Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 19-20 (November 1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE GEGENWART Die Wahrheit über Louis D. Brandeis Als Herold zu dem Feste des 80. Geburtstages des obersten Bundesrichters der Vereinigten Staaten Louis Dembitzer Brandeis, ist vor kurzem der stattliche Band seiner Biographie erschienen. Nun preist der mächtige Blätterwald der amerikanischen Presse von Küste zur Küste ihn als einen ihrer grössten Söhne. Bild- und Lebemsgang des Mannes, der in dem neuerbauten Prachtgebäude der obersten neun Richter Amerikas wirkt, sind zu wohlbekannt, um hier wiederholt werden zu müssen. Wir wollen uns darauf beschränken, von Brandeis Leben und Bedeutung für das Judentum, dasjenige festzuhalten, was in allen den zahllosen Feftartikeln über ihn in den jüdischen und zionistischen Blättern fehlt, umsomehr, als uns dünkt, dass man da gerade die wertvollsten Züge aus dem Leben des wahrhaft grossen Führers vergessen hat. Es ist nicht überflüssig zu erinnern, dass der amerikanische Zionismus sich recht kümmerlich fortgefrettet hat, bis er plötzlich auf die reiche Goldader Louis D. Brandeis stiess. Von da ab datiert die reiche Goldeinfuhr Palästinas aus Amerika. Brandeis wurde zum Präsidenten der zionistischen Organisation von Amerika erhoben. Das Auftauchen des Meteors Brandeis, des verehrten Freundes Wilsons, schien ein Werk der Vorsehung. Bald darauf brach der Krieg aus, Berlin konnte nicht die zionistische Weltzentrale bleiben. Es war daher eine glückliche Fügung, dass ein Staatsmann, wie Brandeis, an die Spitze der prov. zionistischen Weltzeotrale, die von den amerikanischen Zionisten gebildet wurde, trat. Wilson stieg zur ungeahnten Bedeutung des Schiedsrichters im Weltkriege empor, neben ihm stand Brandeis, dessen Wort ihm in allen jüdisehen Fragen massgeblich war. Im Dezember 1914 hat Louis D. Brandeis zuerst die Forderung gestellt, dass bei der kommenden Friedenskonferenz der Anspruch der Juden auf Palästina erhoben werde. Er hat damit den Mantel Herzls, der im Staube lag, um die Schultern genommen. In Kopenhagen hatte sich inzwischen — wir wissen nicht, unter welchen legalen Formen — eine andere prov. zionistische Weltzentrale gebildet. Die beiden Weltzentralen haben sich gegenseitig nicht anerkannt. In Amerika wusste man überhaupt nichts vom Kopenhagener Regime. Das amerikanische Judentum aber begriff seine Mission als Führer des Weltjudentums, es entstand die Bewegung zum allgemeinen Jüdischen Kongresse, der als Ausdruck des Gesamtwillens des jüdischen Volkes, seine Vertreter zum Friedenskongres senden sollte. Auch hier stand Brandeis, der inzwischen als Oberster Bundesrichter von Boston nach Washington berufen wurde, an der Spitze. Amerika trat in den Krieg. Wilson erklärte da, für das Recht der Juden auf Palästina einzutreten. Diese Erklärung war zumindest so wichtig, wie die Bah four-Deklaration, aber es fiel Niemanden ein, eine solche, auf Propaganda berechnete Kundgebung in der Weise aufzublasen, wie es später mit der sogenannten Balfour-Deklaration geschah. Die Sache des Judentums und Palästinas stand gut. Am 2. November 1917 richtete Balfour im Namen der englischen Regierung an Lord Rothschild die ^Sympathiekundgebung” für die zionistischen Bestrebungen. Niemand legte dieser Erklärung eine ernste Bedeutung bei. Erst zufolge unablässlicher jahrelanger Propaganda wurde den jüdischen Massen die Fiktion in den Kopf gehämmert, dass Weizmann ganz Palästina in der Tasche trage. Zu Brandeis zurückkehrend, sei bemerkt. dass die Balfour-Deklaration nicht ohne seine Zustimmung und angeblich auch Korrektur zu Stande gekommen ist. Als aber Brandeis 1920 zum ersten Male zur Sitzung des A. C. nach London kam, war er aufs Tiefste enttäuscht. Er, der geniale Kenner der Volks- und Finanzwirtschaft, wagte hier jene Kritik an der zionistischen Wirtschaft, die ihm auf das amerikanische Wirtschaftsleben angewendet, die grosse Popularität und Karriere errungen hatte. Hier aber walten andere Sitten. Auf 29