Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 1 (6.1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I»«i Wr , Jahrgang 1 t \ - -————-- '• 11 . . , .■ - ..... .. .. /- V. Drzrrhuugsprobleme des jüdischen Ingendmanderns. Skferat, gehalten auf dem Blau-Weiß-Tag in Lockwitz am 12,Juni^19l6 Äon MofeS Cal Vary. Die folgende Wiedergabe bericht auf meinen kurzen Notizen, meinen Erinnerungen und den auf Grnnd stenographischer Aufzeichnungen hergestellten Berichten von Hildo Preuß und Edith Wall. Die Erinnerung an das gesprochene Wort habe ich absichtlich nicht verwischen wollen, trotz einiger Wiederholungen, Breiten. Unklarheiten. Einen Teil deS'^ Referats habe ich spater, verändert und literarischer geformt, verwertet im Abschnitt 4 eines Aufsatzes "„Blau-Weiß, Anmerkungen zum jüdischen Jugendwandern." (Der Jude, Oktober 1916): In ganz Europa herrscht seit Jahrzehnten eine allgemeine Unsicherheit iit Erziehungsfragen. Neue Probleme tauchen auf, Lösungen werden bereitwillig von Berufenen und Unberufenen zur Debatte gestellt. Die Streitenden verstehen einander kaum. Begründet ist diese Unsicherheit in der Traditionslosigkeit unserer Zeit, vielfach ist sie geradezu mit einer Bekämpfung der Tradition verbunden. Zur Verdeutlichung möchte ich ein Beispiel anführen, das mir nahe liegt. Den Kampf um den erzieherischen Wert des Humanismus. Gerade in diesem Kampf stehen die Parteien ohne Verständnis einander gegenüber, selbst die gläubigsten Anhänger des Humanismus verraten, wenn sie sich über die Grundlagen ihrer Ueberzeugung wirklich klar werden wollen, die Unsicherheit ihrer Instinkte. Der Kampf könnte garnicht so erregt geführt werden, wenn es in Deutschland noch eine wirkliche humanistische Tradition gäbe, wenn unter Eltern und Erziehern die humanistische Tradition wie sie vor hundert Jahren den Gebildeten Deutschlands beherrschte, noch lebendig wäre. Ja, ein Mann wie Wynecken, einer der energischsten nnd Zielbestimmtesten Vorkämpfer-, einer neuen Erziehung, findet gerade in der Bekämpfung der Tradition eine der Hauptgrundlagen für seine Stellung. Dieses Nachlassen der Tradition und ihre Bekämpfung sind znm Teil sehr erfreulich, denn zunächst find die überlieferten Inhalte zum großen Teil nicht traditionswürdig: sie förderten vielfach die Gesinnung der sattesten Philisterhajtigkeit, und beruhen auf einer traurigen Schätzung des Geldverdienens als eüid* wesentlichen Lebenszweckes. Ferner aber bedeutet ger das Ueberwinden der Tradition, die Weite des Sinnes, die der Kampf c; Trs iiion in der jungen Generation jederzeit erzeugte, einen bcü' chtlichr'j * And dennoch: ohne Erziehung gibt es keine Tradition, Erziehung heißt Tradition Zch bin mir wohl bewußt: ich spreche hier zn jungen Menschen und könnte es auch nachsühlen, wenn Ihr Euch diese These nur ungern aneignet. Als ich 20 oder 25- Jahre alt war, hätte ich eine solche Lehre mit Entrüstung zurückgetvieserr. Dennoch spreche ich das hier vor Euch aus, in der Ueberzeugung, daß die Welt seitdern in diesen i5 oder 20 Jahrerl fortgeschritten ist. Ihr seid weiter gekommen, als ich damals stand. Mein Selbstandigkeitstrotz hat mir nicht erlaubt, mich in eine sw- 3-