Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2707513-2707530--473-2708046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Judenpolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen Von SELMA STERN. Die Judenpolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen zeigt keine einheitliche Linie wie die seiner beiden Vorgänger. Sie läßt sich weder aus der eigenwilligen, bizarren, von Stimmungen abhängigen, autokratischen Persönlichkeit des Soldatenkönigs, weder aus den Motiven der Staatsraison, aus den politischen, den wirtschaftlichen, den finanziellen Erfordernissen des absolutistischen und merkantilistischen Staates allein, noch aus den Ideen der Zeit und der Struktur der Gesellschaft vollständig deuten. Die Judenpolitik des Großen Kurfürsten war im Wesen des freihändlerischen, frühkapitalistischen, ständefeindlichen Militär- und Beamtenstaates begründet. Die Judenpolitik Friedrichs I. fand ihre Erklärung in den Geldbedürfnissen des verschuldeten Hofes und einer verschwenderischen Kamarilla und in der beginnenden Schutzzollpolitik der Regierung. Dagegen stößt man bei dem Versuch, die Stellung des brandenburgisch-preußischen Staates zum Judenproblem aus den Akten und Veröffentlichungen der Zeit Friedrich Wilhelms I. zu erfassen, auf zahllose Widersprüche. Wenn auch der Historiker gewohnt ist, die Geschichte nicht als mathematische Aufgabe zu betrachten, die restlos gelöst werden kann, wenn ihn das Schwankende, das Irrationale des Geschehens reizt und er im Spiel und Widerspiel der Kräfte Erscheinungsformen des bewegten und ewig wechselnden Lebens sieht, so muß er doch immer wieder danach streben, die Prinzipien zu erkennen, die sich in der Vielfältigkeit auswirken und ihm ermöglichen, die Mannigfaltigkeiten unter einheitlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Von außen gesehen zeigt die Politik des Soldatenkönigs ein doppeltes Gesicht. Sie unterbricht ganz offensichtlich und in schroffster Form die bisher verfolgte Tendenz der Toleranz. Sie versucht durch Ausweisbefehle, durch Beschränken der Zahl, durch Einschränken des Handels, durch strenges Beaufsichtigen, Reglementieren und Kontrollieren den Juden den Aufenthalt möglichst zu erschweren. Im Gegensatz dazu stehen die Beweise einer auffallenden Begünstigung; Fürsorge der Beamten für die jüdische Bevölkerung, ihre Ansiedlung in einzelnen Provinzen, ihre Zuziehung zu Fabrikgründungen und Lieferungen, Versuche zur Hebung ihrer Erziehung entsprechen eben so oft den judenfeindlichen Bestimmungen.