Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4-5 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 47)
- Language
- German
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44 Jefmda Hallewi und Gazali follte, für das Heil der Allgemeinheit zu wirken, folange kein anderer in die Brefcbe tritt. Fiber das eigentliche religiöfe Leben des einzelnen ift von dem des Volkes unabhängig, er foll fich fo weit, wie es feine natürlichen Anlagen geftatten, über die Religiofität der Maffe erheben. Zwifchen der Frömmigkeit der wenigen Gottfucber und der Frömmigkeit der Maffe, die nur den Wort" laut des Glaubensbekenntniffes und das Äußerliche der Kultübungen kennt, beftebt für Gazali eine tiefe Kluft. Ganz anders Jefmda Hallewi. Schon in der Theorie von der religiöfen Anlage wird das ganze jüdifebe Volk wefent« lieb auf eine Stufe geftellt. Das religiöfe Handeln, auf dem hier der Nachdruck liegt, eint die Nation; die geiftigen Unterfcbiede bleiben ohne Bedeutung. In dem Idealbilde, das Jebuda Hallewi von dem religiöfen Leben zur Zeit des Tempels zeichnet, erfebeint der einzelne von der Frömmigkeit der Maffe ge« tragen, gleichfam unwiderfteblicb in den Strom lebendiger Religion hinein» gezogen. Hallewi hebt ftark hervor, daß das Gebet Gemeinfchaftsgebet fein und die ganze Gemeinfchaft mit einfcbließen muß. Die Gottesvorftellung felbft, die er vom philofopbifcben Gefkbtspunkt aus über alle faßbare Beftimmung hinaushebt, gewinnt bei ihm in dem „Gott Israels" perfönliche Züge. Hiermit hängt eng zufammen die Beziehung, die er zwifchen Gott als dem „Herrn des Landes" und dem Heiligen Lande fetjt. Wie ein erheblicher Teil des Kufari der Verherrlichung Paläftinas gewidmet ift, fo klingt das Buch in den Entfchluß des Rabbi-Jebuda Hallewi aus, allen Gefahren trottend das Heilige Land aufzufuefaen, wo allein ein gottgeweibtes Leben in Vollkommenheit ge« führt werden könne. Die Rolle, die Volk, Land und religiöfe Handlungen im Kufari fpielen, ift legten Endes nicht durch die logifeben Gedankengänge be» dingt, die hier wiedergegeben wurden, fondern durch gefühlsmäßige Zufammen« hänge in der Seele des Dichters, die beffer als in dem pbilofopbifcb*polemifcben Werke in feinen Liedern zum Ausdruck kommen. Sie beruht auf einem durch* aus volksmäßigen Empfinden, auf einem urtümlichen Verwacbfenfein mit allen wefenhaften Elementen des eignen Dafeins. So finden wir in Gazali und Jehuda Hallewi zwei im Innerften verfebie» dene religiöfe Perfönlicbkeiten. Des einen religiöfes Wollen ftrebt zu dem unendlich Erhabenen, unendlich Fernen, ganz Abftrakten, fucht fich felbft durch Abftreifung des Naturhaften ganz und gar zu vergeiftigen, zu objektivieren, um dem Urgrund und Inbegriff des Geiftigen, des wahren Seins, nahe zu fein. Der andere fucht, unficher taftend und fchwankend und ohne begriffliche Klarheit, das zutiefft Konkrete, das in der Gefcbicbte feines Volkes gewaltet, am herrlichften fich im Lande feiner Väter offenbart hat und deffen Abglanz noch in der Einfalt jüdifeber Volksfrömmigkeit fichtbar ift, fucht das rätfelvoll Ober« natürliche, deffen tieffte Geheimniffe gerade im geiftig nicht erfaßbaren Naturleben verborgen liegen, dem man nicht anders nahen kann als durch natur« haftes Eintreten in fein unergründliches Wirken. Wie Gazalis Lehre nicht fcblecbt« hin der Islam, fo ift auch Jebuda Hallewis Religiofität nicht fchlechthin die des Judentums. Wefentliche Elemente des Judentums find bei ihm nicht zur Gel«