Mannheim
Compact Memory

Judaica · 1937-02-01 · 21-22 (Februar 1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
4 (1937)
Issue
21-22 (Februar 1937)
Date
1937-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2708078-2708092-2708093--422-2708545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Pressburger jüdische Patriziersfrau um 1800 (Zum Titelbilde) Der Lichtstrahl der Forschung zerteilt allmählig den Nebel der Vergessenheit, der über die Vergangenheitsgeschichte der legendären Pressburger „Mutterstadt in Israel55 ausgebreitet war und es treten in immer deutlicheren Umrissen wundersame, ehrfurchtsgebietende Persönlichkeiten hervor. Endlich erscheint auch der Schatten eines Frauenbildes aus dem Hause des hocihgepriesenen Judenrichters, Jakob Mandl, genannt Koppel Theben. Wir sind so arm an überlieferten Geschehnissen, Dokumenten und gar Bildern, wie sie alle, alle anderen Völker sorgsamer als Geldschätze bewahren! Zu unserem unläugbar mangelnden Sinne für Geschichte und zu unserer sträflichen Fahrlässigkeit in der Behütung historischer Werke, addiert sich noch der bedauerliche Umstand, dass es in vielen jüdischen Familien als unerlaubt gegolten hat, „ein Bildnis von sich selbst55 zu schaffen. Zudem gesellt sich noch die Pietätslosigkeit, mit welcher oft die Jugend ererbte Familienbilder behandelt. Der Grossvater mit Bart und Schläfenlocken konnte doch nicht in der modernen Wohnung geduldet werden! Als die schöne, kluge Sarah Wannefried-Brill von ihren Töchtern gebeten worden ist, sich malen zu lassen, man würde dem Bilde den schönsten Platz im Salon anweisen, sagte sie: „Ihr werdet mich im Salon anbringen, Eure Kinder im Vorzimmer und Eure Enkel auf dem Boden.55 So darf es den Uneingeweihten nicht verwundern, wenn dem jüdischen Forscher die Entdeckung eines jüdischen Frauenbildnisses vom Ende des 18. Jahrhunderts als ein glücklicher Fund gilt. Bisher war es der eifrigsten Suche nicht gelungen, ein Frauenbildnis aus dem Hause Theben zu finden. Dieses eindrucksvolle Konterfei befindet sich im Hause der Frau Dr. Geleji, der würdigen Tochter des Kunstkritikers des „Pester Lloyds55, ödön Geros, selbst ein Spross des grossen Judenrichters, doch weiss man nicht mehr, ob es eine Gattin oder Tochter Koppel Thebens vorstellt. Vornehmheit, Lebensklugheit, aber auch gottergeben überstandene Prüfungen wiederspiegeln sich in diesem Frauenantlitze. Über das Gehege dieser geschlossenen Lippen trat wohl kein Wort, das der Verstand nicht passieren liess. Die grossen, klugen Augen unter stark geschwungenen Brauen sind gewohnt die Dinge von der höheren Warte des Judenrichters zu sehen. Die Frauen jener Zeit nahmen an dem Berufe und den Geschäften des Mannes lebhaften Anteil, man findet wenig weiche Odaliskengesichter in diesen Kreisen. Sie sind beileibe nicht die gern geschilderten, ängstlichen, demütigen Ghettobewohner. Sie ist stolze Fürstin des kleinen Judenstaates zu Füssen der Kaiserburg, die in ihren Tagen ihre Blütezeit erlebt hat. Aber auch liebende, sorgsame Schwester der Armen und Bedrückten ihres Stammes! 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.