Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
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4 Nachruf auf Geb. Med.*Rat Prof. Dr. Huguft von Waffcrmann Und alle diefe fcbönen Eigenfcbaften waren eingehüllt in eine heitere, konziliante Form, die ein Spiegelbild war der Hilaritas animae, welche ihn befeelte und wohl ihren Urgrund in feinem großen Optimismus hatte. Gerade diefer Optimismus wurzelte bei ihm in phylogenetifchem Grunde. Wie fehr auch immer fein Denken auf das Allermodernfte in der Wiffenfchaft gerichtet war, wie ausgedehnt feine Beziehungen zum modernen Menfcben, wie fehr innig feine Gemeinfchaftsarbeit mit Menfcben heterogener Hbftammung, Lebens- und Gefellfchaftskreife war — er bildete feine Weltanfchauung und Lebensauffaffung am legten Ende nicht bloß auf Grund feiner naturwiffenfchaftlichen Erkenntniffe, die doch wahrlich nicht gering waren. Seele und Gefühl führten ihn zurück zur Wiege der heute noch herrfchenden Kultur, deren erfte Eindrücke ihm fein jüdifches Elternhaus in die kindliche Seele tief und unzerftörbar eingeprägt hatte. Und fie ftiegen empor bei geeigneter Zeit, wie am Vorabend des Verföhnungstages, wenn er fich mit feinen Glaubensbrüdern vereinigte im Bekenntnis zum Echad. Aber nicht nur an feierlicher Stätte trug er diefe Geünnung etwa wie ein Feiertagskleid zur Schau, fondern wo immer auch fich die alte Gegnerfchaft zeigte, bekannte er fich in der ihm eigenen energifchen Art zum Judentume. Rührend war die Schilderung, welche er von feiner Begegnung mit einem alten jüdifcben Markenhändler gab. Er war als Generalarzt der deutfchen Armee in Warfebau und trat, begleitet von feinem Adjutanten, in einen kleinen Briefmarkenladen, um durch einen Markenkauf einem feiner Lieben in der Heimat eine Freude zu erweifen. Der verfchüchterte jüdifche Händler zeigte eine ängftliche Zurückhaltung und wollte die feltene, gewünfebte Marke nicht beulen und nicht befchaffen können. Waffermann fühlte inftinktiv, welche Sorge den Mann beberrfebte, fchickte feinen Adjutanten fort und offenbarte fich dem Manne als Jude. Sofort war der Händler bereit den Huftrag zu übernehmen und führte ihn in Treue aus. Das Bindeglied war da tro§ der weiten Spanne, welche gefellfchaftliche Stellung, Weltgeltung, wiffenfebaftliche Bedeutung, Lebensauffaffung und was fonft gefchaffen hatten. Das jüdifche Urgut verließ den Fürften der Wiffenfchaft niemals, es trat in die Erfcheinung bei geringen und bei großen Hnläffen, ftets zur rechten Zeit. Es bat ihn auch veranlaßt, den Vorfitj in der Akademie für die Wiffenfchaft des Judentums zu übernehmen. Mit Meifterfchaft hat er feines Amtes gewaltet. Mit der ganzen Wärme feines feurigen Temperaments fuebte er in die Aufgaben der Akademie einzudringen, er kritiüerte und half aufbauen, gab Anregungen und Ratfchläge, zog Vergleiche, die er aus feinem Wirkungskreife am KaiferVWilbelm» Inftitut herbeiholte, in dem feine glänzende Organifationsgabe fo große Aufgaben gelöft hatte. Mit fachlichem Ernft ging er an jedes Problem heran, in kluger Weife das Thema probandum abgrenzend und die Diskuffion mit feftem Zügel leitend. Seine Protokolle waren ein Mufter von Klarheit und Kürze. Stets fand er einen Weg, nie verfagte er, und man ging klüger von ihm, als man zu ihm gekommen war - er konnte ftets etwas geben. Er fchafFte dem