben, und nun klingt, was ich schrieb, fast wie ein bitterer Tadel. Ist er unberechtigt? Man folge mir auf einen Heimabend. Ihr erstaunt^ seid empört über diese Orgien des Nachempfindens und billigen Mitgefiihls, des „Abreagierens privater Affekte, des Herzausschüttens"; es ärgert euch, daß tiefe, vom Geist geheiligte Bücher zur „Beftiedignngsliteratur" werden, gerade gut gemtg wahre und emgeredete Nöte zum harmonischen Abschwellen zu bringen! Es ist gekommen, wie es kommen mußte: die große stolze Idee war der Menge zu einfach^ in ihrer Einfachheit zu unbequem und ungewöhnlich. .Das Propagieren gangbarer Zeitideale ist dos beste Mittel, um die eigene BrüchigNtMZaschMen. Im Wandervogel fanden sie sich, wohlfeil und in beliebiger.Meuge? MHM'zu verwundern, daß. jene Wandervogelepigonen sie zu uns hinüberretteten? Genügtes? Aber ihr wollt Beweise! Ent; geht zu Kothes Liederabend: im Saale flimmern überall blau-weiße Nadeln, und mit einer Schar von Wander- 32

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