Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 27 (24.8.1922)
- Date
- 1922-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 1 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis Erscheint vierzebntägig. Bezugspreis pro Vierteljahr: Be, der Post abonniert Mk. 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.flo. füt Ausland 10 franz, 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling. 2 Dollar lübrlich. im Voraus zahlbar. - Jnserttonspreis für diesiebengesoaltene Nonpareille-Zeile Mk 12— für die Reklamezerle Mk. 40.—. Platz» und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allenOAnnoncen-Bureans. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 20. Jahrgang. Donnerstag, den 30. Aw 5682 (24. August 1922) Rr. 27. Vrief aus Bayern * (Schlich.) •. Gewiß müssen liier nach luie vor'' materielle nnd (Standesiragen aller Art noch laug: einen breiten Raum (beanspruchen: aber man verabsäumt nicht, den Geist zu pflegen, wachsam zu sein, das; die Lebensfragen des Judentums nach iu,»eil und außen geschützt nnd gepflegt werden. Die Wachsamkeit ist in unserer Zeit doppelt von nöten; sie hat in der „Rabbiiierkonferciiz" einen tüchtigen Anwalt, der in der letzten Zeit mit ernsten Taten sich den Dank des In den tu ms verdient hat. — X- Die 4L Generalversa m m l n n g des j ü d. L e!;- r c r v e r e i n e s. i n Baue r n am 17. I ü l i in A ns b a ch zeigte wie immer »insterhaste Organisation einerseits und hohes Beranlwortlichkei'tsbewnßtscin für die Gcsamtinreressen der Iudenheii andererseits. Allein'die Tatsache, das; in der gegenwärtigen Zeit der Teuerung znm zweiten Male im Jahre 'u)22 eine Versammlung so zahlreich besucht war, legt beredtes Zeugnis ab von dem > hohen Idealismus der "Lehrerschaft, die dafür nicht immer die gebührende Würdigung findet. Wir übergehen die unvermeidliche», wenn auchnicht uninteressanten B e g r ü s; u n g s a n spräche n. Man sollte diese immer ans den Vorabend verlegen und dadurch diesen heben; vielleicht würde so auch manch überflüssiges Wort der Schärfe-vermieden in der klaren Erkenntnis, daß man in der Oeffcntlichkeit spricht und wirkt. Dag bei solchen Ansprachen die Phrase manche Orgiefeiert, — nur nebenbei. Es märe unseres Erachtens würdevoller, Selbstverständlichkeiten mit Stillschweigen zu übergehen nno mehr — Jude n st olz zu zeigen. Wir haben es nicht nötig, uns anznb iede r n n n d ii u s i m in er wieder b e st ä t i g e n zu lassen, d a s; wir etwa s s i n d. Seht u n s e r e Taten, schaut ans n n s e r c Arbeit, hört den Ernst und die sittliche Würde unserer Worte nnd u n s e r e s . Geistes. Und e in es v e r m i s; t e ii mir s ch in e r z l i ch: Hat die jüdische Lehrerschaft, speziell in Bauern, schon jemals es der Mühe wert gesunden,, sich dessen zu erinnern, daß da „d r a n st c n" — in Palästina Dinge Vorgehen, die eigentlich Führer der Iudenhcit auch interessieren dürsten? Geschieht das einmal in ihrem sonst ausgezeichnet redigierten. Organ, so erfolgt.es meistens in dem so widerwärtig . verständnislosen Ton der Ablehnung und Oberslächlichkeit, daß man nicht darauf erwidern kann. Wir hatten cs für aussichtslos, andauernd jüdische Fragen der Erziehung und deS Unterrichtes zu behandeln, ohne sich des „Erdtzeruchs" dieser Dinge, zu erinncrn: — überall spürt man das, in allen Organisationen. ist die Palästinasache zum Problem geworden, und die Lehrer wollten davor Halt machen? Wie lange noch? Toll es auch darin so weit komnicii, daß man es dem „Verband der jüdischen L e h r e r v e r e i n c in Deut s ch - land" - nachmacht, der diese Dinge auch nicht kennt, aber eine Resolution — gegen d i e jüdische Schule angenommen hat! Spotten ihrer selbst! Abgesehen von dem großen'politischen Schaden solcher „Uneniwegtheiten!" Run, in der Frage „der jüdischen Schule" hat der jü d i s ch e Lchrerverein in Bayern sich nämlich gegen Berlin gestellt nno sich energisch jür die jüdische Schule ausgesprochen. Weiß man denn dort immer noch nicht, das; ,ny zur die Gemeinschaftsschule h ö ch st e n s „ein paar Demokraten und Inden" einsetzen? (Bis weit in-die Kreise der Sozialdemokratie, hinein ist inan allgemein für die BekcnntniSschiile; ausgerechnet - der „j ii d i s che Verband" in B e r l i n schwärmt für die.Gemeinschastsschule, die vielleicht einmal einen — „Renommierjuden" anstellen wird. „Die j üd i s ch e Schule und P a l ä st i n a". „Inwiefern trägt eine genaue Kenntnis Palästinas-in Vergangenheit und Gegenwart,, in ethnographischer, physikalischer und politischer Hinsicht zu einem Verständnis des hebr. Schrifttums bei?" ,',Was kann der hebr. Unterricht in der jüd. 'schlich von dem 'Wiedererwachcn des Hebräischen in der Gegenwart lernen?" Könnte man solche Fragen auf einer jüdischen Lehrerversammlung auch eininal erörtern oder will man -warten, bis einmal von amtswegen diese Themata für die FortbildungskonserenzeN der Bezirksoberlehrer vorgeschrieben werden für die allgemeine Lehrerbildung? Die jüdischen Lehrer sollen rechtzeitig dafür sorgen, daß sie in diesen Fragen nicht Zurückbleiben) unbewußt Kreisen zu liebe oder deren noch nicht „seelisch überwundenen" Anschauungen zu liebe, die am wenigsten für sie übrig haben oder die selber längst die ehemals verpönten Palästinawege gehen.' Der Ja h.r e s b e richtdes 1. Bo r s.i tze n d e n, des > überaus'tä'tigen Lehrers Dingfelder) und der Gewerkschajtsberich t des 2. Vorsitzenden, des schneidigen -Nürnberger Lehrers Ehren re ich, gaben ein interessantes Bild der wackeren Arbeit dieser Organisation, die eine der treuesten .Stüpen des „Gemcinveverbandcs" bildet, wie ein Begrüßungsschreiben des Präsidenten Dr. R e u m e y e r und die wannen Worte des Vertreters des Verbandes, des Ratsmitgliedes Eduard Sonder, 2. Kultusoorstand in Kitzingen, aufs neue bestätigten. Objektiv und selbstlos erkennt der Lehrerverein an, daß man z. B. nicht Zeder Zwangsgemcinde, die längst keinen Lehrer mehr braucht nnd wollte, jetzt einen Lehrer zugestehen soll, weil man dir Hauptlasten einfach ans den Verband abwälzen will. Der K a s s.e n b e r i ch t des Würzburger Lehrers H c l lm a n n, des ruhig und sachlich nnd treu dienenden Kassiers, gab vor allem Kenntnis von einer amerikanischen Stiftung, die von dortigen Lehrcrsöhnen ans Bayern unter dem Namen M o s e s M ä r s ch ü tz - S t i f - t u n ii zum Andenken an ihren kürzlich in Fürth verstorbenen, ehemaligen Lehrer M a r s ch ü tz in Burghaßlach ins Leben gerufen worden ist, um aus deren Zinsen Lehrerwitwcn und -Waisen zu Helsen. (Um weitere amerikanische Adressen für solche Zwecke wird dringend gebeten.) Als. weiterer Punkt der Tagesordnung sei das Referat des Würzburger Schulleiters (der isr. Lehrerbildungsanstalt) I. S t o l l erwähnt über die „Frage der jüdischen Lehrerbildung", worin der Aufbau einer Religionslehrer-Akademie ans das Seminari verlangt wird. Auch der Korreferent, der Ichenhausener Lehrer Blum, ein besonders begabter und ernster Arbeiter der „Jungen", erfaßte das Thema mit ganzer Wärme und Tiefe. Im ganzen sind beide Referenten einig,' daß die jüdische Ausbildung des Rcligionslehrers unbedingt vertieft und verbreitert werden muß, damit der jüdische Lehrer ein wahrhafter Führer der Gemeinde und der Iugend sein kann im Sinne des alten M o r e k Z e d e k. Niemals haben die Lehrer selbstgefällig und zufrieden, aus das Maß ihrer Bildung gepocht, immer haben sie nach Mehr an Wissen und Können gerusen und sich ernst darum bemüht, aus eigener Initiative haben sie Fortbildungskurse, Bezirkskonferenzeu geschaffen für diese Zwecke. Sie waren in ihrer Gesamtheit stets Gegner des Amhaarcztums, das sich freilich nicht nur in ihren Kreisen zeigt. Ihr Gemeinden und Führer in Israel, sorgt für Brot eurer geistigen Männer, dann bekommt ,ihr den brauchbaren und notwendigen Nachwuchs! Die Generalversammlnilg setzte zur weiteren Beratung über die Frage der Lehrerbildung — nach einer lebhaften Diskussion — eine Kommission ein, die im Oktober der Plenarversaininlung des ' Gemeindeverbandes ejn Referat erstatten soll. Nichts Jüdisches kann und soll dem - Gemeindeverband fremd bleiben. Dieses Bestreben wirkt veredelnd auf die Gemeinden und die Einzelnen ein, eine Vertiefung des jüdischen Interesses, wachsende Liebe lind Treue für unsere heiligsten Güter entsteht, jede Zusammenfassung jüdischer Menschen zu jüdischen Zwecken bedeutet immer Vertiefung der Iüdischkeir. Das ist trotz aller Fehlgriffe da nnd dort und mancher schlimmer Erfahrung unser Glaube an die jüdischen Menschen, die der jüdischen Sache dienen wollen! Arbeiter .alle zusammen, bereichert euch gegenseitig mit neuem besten Wissen und Können, bringt euch Vertrauen und Zutrauen entgegen: — seid einig. Blickt hin auf das, was aus solcher Saat werden kann, in dem mutigen Buche von Max B r o d, Heidentums Christentum und Judentum. Auch solche Fragen wären einer Lehrer- ' Versammlung würdig nnd könnten uns den Weg zeigen, wie wir uns schon Entfremdete und Halbentfremdcte wieder gewinnen oder wie wir unsere Jugend vor Entfremdung bewahren können! Vielleicht wirkt der bayer. Lehrerverein auch innerhalb des jüdischen B e a m te n b n n des , dem er sich in Ansbach als. erste Korporation angeschlossen hat, in diesem Sinne, daß die Lehrerversammlungen jüdisches Interesse gewinnen, indem sie sich in den Mittelpunkt der jüdischen Gegenwartsprobleme stellen. Sie sind reis und stark genug, daß sich die Gegensätze hervorkehren dürfen, ohne daß man dadurch positive Festlegung und Kulturkampf zu fürchten braucht. Können die Lehrer und geistigen Führer im Leben nur im' Kreise Gleichgesinnter leben? In Bezirksvereinignngen können diese Dinge künftig vertieft werden, sind doch diese Bezirksvereinigungen jetzt in den neuen Statuten in Ansbach fest verankert. worden, sowie auch die Aufgaben der Gewerkschaft ein integrierender Bestandteil der revidierten; Satzungen bilden. Wir sehen mit froher Hoffnung einer Belebung der Jüdischkeit in Bayern entgegen, es rührt und regt sich in "allen Kreisen. Das ' ist nur dem - politischen Kamps um den .^Verband" zu danken. Wie falsch war es doch. diesen Kampf zu fürchten, er hat Klärung nnd neues Leben da anstommen lassen, wo er ausgenommen wurde. Sehet hin auf München nno Nürnberg. In der schon erwähnte» Nummer 7 der „Mitteilungen" des Verbandes sind sie Vereinbarnngen abgevruckt, die zwischen den Knltusgemeinden und ortliodorcn Gemeinden — das sind fix jetzt in aller Form — in beiden Städten iinler dem Einfluß und den Folgen dieses Kampfes zustande kamen. Sie bilden eine Ehrentafel für beide Teile. Wir sind überzeugt, das; jemehr die Orthodoxie innerhalb ihrer anderen Brüder erstarkt und arbeitet, um so mehr befruchtet sic die anderen, baut sie den Nihilismus ab, schasst auch dort jüdische Werte und wird erst recht selbst eine Lebensnotwendigkeit, geschweige denn, das; sie je überflüssig werden kann. Der Orthodoxie erwächst hieraus eine hohe Aufgabe, des Schweißes der Edelsten wert: es werden sich, im edlen geistigen Wettbewerb jüdische Werte entwickeln, die niemals im iiitercjselosen Nebeneinander erwachsen und dauernd bestehen können. Rur der Kampf im geistigen Wettbewerb isr auch der Vater der jüdischen Dinge. Diejenigen Kreise, die jenen Kamps des lieben Friedens willen — der Friedhofsruhe willen sagte man dem entgegen mit Recht — meiden wollten, kommen aus ihrer Lebensenge nicht heraus, auf beiden Seiten nicht, der Boden ist so unfruchtbar und uiigeackert, daß es nicht einmal (zu einer Verständigung zur Wahl der geistigen Führer kommen will, und es fehlt an Kraft, die Iugendbildner usw. zeitgemäß vor Sorgen zu bewahren; alte Institutionen sind bedroht und drohen unterzugehen! Vielleicht wird auch hier der „Verband" zunr Rettungsanker! i - Der Exodus aus Oberschlesieu. Seitdem Oberschlesien polnisch geworden ist, haben sich unter der Herrschaft Korfauty's Verhältnisse entwickelt, die die eingesessene jüdische Bevölkerung veranlassen, panikartig das polnische Gebiet zu verlassen. In R y b ni t sind bereits 75 jüdische Familien weggezogen» sodas; nur noch 22 dort wohnen. Pleß ist schon fast ohne Juden; ans Kattowitz, KönigShütte. Tarn o w i tz usw. wandern ständig jüdische Familien aus. Es wird nicht mehr' lange dauern, und das durch, den Machtsprnch der Entente polnisch gewordene Oberschlesien wird — wahrlich nicht zum Segen des Landes — seine gesamte deutsche indische Bevölkerung infolge der fortwährenden antisemitischen Exzesse iuti> der planmäßigen wirtschaftlichen Ausschaltung der Juden verloren haben. Jüdische Statistik. Davis T r i e t s ch schätzt die gegenwärtige Seelenz a h l de s j ü d i s ch e »-. V o l ke s aus 17 Millionen gegen 7 Millionen vor 30 Jahren und 3 Millionen: im Jahre 1V00. — Die gegenwärtige Bevölkernngszahl Palästinas schätzt Tricrsch aus rund 500 000, darunter rund 100 000 Juden, also 20<0>. In Jerusalem, in Tiberias und wahrscheinlich auch in Sased bilden die Juden die Mehrheit der Bevölkerung. Deutsches Reich. Jüdische Kinderhilfe. Die Sammlung „Jüdische Kinderhilse", der Zentralwohtfahrtsstelle der deutschen Juden hat ca. 3Y- Millionen Mark ergeben, ein Betrag, der sich ans ca. Mk. 5 Millionen dadurch erhöht, daß gleichzeitig noch besondere Sammlungen 'statlgefuiiden haben. Ca. 2 300 000 Mk. sind für örtliche bezw. provinzielle -Anstalten verteilt worden, 100000 Mk. wurden fiir Betriebsunkosten verbraucht, sodaß ca. 1100 000 Mk. zur Verteilung gelangten. Besonders bedacht wurden: Ren- Isenburg,' Heim des Jüd. Frauenbundes, mit 200 000 Mart, Köln, Israeli Kinderheim, 100000 Mk., Breslau, Kleinkinderheim 75 000 Mk., Ahlem bei Hannover, Isr. Erziehungsanstalt, 70 (JOO Mk., Berlin-Repzin, Isr. Fürsorgeerziehungsanstalt für schulentlassende Knaben 70000 Mk., Wyk auf Föhr, Kinderheilstätte, IW 000 Mk. Andere Anstalten erhielten 00 000, 30 000 und 25000 Mark. Für die Kindernot in Galizien ist -ein Betrag von mehr als WO 000 Mk. zur Verfügung gestellt worden. Frledrich-Lntsen-Hospiz. Türrhei». Das Friedrich-Lnisen-Hospiz feierte sein 10. jähriges Bestehen. Wie der Vorsitzende der Verwaltung, Geh. Oberregierungsrat Dr. May er--Karlsruhe, in seiner Ansprache betonte, sollte es kein Jubiläum sein.