Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 13-14 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2708078-2708082-2708087--271-2708392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
habe ich noch lange Jahre als Andenken auf bewahrt. Nach io Uhr sah man nichts als große Pack-Waren wegschleppen und in einer halben Stunde war der Platz geräumt. Es ist noch zu bemerken, daß das Eckgeschäft im Nesterhaus, welches zu jener Zeit der Witwe Mindel Schacherl gehörte, nicht berührt wurde, da sich einige ihrer Kunden es sich zur Aufgabe machten ies zu bewachen, was ihnen auch gelungen ist. Bei dem Sonnenhaus sind die Geschäfte, welche mittels Brecheisens erbrochen wurden bis zum Gitter erbrochen und ausgeräumt worden. Ich muß noch bemerken, daß sich von den Juden Niemand Wiaersetzte und auch keinen Anlaß zu Schlägerein gab, sonst fwäre es gewiß zu einem blutigen Kampfe gekommen. Am nächsten Tag, es war der letzte Tag Pessach hat man zumeist gesehen, wie die Juden aus der Stadt in die Judengasse zogen zum größten Teil ins Bernauerische Haus. In der Stadt haben nur die wohlhabendsten Juden gewohnt und diese mußten sich nun vorläufig auch mit einem Zimmer begnügen. Da die Juden alle aus der Stadt in die Judengasse gezogen sind, hat sich dort die Aufregung bald gelegt. Die intelligenten Leute der Stadt hatten sich an der Judenverfolgung nicht beteiligt. Die Wiener Blätter haben viel und grell über die Plünderung geschrieben, so daß sich die Bevölkerung schließlich geschämt hat, daß derartiges in unserer Stadt vorgekommen ist. Man wußte nicht, wie man sich aus der Affaire ziehen solle, man gebrauchte die Ausrede, daß man in der Stadt von nichts wußte und schob das Ganze, dem ungebildeten Pöbel in die Schuhe. Bald darauf wurden Plakate angeschlagen, womit die Einwohner aufgefordert wurden, sämtliche geraubte Waren retour zu geben und zu diesem. Zwecke wurde der Sitzungssaal im Landhaus bestimmt. Nach einigen Tagen war der ganze Saal voll mit zerrissenen Waren, man darf sagen mit Fetzen. Ganzes wurde jnicht zurückgebracht, diese Fetzen wollte aber Niemand zurücknehmen. Nach einigen Tagen ist ein Regierungskommissär hiehergesendet worden, ein gewisser Tornotzkv, der Bruder der alten Gräfin Batthyäny. Er sollte die Sache untersuchen, er hatte die Sache wohl eingeleitet und einzelne Schäden aufgenommen, man wußte jedoch nicht das Resultat und nach kurzer Zeit war der Kommissär verschwunden und man hörte nichts mehr von ihm. Spätem hat man die Sache bei der Regierung jin Anregung gebracht und da hat es geheißen« die Akten ^eien in Verlust geraten. Kurz nach diesen Vorfällen ließ jmich ein gewisser Neuther rufen, er war Maler und seine Frau hatte in der Stadt ein Modistengeschäft, ich war dadurch mit ihm bekannt geworden. Er ließ mich bitten, ich möge ihn besuchen, da er krank ist und seine Wohnung nicht verlassen könne. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn am Sterbebette. .Er fing gleich zu weinen an, als er mich sah. Er erzählte mir, daß er sich in der Nacht der Plünderung eine Erkältung 'zugezogen habe und die Auszehrung dadurch bekommen habe, daß er einsieht, daß er sterben müsse, aber nicht 17