Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 13-14 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Kalauer, so alt, dass wir wegen Verjährung eigentlich kein Urteil fällen dürften. Vir waren beim Vortrage eines deutschen Emigranten auf ganz andere Erschütterungen vorbereitet als auf die des Zwerchfelles. Dabei war Gronemann witziger als wahr. Er berichtet über die Anfänge des Zionismus in Deutschland. „Wie es hier bei Ihnen war, weiss ich nicht, sagte er mit Nachdruck. Er erinnert sich nicht, dass der Verein, in welchem er sprach, die ungarische Landeszentrale gewesen ist und den I. Weltkongress des Ivlisrachi organisiert hat, hingegen weiss er, dass hier die erste Aufführung von „Professor Bernhardt5 stattgefunden hat, „worauf Sie stolz sein können!55 (Da wir hier bessere Misrachisten als Komödianten sind, wollen wir stolzer auf den I. Misrachikongress, als auf das Theaterstück bleiben.) Zu diesem einzig stolzen Momente des Pressburger Judentums, die Schnitzler-Premiere, kam Gronemann auf allm Weve über ein anderes Theaterstück desselben Verfassers, wo ein Jude ein Kioskbesitzer ist, dessen Figur Gronemann als Allegorie des armen Juden betrachtet. Wozu diese larmoyante. unwirkliche Selbstverkleinerung! Wir sitzen durchaus nicht im Kiosk. Zwei Juden sind Staatsgouverneure, sie waren Oberbürgermeister von London, Rom und Budapest, Ministerpräsidenten von Italien usw. Wir hiessen nicht Kohn- Kassier, sondern Sonnenthal, Davison, Barnay, Tauber, Kurz, Reinhardt, Fox, Cohan, Belasco, Czukor, Rothstein, Bernstein, Molnar, Schnitzler, Meyerbeer, Halevy und gemessen in den meisten Ländern noch immer dankenswerte Würdigung. Im Vortrag lag mehr Cynismus ah Zionismus. Die Lust an Paradoxen wird uns als unsere unrühmliche Eigenart vorgeworfen. Geradezu blasphemisch wirkt seine Verhöhnung des Glaubens an die Gerechtigkeit der Geschichte. Kein Volk glaubt sosehr an den Gott der Geschichte, wie wir. Es ist ein Teil unseres Glaubens an Olam habaa, in einem gewissen Sinne, die Nachwelt, deren gerechtes, ewiges Urteil, den Gerechten für das Unrecht der Mitwelt entschädigt. Männer, wie Herzl, erleiden gerne jede Unbill seitens der Mitwelt in der Voraussicht des gerechten Urteils der Geschichte. Der Ben Olam hase, der Epikuräer glaubt nicht an den Gott der Geschichte. Te mehr ein Volk an die Geschichte glaubt, desto stärker ist seine nationale Kraft. Ernst wurde Gronemann erst, als er von Geld sprach. Jetzt sei „nur Geld” unsere höchste Aufgabe. Man möge sich weh tun für den Keren hajessod. Fr schliesst (ohne Spass!): „Der Jude tritt nun auf die Weltbühne. Im Parterre sitzt der Völkerbund (!) mit hocherhobenen Augenbrauen (und vernachlässigt darüber gänzlich \bessynien und den Weltfrieden). Der Vorhang geht auf! Die Scheinwerfer spielen auf die Bühne! Heraus aus den Koulissen! Hervor an die Rampe!55 (Tosender Applaus.) In der langen Megilla. die uns Gronemann vortrug, fehlte der Namen Gottes, die Bibel, die Religion gänzlich, aber auch das Wort Araber war nicht zu hören. In Palästina ringen Juden und Araber ebenso um den Besitz des Landes, wie Italiener und Abessynier um Abessynien, wenn auch mit unblutigen Waffen. Gronemann' z. B. kämpft mit Lozelech! Die Araber sollen jetzt einen grossen entscheidenden diplomatischen Sieg errungen haben. Es wird der gesetzgebende Rat mit grosser arabischer Majorität eingesetzt werden. Selbst wenn der gesetzgebende Rat verschoben wird, ist der Plan aufschlussgebend für die Überlegenheit der Araber in Palästina und es ist sicher, das der Araber in diesem Falle andere Sicherungen seines Rechtes auf Palästina erhält. Im kleinsten ruthenischen Bauerndorf herrscht mehr politische Reife, als im gegenwärtigen Zionismus. Versuche doch ein Staatsmann dahin zu kommen, eine Stunde lang Witze zu reissen und zum Schlüsse zu sagen: Jetzt sollt Ihr nichts als womöglich viel Steuer zahlen! Fr ist sehr begeistert von Meier Berlins Erklärung, dass sein Pfuj-Ruf eigentlich ein Kompliment gewesen sei. (Nun erklärt sich, warum Meier Berlin immer dort Hedad ruft, wo er als Ben Thora Pfuj rufen sollte und Pfuj ruft, wo er Hedad rufen sollte.) Ist das nicht entzückend paradox? Wir sind sicher, dass wir mit dieser Kritik die „Nur Geld55-Aktion Gronemanns nicht u ngünstig beeinflussen. Man wird reichlich geben, zumal der Völkerbund mit hocherhobenen Augenbrauen auf die Pressburger K-H- Sammlung hinsieht. Wir schliessen den Bericht über Gronemanns humoristischen Abend stylgerecht mit einem Lozele. Der Ahavat Zion-Verein war einst berühmt als eine der grössten Wurzeln des Zionismus, jetzt ist er bekannt als eine der grössten Wurzen des Zionismes! Herausgeber, Eigentümer und Redakteur : Samuel B e 11 e 1 h e i Druck von Carl Angermayer (Adolf Alkalay & Sohn Nachfolger) Bratislava, Spitälska 18.