Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 19-20 (November 1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Cyrill Kutlik war vielleicht der erste Maler im 19. Jahrhundert, der sich von den jahrhundertealten und jahrhundertelang nachgemalten und nachgedruckten traditionellen Haggada-Illustrationen losgelöst hat, um aus eigener künstlerischer Kraft einen modernen Bilderzyklus zu schaffen. Heute fehlt kaum auf einem Sedertisch eine künstlerisch illustrierte Haggada. Je gelungener ihre Bildbeigaben sind, desto eindringlicher bringen sie die altüberlieferten Texte und Erzählungen, namentlich dem kindlichen Gemiite nahe. Vor fünfzig Jahren ist es anders gewesen. Die alten in den Familien fortgeerbten Haggadas mit wertvollem Schmuck von Künstlerhand waren rar geworden. Teils waren sie durch die Länge der Zeit „verbraucht”, teils zum Sammelobjekt für jüdische und nichtjüdische Museen, Bibliotheken und Privatbüchereien geworden. In diesem Lichte betrachtet, erscheint es als eine ebenso kühne wie bemerkenswerte Leistung, wenn am Ende der 80-er Jahre eine neue illustrierte Haggada geschaffen wurde, die dem künstlerischen Geschmack der Zeit entsprechend mit modernem Bildschmuck versehen war. Das Bemühen, jene interessante illustrierte Haggada-Ausgabe zu identifizieren, musste aber vergeblich bleiben. Denn ohne ersichtlichen Grund ist jede bibliographische Angabe, die eine solche Feststellung zu erleichtern geeignet wäre, in Tolnais Aufsatz unterlassen worden. So konnte es geschehen, dass selbst Jizchok Rivkind in seiner Bibliographie zur Literatur über die Pessach-Haggada (Kirjath Sepher XII, 1935/36, S. 365 f.) das Rätsel nicht zu lösen vermochte und sich mit der unklaren Angabe begnügen musste: . . die 12 Bildchen, mit welchen die vorliegende Haggada schel Pessach geschmückt ist.” Freilich, wer — wie der Schreiber dieser Zeilen — jene Bilder seit frühester Jugend an Seder-Abenden oft betrachtet hat, der weiss auf die offene Frage Bescheid zu geben. Es handelt sich um die von meinem seligen Vater, Professor Dr. Alexander Kisch S"ät 1885— 1917 Rabbiner an der Meisel-Synagoge in Prag, im Jahre 1889 veröffentlichte Pessach-Haggada. Sie ist nicht nur durch ihren Bildschmuck, sondern auch durch die Eigenart „der neuen deutschen Übersetzung des althergebrachten hebräischen Textes” beachtenswert. Ferner ist sie von erläuternden Anmerkungen begleitet, in welchen mein seliger Vater manche mündliche Erklärungen aus dem Munde seines Lehrer Zacharias Frankel S’ät in Breslau aufbewahrt hat. (Über Leben und Wirken meines Vaters vgl. Guido Kisch, Alexander Kisch 1848—1917, eine Skizze seines Lebens und Wirkens, zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Prag, Privatdruck im Selbstverlag des Verfassers 1934.) Mit dieser Feststellung wollten die vorstehenden Zeilen nur die Lösung des bibliographischen Rätsels geben. Vielleicht tragen sie aber auch dazu bei, der Prager Haggada-Illustration des slovakischen Malers zu dem Platz zu verhelfen, auf welchen jener frühe Versuch in der Geschichte des modernen Haggada-Bildschmucks Anspruch erheben darf. 9