Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 26 (3.8.1922)
- Date
- 1922-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint vierzehntägig. Bezugspreis proBtertellahr: Bet der Post abonniert Mk. 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.09, für Ausland 10 franz., 5 schweiz. Frcs., 3 holl. Fl., 8 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis InsertionSpreis für diestebengespaltene Nonpareille-Zeile Mk. 8.—, für iie Reklamezeile Mk. 25.—. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bet der Expedition und in alle» Annoncen-Bureaus. — Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Sv. Jahrgaug. Donnerstag, den 9. 5682 (3. August J.922) Nr. 26. Die Ratifizierung des Palästiua- Mandates. y Am 22. Juli hat der im St.. James-Palace in London tagende Völkerbundsrat in geheimer Sitzung das britische Mandat jür Palästina ratifiziert. Die öffentliche . Verkündigung fand auf einer feierlichen öffentlichen Schlußsitzung des Völkerbundsrates am 24. Juli statt.. Das über die Sitzung vom. 22. Juli ausgegebene offizielle Coimnuniquö lautet wörtlich: „Der Völkerbundsrat hat einstimmig beschlossen, daß das französische Mandat für Syrien und das britische Mandat für Palästina automatisch in Kraft treten, sobald .zwischen der französischen und italienischen Regierung über gewisse untergeordnete Punkte, die jetzt in Paris erörtert werden, ein Einverständnis erreicht wird." Die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben hatten, daß- Italien mit dem syrischen Mandat bezüglich gewissev untergeordneter Punkte nicht ganz einverstanden war — gegen das Palästina-Mandat hat Italien keine Einwendungen erhoben —, sind dadurch behoben, worben, daß die Mandatsfrage nunmehr dem Völkerbund entzogen ist. Die Verhandlungen zwischen den Regierungen werden, wie allgemein erwartet wird, wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen zu einem Abschluß führen. Damit schließt ein wichtiges Kapitel zionistischer Arbeit.. Herzls Traum der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der jüdischen Heimstätte in Palästina ist somit zur-Tatsache geworden. Die h i st o r i s ch e - V c r - f n ü p f theit der Iudcu mit P a l ä st i n a ist durch Billigung des britischen Mandatstextes d u r ch den V ölte r b n n d a n e r k a n n t. Die Rettung unserer Jugend. Eise Debatte in Ser Frankfurter Israelitische« vemeiuöevertretnug. - Die Frankfurter Jsr. Gemeindevertretung hatte eigens eine Sitzung für die Erörterung der Frage anberanmt, wie es zu erreichen sei, daß der Religionsunterricht weit inehr als bisher Menschen mit wachen, jüdischem Interesse erziehe. Die jüdischen Geineindestuben greifen selten über die Sorgen. um die Bilanzierung des Etats hinaus, und wenn es geschieht, dann mutet.es wie ein heran'- nahendes Gewitter an, das man iin Interesse des guten Einvernehmens ' der Parteien am besten schnell unterdrückt. Ernste jüdische Probleme sind in der jüdischen Gemeindestube nicht beliebt. Umso dankenswerter, daß die Frankfurter Jsr. Gemeinde wieder einmal nrit gutem Beispiele vorangeht unddurch ihr Beispiel den anderen Großgemeindev zürnst, daß die Behandlnng jüdischer Probleme ein Gebot der Stunde geworden ist, sollen nicht Verödung -und Verfall im jüdischen Lebenwcitergreifen. Jacob Wolfs, der die Sitzung veranlaßt hatte, erstattete das Referat. Er schilderte die innere Situation der deutschen Judenheit, streifte hierbei - die Schriften von Teilhaber und Klatzkin mit ihrem Menetekel, falls die deutsche Judenheit sich nicht auf sich selbst besinnt und besprach sodann den bisherigen Religionsunterricht, der einer durchgreifenden Reform seiner Methodik bedürfe. Die Vertrautheit mit der hebräischen Sprache sei das Mittel, durch das das Ziel des -Religionsililtestrichtes, die Vertiefung in das Judentum und die Begeisterung für seine Lehrenerreicht werde, denn nur durch die heoräische Sprache vermöge man den Geist des Judentums und desjüdischen Volkes in sich anfzuneh'incn. Bebersetzuugcu verwischen den göttlichen Charakter der Bibel. Unkenntnis der hebräischen Spräche verursache auch Mängel an Andacht in der Synagoge undvermindere dadurch die religiöse Wirkung des Gottesdienstes. Auch im jüdischen' Geschichtsunterricht sei das Hebräische bedeutsam, denn eS gebe dem. Lehrer die Möglichkeit, die Schüler in die Meisterwerke der Geistesgrößen des jüdischen Volkes einzuführen, was wohl wertvoller als die historische Chronologie sei. Dr. Rudolf Geiger stiminte der Bedeutung des Hebräischen» zu und verlas von seinem Großvater Rabbiner Dr. Abraham Geiger verfaßte Leitsätze für den Religionsunterricht, die sich .in gleichein Sinne aussprechen, Wolffs Allheilmittel des Hebräischen und seine Verwerfung der Uebersctznngen gingen jedoch zu weit. Notwendig für den Religionsunterricht sei die Aufstelluirg eines systematlschen Lehrprogramms und entscheidend für seinen Erfolg die Lehrkraft, die ihn erteilt. Dr. H u g o E in m e r i ch unterstrich in seinen Ausführungen die erzieherische Wirkung der hebräischen Sprackie. Justizrat Dr. Ernst Auerbach widersprach der Behauptung von einem geistigen Verfall des Judentums. Die liberale Judenheit, zu der er sich zählt, befinde sich in einer gesunden, lebenskräftigen Entwicklung:*) sie habe gerade durch ihre Verdeutschung im Gottesdienst Zehntausende dem Judentunl erhalten. Die Frage des Hebräischen sei eine Frage der Pädagogik. Schüler ohne Sprachentalent köniie nran mit der Erlernung des Hebräischen auch der Arifgabe entfremden, der der Religionsimtepricht als seinem Ziele dienen soll, lleberhaupt dürsa man Die Wirknugsmöglichkeit des Unterrichts nicht zu hoch cinschätzen; ausschlaggebend sei-das Beispiel in der Familie. Raftali Fromm trat warm für Wolffs > Ausführungen ein. Jüdisches Empfinden entströmte nur dem Hebräischen und nicht dem übersetzten Gebete. Die jüdische Bildung verlange die Pflege, der hebräischen Sprache. Das Hebräische verbinde überdies mit der Gesamtjudenheit. I. L. G o i t e i n hob als die Schwierigkeit, die es zu lösen gelte, die beschränkte Zahl der Unterrichtsstunden hervor. Es sei nnbedingt notwendig, daß,mehrhebräisch gelernt werde. Jacob Wolfs sagte in seinem Schlußworte, er habe deshalb seine Vorschläge gemacht, weil etwas geschehen müsse, solle nicht die jüdische Jugend Deutschlands einer bedrohlichen Zukunft entgegeiigehen, solle sich nicht mich in der Judenheit Deutschlands eine Entwicklung vollziehen, die.bei den Judenheiten Italiens, Frankreichs, Englands, Dänemarks bereits traurige Tatsache ist. Vor allen Dingen ist sich mit Dr. Auerbach, einem Führer der Liberalen, auscinanderznsetzen. Für die des Hebräischen Unkundigen bedeutet ein deutscher Gottesdienst in der Synagoge auch noch ein Fernient, und insofern haben diese Gottesdienste noch Zehntausende dem Judentume erhalten. Darin hat Dr. Auerbach recht. Die Frage ist jedoch die, ob. dieser Zustand eines Notbehelfes sakrijiziert werden soll, oder ob man sich init aller Energie bemühen soll, ihn zu überwinden. Den liberalen Führern kann der Vorwurf nichterspart werden, daß ihre Einflußnahme rin positiven jüdischen Sinne bisher doch recht schwächlich war: man hat eigentlich überhaupt nicht geführt, denn man kam -den bestehenden Zuständen stets zu sehr entgegen. Wir glauben, daß selbst die meisten Führer der Liberalen in ihrer jüdischen Selbsterziehung fehlen ließen. Warum hat ein. Mann von der Begabung eines -Dr. Auerbach es bis heute nicht für nötig erachtet, hebräisch zu lernen? Da kann man natürlich nicht für das Hebräische eintrete»! Wie viele liberale Führer mag es geben > — von dem Publikum der Liberalen garnicht zu ndcn! —, in deren Bücherregalen alle bedeutsamen Neuerscheinnngen der Literatur zu finden sind, — nur nicht die der jüdischen. Wer von diesen Herren denkt, ivenn er ein Geschenk zu machen hat, darach zu einer jüdischen Buchhandlung zu gehen? Das muß anders werden, — oder große Teile unserer Jugend gehen verloren! Mehr Zeit und ein systematischerans dein Hebräischen basierender Aufbau für den Religionsunterricht und in Verbindung mit dem Religionsunterricht eine- Schulbibliothek mit populärer jüdischer Literatur: — das sind, verbunden miteiner Anlehnung an das positive Judentum, Forderungen, von deren ehrlichen und energischen Durchführung viel für das "zukünftige' jüdische Leben innerhalb der liberalen Jndenhejt abhängt. Doch auch innerhalb der traditionstrenen Judenheit ist, eine durchgreifende Umänderung in der bisherigen Methodik. des Religionsunterrichtes' ein dringendes Muß. Diese Aufgabe ist nur in engster Fühlungnahme zwischen den Leitern der Gemeinden und den Lehrern zu lösen. Ein Allheilmittel ist das Hebräische nicht, als solches' /wollte es auch Jacob Wolfs nicht verstanden wissen. *) Diese Aeußerung widerspricht der eines andereii Mitgliedes der liberalen Fraktion, das in einer der letzten Sitzungen .meinte, man dürfe in der Synagoge Königsteinerstratze die Preise für die Plätze nicht zu sehr, exhöhen, denn es sei dort auch mit einem Publikum zu rechnen,. das lieber zehn Theaterplätze als ein ^ynagogenplatz nimmt. Abgesehen von dieser Aeußerung, ist es jedem Kenner der Verhältnissebekannt, daß die liberale Judeilheit neben 'einem {feinen Kreise bewußter Inden die große Schar der Indifferenten umfaßt. aber es führt einen Weg, der eine jüdischideelte Stärkung Der deutschen Judenheit bedeutet, indem durch ihn der Jugend weit mehr jüdische Werte als bisher gegeben werden. Brief aus Bayer« Es sind nun bald zwei Jahre, seitdem in Bayern! der I ü d i s ch e Gemeinde verband besteht, und man muß ehrlich gestehen, daß eine ganz ansehnliche Arbeit , geleistet worden ist, die vorbildlich für die übrige Judenheit Deutschlands dasteht und jeder Organisation im ganzen Deutschland zum Vorbild dienen darf. Hier kann man mit Recht von der „Ordnungszelle Bayern" sprechen. Freilich ist es nicht ohne schwere innere Kämpfe soweit gekommen: aber man darf ohne Uebertreibung sagen, das; dank der überaus verständnisvollen und versöhnlichen Haltung des Präsidenten, des allseits hochverehrten Oberländesgerichts-Rates Dr. N e u m e y e r und seiner nächsten ^Mitarbeiter. von denen besonders Rechtsamvalt Dr. E. -L t r a u ß, der ein überaus hohes Maß des Verdienstes um die Sache für sich in Anspruchnehmen darf, und Lehrer D i n g f e l d e r, der unermüdliche Führer der jüdischen Lehrerschaft in Bayern, zu nennen sind, der Verband arbeits- und lebensfähig geworden, ist, wenn auch noch viele Schwierigkeiten zu überwinden sind. Wir J»tzden müssen uns daran gewöhnen, div Dinge in zäher Arbeit und in Geduld sich entwickeln zu lassen. Es ist unmöglich, ■ von Anfang an die Dinge tu restloser Vollendung hin-, zustellen: von einem zweijährigen Geschöpfe kann mau nicht die Reife und Vollendung der Leistung eines aus-, gereiften verlangen. Rur von der Weltschöpfung sagt der Talmud so tiessinnig, daß alle Geschöpfe „Bezibjannom nibrvu", in ihrer körperlichen und geistigen Reife dahingestellt wurden. Dem objektiven Beobachter zeigt sich' wie so oft in 'der Geschichte das merkwürdige Schauspiel, daß gerade die Kreise, die den Verband im Entstehen am meiste»!, bekämpft haben, jetzt ihn nicht genug fruttifizieren können. Alis diesen Kreisen stammt die schärfste Kritik am Verbände und seinen Leistungen, sie können nicht genug von ihm fordern, — ähnlich wie es der zion. Organisqtion ergeht. Gerade 'diejenigen, die einst die Balfour- Dcklaration am meisten betämpftcn, schreien jetzt am lautesten, um sich ihrer zu bedienen oder sie zu vernichtens nach dem Rezepte: Und bist du nicht willig — ... die gleiche Katastrophenpolitik im kleinen wie im großen. Man sieht nicht ein, daß man unter den Trümmern, die man mit seiner Opposition schaffen wird, sich selbst begräbt. Wer den bayerischen Gemeindeverband von innen heraus zerstört, der wird unverantwortlichen Schaden für das Judentum Bayerns heraufbeschwören. Zu den Organen des Verbandes, die zum Teil das heraufzusühren befürchten lassen, gehören manche ländliche Distriktsausschüsse. Diese sind auf Anregung von Schul-, leiter L>toll in Würzburg seiner Zeit ins Leben gerufen worden, um für den Verband die Bedürfnisse der notleidenden Gemeinden ihres Distriktes gewissenhaft und zuverlässig zu prüfen, um am richtigen Orte zu geben oder zu sparen. Was soll man aber dazu sagen, wenn es Ausschüsse gibt, die einfach die Geschäfte leistungsunwilliger Gemeinden auf Kosten des Verbandes besorgen? In diesen Ausschüssen sitzen l Rabbiner, 1 Lehrer und 2—3 Gemeindevertreter und es ist für die Beamten oft sehr schwer durchzudringen, daß verlangt wird:. Jede Gemeinde hat zunächst bis zu 10«« Kultussteuern als Zuschlags für Ätaatssteuern vom Finanzamt zu fordern, und dann erst kann sic an den Verband herantretcn, und fordern, was noch nötig ist für ihren Sach- (Schechitah, Mikwah, Schule, Synagoge) und Personalbedarf. Die Distriktsausschüsse: haben die Pflicht, danach zu forschen, ob die Gemeinde nicht noch aus anderem Wege von ihren Mitgliedern Aiirtel erlangen kann, wenn z. B. die lOtzo Steuern zu wenig ergeben, denir diese müssen nicht restlos den Aus- _ druck der Leistungsfähigkeit darstelleu. . In den letzten ' „Mitteilungen" des Perbandes sind diese Fragen besprochen, und wir unterstreichen ihre Bedeutung für die Zukunft des Verbandes mit größte m R a ch d r n ck. Der Verband hat in der kurzen Zeit seines Bestehens — trotz der größten Schwierigkeiten' lind Kämpfe über vermeintliche Kompetenzkonslikte gegenüber Berussverbächden und Gemeinden — nach außen und innen segensreich gewirkt. Nach innen durch Gewährung großer' Mittel für den Sachbedarf leistungsschwacher Gemeinden. Es ist - niemals auch -nurder leiseste - Versuch gemacht worden«' irgendwie die Notwendigkeit einer religiösen Einrichtung zu bestreiten oder gar die Gewährung von Mitteln voft