Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 25 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterLsmelitifches Familienblatt Erscheint vierzehntägig. Bezugspreis proVierteljahr: Bei der Post abonniert Mk. 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland Mt. 60.00. für Ausland 10 franz., .5 fchweiz Frcs., 3 holl. Fl.. 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 . Herausgeber: Galy Geis Jnsertionsp r e is für die siebengesvaltene Nonpareille-Zeile Mk. 8.—, sümdie Reklamez'eile Mt. 25.—. Platz« und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Atmahme bet der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto Lei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 20. Jahrgang. Donnerstag, Leu 24. Tamus 5682 (20. Juli 1922) Nr. 25. Herzl und der Kongreß. ' - -. Von Adolf Pollak. . ' Anläßlich deS bevorstehenden 25 jährigen ' Gedenktages des ersten Zionistenkongresses in Basel dürfte der beifolgende Artikel aus der Feder einer der ältesten zionistischen Beamten, der unter Herzl an den Kongretzarbeiten mitwirkte,' besonderes Fnicr- esse beanspruchen. In tbenigen Wochen werden wir den fünfundzwaiizigsten Jahrestag des ersten Zionistenkongresscs feiern. Die welthistorische Bedeutung' dieses Ereignisses, das aus die Geschicke des jüdischen Volkes von größtem Einfluß war, wird heute wohl von niemandem mehr bestritten. Was ist naheliegender, als zu in 20. Tamus, dem Todestag Theodor Hcrzls, von seiner unvergänglichsten Schöpfung zu sprechen! Was ' Herzl für ,den Kongreß und was der Kongreß, für Herzl war, geht am klarsten aus seine» eigenen Worten hervor, dort wo er - über die Bedeutung des Kongresses spricht. Von der Größe seiner Mission durchdrungen, hatte Herzl stets das bestimmte Bewusstsein, daß die Organe, die sein Schöpfergeist ersonnen hatte. Lebe» und Zukunst des jüdischen Volkes auf das stärkste beeinslussen würden. Bei keinem feiner Werke hat sich dies in so hohenk Matze erfüllt, wie beim Kongreß. Schon in seinem Artikel in der ersten Nluniner der „Welt" konnte er mit stolzer Genugtuung darauf Hinweisen, daß ans die Einladung zum Kongreß Delegierte aus allen Ländern sich angemeldet hatten und „seitdem die Einberufung vcrlantbart .wurde, die Klagen und Wünsche unserer gedrückten Bruder aus aller Welt dem Kongreß znströmen." „Noch wissen wir nicht, wann uird auf welchen Wegen wir 'zum Ziel kominen werden. Aber dieses freudige iBewutztsein besitzen wir alle, die am Werke Mitarbeiten: iDah wir vielen das Geschenk der Hossnung gegeben und »den Aermsten das Glück der weiten Horizonte eröffnet Ihäben." 'V I Welchen Glanz die Persönlichkeit HerzlS dem ersten lund allen folgenden Kongressen, die er leitete, verlieh, »ist ' in unzähligen Aufsätzen von berufenen Federn gelschildert worden. Et war — wie Max Nord au in seiner »ergreifenden Trauerrede auf dem siebenten Kongreß sagte — tbic strahlende Mittelpunktgestalt, die alle Blicke, auf sich fcjg." Immer war er sich bewußt, daß er von jener hohen »Tribüne die Ehre und Würde des jüdischen Volkes zu ver- «reteu habe. Seme Eröffnungsreden legen deutlich Zeugnis Ivon dieser hohen Auffassung ab. So sagt er in der Er- »öfsnungsrede des ersten Kongresses: I „In diesem Kongreß schaffen wir dem jüdischen Volk lein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend »zum Leben braucht. Unsere Sache ist' zu groß für den »Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins »Unpersönliche hinaufgeschoben werden, wenn sie gelingen »soll. Und unser Kongreß soll ewig leben. Nicht nur »bis zur Erlösung aus der alten Not, sondern nachher «rst recht." » Der Verlauf des Kongresses hat Herlzs Erwartungen Mbertroffen, rmd aus seinem in der „Welt" erschienenen »Aussatz über „Die Ergebnisse des Kongresses" spricht eine »hohe und stolze' Befriedigung. Sehr ausführlich über den »Kongreß' und das'durch ihn geschaffene Prograinm sowie Idle Organisation äußert sich Herzl in einem großen Auf- Isatz, der zuerst, |nit Oktoberheft der bekannten englischen Weitschrift ,>Contemporary Review" und später als Bro- Wchiire unter dem Titel „Der Baseler Kongreß" erschie- Bnen ist. Die herrlichste Aenßerung Herzls über den ersten »Kongreß äst aber, hin seinem Aufsatz „Zionismus" -im '»»North American Review" 1.899 enthalten. Er sagt dort: I;,Jch weiß nicht, wieviel mir das Schicksal von der »Verwirklichung unserer' Idee zu sehen noch gestatten lvird, Ivb ich, dabei sein werde, wenn'das jüdisch Volk ün- »angen wird, das Land unserer Väter urbar und gesund Wu machen, Strassen, Häfen/ Bühnen, Kanäle, Wasjer- Meissmgen, Häisser, schöne Städte und den Tempel zu Mauen. Aber das weiß ich, daß ich an jenem August- Isonntag 1897 -in Basel etwas sehr Großes, erlebt habe, »vielleicht das Grösste, was es in. der ganzen Bewegung »geben kann. Das jüdische Volk fand sich an dem Tag Miedet. Zweihundert Vertreter von Vereinen ans üer Manzen Welt versamvielten sichin Basel, und sie' er- Märten schluchzend und jauchzend, daß es noch immer ein »jüdisches Volk gebe, datz dieses Volk nicht untergegangen ist Mud nicht untergehen will." » Und än einer Rede, die er im gleichen Jahre inj »London hielt, kommt er auch wiederum auf die Be- Meutung des ersten Kongresses zunick: „Ich weiß nicht, ob ich es selbst erleben werde, aber ich bin fest überzeugt, datz Leute meines Alters die Verwirklichung unseres Wunsches . sehen werden. . . Aber wenn ich dabei sein' werde, so werde ich mich über nichts mehr freuen, von 'nichts mehr hingerissen sein, als vom ersten Baseler Kongreß." Auch bei den folgenden Kongressen hat Herzl in den Eröjfnungs- und Schlußreden inmier wieder die Größe und Bedeutung des Kongresses hervorgehoben. Seine Wirkung nach außen setzte er für die Förderung der politischen Ziele immer wieder ins Kalkül, und das veranlaßte ihnn. za., den vierten Zionist,enkongreß nach London „einznberufen. In einein Artikel in der /Welt" im Mai 1900 weist er darauf hin, > daß sich der Kongreß als die stärkste werbende Kraft in der Bewegung erwiesen hat itnd mau diese Wirkung in der Weltstadt ausinitzen wolle. „Der politische Zionisinus geht nach London, um sich gleichsam offiziell der englischen Welt vorzustellen und ihre Unterstützung zu erbitten." In dieser Beziehung hat sich Herzl nicht getäuscht. Die öffentliche Meinung Englands 'hatte den Kongreß mit Interesse und Wohlwollen ausgenommen, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man den vierten Kongreß als den Beginn der politischen Unterstützung unserer Bestrebungen durch England betrachtet. Die Beziehungen, die Herzl bereits früher in England angelniivft hatte, wurden durch den Kongreß bedeutend verstärkt. Sie führten zwei Jahre später zu seiner Berufung als Experte vor die Londoner Frenidenkom'mission, die zum Studium der JmmigrationSbill eingesetzt wurde. Damals gelang cs Herzl, das Interesse der englischen Regierung in so hohem Maße zu wecken, daß diese ihm zuerst El jArisch und nach Scheitern dieses Planes Uganda anbot. Auch auf dein fünften Kongreß kommt Herzl in seiner Eröffnungsrede ans die Wirkung der Kongresse zu sprechen und sagt unter anderen,: „Dieser Kongreß ist eine jüdische Tribüne, deren Ansehen von Jahr zu, Jahr gestiegen ist, dank dem Ernst und den redlichen Absichten der Männer, die hier zu Worte kamen. Von hier gehen heute schon Losungsworte aus für die ganze Diaspora." Aus dem sechsten Kongreß, dem letzten und schwersten, den er zu feiten hätte, weist Herzl noch einmal tin schlichten und ergreifenden Worten' ans den Kongreß hin, und die letzten Worte, die er von der jüdischen Tribüne gesprochen hatte, siird ein Vermächtnis an uns: „Dieser Kongretz ist unsere erste Institution, und ich wünsche, haß dr immer unsere beste, höchste und würdigstebleiben soll, bis wir ihn hiniibernehinen in das schöne Land unserer Väter, das wir nicht zu untersuchen brauchen, imr es zu lieben." Orthodoxer Rabbinerverband. Der orthodoxe Rabbinerverband, dessen Präsident Rabbiner tör. Breuer- Frankfurt a. M. ist, und der die den Trennungsstandpllnrt vertretenden Rabbiner Deutschlands umfaßt, nahm ,in der am 28. und 29. Juni in Frankfurt a. M. stattgehabten Generalversammlting folgende Beschlüsse an: Krieg e rw i t w e n. 1. lieber die Frage der Wiederverehelichungvow Kriegerwitwen ist die Oeffentlichkeit durch Anschlag an den Synagogen, ferner fortgesetzt in der jüdischen Presse auszuklären, mit besonderem Hinweis auf die Unzuverlässigkeit der amtlichen Tod e s,n e ldu n g e n. 2. Diese Maßnahmen werden fiir Deutschland gemeinsam mit der traditionellen Rabbinervereinigung durchgesührt. S ch o ch t i m. Erfahrungsgemäß erweist sich die Ausbildung der Schochtim, sofern sie nur kurze Lernzeit hinter sich haben, als sehr mangelhaft. Die Rabbiner sind oft in der aus religiösen Gründen . sehr bedauerlichen Zwangslage, bei Abnahme von Schochtimprüfungen die Kabolo schon bei einem Mindestmaß von Kenntnisse r und Fertigkeiten zu erteilen, um die.Gemeinde nicht chne Schochtim zu lassen. Eine Besserung der Lage ist dringend erforderlich. Der orthodoxe Rabbinerverband verlangt darum von seinen Mitgliedern, daß sie künftig. Kabolans nur Kandidaten erteilen, die .mindestens eine halbjährige Lehr- und Ausbildungszeit als Schochtim Nachweisen. Als ' besonders geeignetes Mittel zur Förderung der Qualität der Schochtimausbildung ist das Lernen auf Jeschiwos mit sich daran .anschließender. praktischer 'Lehrzeit bei Schochtim von größeren Gemeinden Fit empfehlen. < Der orthodoxe Rabbinerverband übermittelt das Vorstehende der „Freien Vereinigung" mit dem Hinweis auf ' die Größe der Verantwortung der jüdischen ~ Gesamtheit gegenüber und bittet, dringend, die zur praktischen Aussührnng notwendigen Mittel bereitzuhalten. bezw. die notwendigen Maßnahmen zu treffen. Diese Resolution soll mit dem traditionellen gesetzestreuen Rabbinerverbanö zur Unterschrift zugeleitet werden. Sofrim. 1. Die verschiedenen gesetzestreuen Vereinigungen sollen veranlaßt werden, Sofrim in Gemeinden zu entsenden, um schadhafte Thorarollen auszubessern, Tsilin und Msusoth nachzusehen. 2. Die „Freie Vereinigung" soll eine Verkaufsstelle von Tsilin und Msusoth einrichten. 3. Die jungen Leute an den Jeschiwoth, den Lehrer-' seminaricn und Präparantenschulen sollen in der Prüfung voir Tsilin und Msnsokh sowie im Schreiben der Buchstaben ausgebildet werden und die hierzu erforderliche Dinim erlernen. Erziehungsfragen. 1. > Neben dem Religionsunterricht sind Thorakurse einznrichtem indenen Mischnajoth. Chumisch und Gomoro zu lehren ist. 2. Es ist Mit alten Mitteln anzustreben, die schulentwachsene Jugend vor dem Eintritt in das Berufsleben den in Deutschland bestehenden Jeschiwoth zuzusiihren. .3. Zur Realisierung der obigen Thesen und zur Beschaffung der notwendigen Sofrim ist eine Kommission zu bilden, welche die Vereinigungen mit nämlichen Zielen zu einer Arbeitsgemeinschaft aufforderr. Erez Jsroel. Die Beteiligung an der Zionistischen Organisation ebenso wie an ihrer m i s r ach i st ische n Abteilung uüd ihrem Keren Hajessod sind völlig abznlehnen. Um so entschiedener aber erklärt der orthodoxe Rabbinerverband die Beteiligung an Jischuv Erez Jsroel, wie sie von der Thora vorgeschrieben, als heilige Pflicht. Der zu diesem Zweck von der Agudas Jsroel gegründete Keren Hajischnv, welcher der Besiedelung Erez Jsroels dient, sollen daher von den Mitgliedern des orthodoxen Rabbinerverbandes propagiert werden. Ebenso die Beteiligung an der von der Agudas Jsroel eingerichteten Rosch Chodeschspendc, welche dem orthodoxen Schulwerk in Palästina geweiht ist. Der orthodoxe Rabbinerverband erklärt sich solidarisch mit der unter dem Rabbinat des Rabbiner S»n - nenseld stehenden „Waad hoir hoaschkettasi" und vrotestiert gegen die Methoden der Bekämpftmg dieses Kreises von gegnerischer Seite. Agudas Jsroel. -Die Generalversammlung spricht einstimmig ihre wärmste Sympathie für die Bestrebungen der Agudas Israel aus und faßte den Beschluß, die Mitgliederaufzufordern, sich intensiv an den Arbeiten des deusschen Gruppenverbandes' der Agudas Israels zu beteiligen. Frauen mahl recht. Der orthodoxe Rabdinerverband erklärt, daß sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht der Frau in und für jüdische Gemeinden und ähnliche Körperschaften religiös unzulässig ist. Die Einführung des aktiven oder passiven Wahlrechts erweist sich, wie bereits-, die Erfahrung gelehrt hat, als erster Schritt auf dem verhängnisvollen Wege, das jüdische Gesamtleben irr einem dem ■ Religionsgesetz zumiderlaufenden Sinne umzugestalten. _ Noch Einiges über Ralheuau. Das Schweizer „Jsr. Wochenbl." schreibt: „Bor dem Kriege .sind Rathenau des öfteren Töne untertausen, die an die Bewegung der „deutschnationalen Juden" geinahnen. Damals glaubte er, durch äußerliche Ablegung alles „Jüdischen" sei die Judeufrage zu lösen. Mit heftigen Worten hat er von den deutschen Juden volle Angleichung bis in die letzten Aeußerlichketteu verlangt. Die Deutschen, so führte er in seiner Schrift „Hope Israel" aus, .hätten eine furchtbare Abneigung gegen das „schwärzliche Volk" und jüd. Wesen. Die letzten Reste jüdischer Sonderart müßten raschestens verschwinden. Allmählich wurde Rathenaus Stellung znm Judentum inniger. Er näherte sich ihm von der ideellen Seite, wallte es-als Idee, als religiöse Idee erfassen und pflegen. Der Krieg näherte ihn der Religion. Martin Bnber und Berditschowski interessierten 'ihn. Es erschien die