Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1922-06-13 · Heft 21 (13.6.1922) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 21 (13.6.1922)
Date
1922-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2693277-2693298--11860-2707364
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- Erscheint wöchentlich am Donnerstag. Bezugspreispro ' Vierteljahr: Bei der Post abonniert Mk. 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Düttschland ML 80.00. kür Ausland 10 ftanz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling. 2 Dollar jährlich, im Voraus , zahlbar. . Iredaktion uüd Expedition: Fmnkfürt a. M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Ins ertionSp reis für die sechs gespaltene Ronpareille»ZeiIe Mk. ö —, für die Reklamezeile Mt. 15.—. Platz- und-Datum» Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annonren-Armahma bei der 1 Expedition und in allen »nnoncen-Bureaus. — Konto Sei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864- Tv. Jahrgang. Dienstag, den 17. L68S llL J»»i LS22) Nr. 21. Die Ortsgrnppe als Exponent der Gesamtbewegnng. Zum 25 j ä h r. Iubilännr der Frankfurter ' Zionistischen Vereinigung. ,Bon Dr. R o b e r t W e i ß. Man könnte mit gleichem Recht von der Gcsamtbewegung als Exponent ihrer Ortsgruppen sprechen. Denn Wechselwirkungen sind alle Beziehungen zwischen sozialem Teil und sozialem Ganzen, zwischen den Einzelnen, den letzten Ausläufern einer Bewegung, der breiten Gesamtmasse und beir führenden Köpfe». Man weist niemals, wo die letzten historischen llrsachen jür das Entstehen und Answirken einer. Idee in der Welt der Wirklichkeit zu finden sind, man weis; niemals, ob cs der Führer war, der das Wort in den Massen aufslainmen »lachte, oder ob es die 'Nähe der Masse war, die den Tiefen des Führers das erlösende Wortentrang, man weih ebensowenig, wo in der Geschichte der Ortsgruppe ihr Wesen als Exponent der ^esamtbewegnng anshört und chr Eigensein, ihre Eigenart beginnt. Wenn nun einiges über-WeseN und Strultur der Frankfurter Ortsgruppe' im Verlaufe ihrer 25 Arbeitsjahre bemerkt werden soll, so ist cs also unmöglich, tiefcrgcheiiij die Geschichte der F r a n l s n r t e r Ortsgruppe zu skizzieren, die wem en Daten des äußerlichen Eelcdchc, s werden im Verlause dieser Tage oft genug erwähnt werden. Vielmehr soll vom Unterschied zivischen der Frankfurter Ortsgruppe der Herzlzeit und - der Gegenwart die Rede, .sein: wie sich der Rythmus der Gesamtbewegnng im Rythmus der Ortsgruppe, jeder zionistischen Orts- . gnippc wiedersvicgelte, wie verschiedenartig die Beziehungen zivischen dem Zionismus als' Weltbewung und seinen Frankfurter Ausläufern von damals und jetzt geworden sind'. Damals: ein kleines Häuslein verspotteter Idealisten, deren Worte niemand ernst nahm, denen es aber mit ihrem Zionismus dttter ernst war. zum Unleisktned von heute, wo es bereits salonfähig ist, Zionist zir sein. Da- ' mals war noch daS Bejahen des Volkes, das Bejahen des Landesfür die -Meisten ein neues, ein ganz neues. Heute, übernimmt der Neuzionist ein ' fertiges Gedankengebäude,- Worte, die cbeinals ans den Tiefen strömten, sind heute durch tausend Massenversammlungen zu Phrasen, zu Schlagworten - erstarrt und degradiert. Es ist schade - und.hoch gut, oaß dieser, n rsprü»gliche. Zionismus, dieser -gestammelte Zioiiisnins, nur mehr von den Kindern erlebt werden kann, dag nur für sie das Wunder eines sehr weit entfernten, rätselhaften, mondnachtschönen Landes' Palästina^ lebt, während für die Erwachsenen Palästina nnmer mehr.und mehr eine Angelegenheit der hohen Politik, und nüchterner, wirtschaftlicher Aufbauarbeit geworden.' ist. Die gesunde Herzlsche Sentnnalität, die Herzlsche Gefühlsbetonthrit. strahlte sich damals bis in die kleinstes Gruppe, bis znm .einzelnen aus, sic war cs, die aus nüchternen Kansleuten jene verspotteten welk- 1 fremden Idealisten, unsere ersten Zionisten sonnte - Dmnals ahnte, aber wußte man noch nicht die welthistorische, geistesgeschichtliche Bedeutung deS Jischuw Erez' Jisrael. Die Masse des jüdischen Volkes leble in einigermaßen stabilen sozialen und ökonomischen Verhältnissen. Palästina war für die breiten Mgjsen noch nicht d l e ökonomische und politische Lebcnsiiotwendigteit, die cs uns heuie ist. Ebensowenig war Palästüiä für das geistige Leben des Volkes von Bedeutung. Die möderne'.hxbräische Sprachbewegring keimte noch käunt in ihren ersten Anfängen, die Hastala benutzte hauptsächlich'noch das Jüdische, den/sogenannten: Jargon. Und das Lwid? Es war noch, typischer Orient.. Das Morgenland lag im Frieden, das Auge des Europäers -schaute von Jahrzehnt zu Jahrzehnt das Gleiche,,man spracht von der Erstarrung des Morgeylaildes, weil der Europäer das wesensfremde Leben des Ostens nur von nniibervrückdarer Distanz aus w ryrnehmen konnte. Entsprechend der damaligen Verfassung des. Volkes, seiner Kultur und seines Landes, war daS Aeußere des Zionismus ein Konglomerat' von Vereinen, Gruppen und Grüppchen. Das Gehabe der Leitung mar — wenn inan von der '2ö Jahre vorwegnehmenden Geste Hcrzls absah — die Betriebsamkeit der Spitze eines sehr großen Vereines. Alles war noch klein, mmiches kleinlich, aber alles Heutige keiiilte bereits. Und die zionistische Ortsgruppe? Sie war ein Verein, ein sehr kleiner Verein, aber cs gab weniger laue Mitläufer wie heute. Die Ortsgruppe bestand eigentlich mir ans Einigen: aber das war eine geistige Kainpsgcilosseiischaft,^ damals war jeder aktive Zionist Borposte», war täglich gezwungen, seine Gedanken und Ueberzeugungen'zu revidieien, sie zu überprüfen, immer und immer ivieder bis zu den letzten Vorallssetzungeil znriickzugehcn, mit zum Werben für die neuen Ideen gerüstet zu sein. Damals verließ inan sich noch nicht ans die zionistischen Glauzredner, die Agitation ging von Mann zu Mann, von Jude zn Jlide nrit einer Jntenzitär, die die heutige junge Generation tanin mehr hierfür anfbringt, weil sie -sästalles fertig übernommen hat, weil -ihr Zionismus, bis heute kein ursprünglicher, sondern ein abgeleiteter ist, weil nur wenige nntcr »ns auf der Suche nach n ns e re r Argnmentatioii sind, »ach lliiserent eigenen Stammeln. Der tlpinc Verein von damals aber hing mit der Gesamtbewegung enger zusammen als heute. Auch damals gab cs schon Monreiite unerhörter politischer Spannung, die alle zionistischen Landesverbände, alle. Ortsgruppen,, alle Einzelnen zn einer atemanhalteiiden Einheit werden.ließ. Aber: „iiym kannte sich' auch io viel meyr a s heule. Der Zionismus war eigentlich die Angelegenheit einer großen geistigen Familie, -was wie alles Familiäre seine guten und schlechten Seiten hatte. Der Kongreßdelegierte war noch Sprachrohr seiner heimatlichen Gruppe, noch hatte sich nicht ein Partei»,echanisinns in die Fmiiilienidylle der Wahl cingeürängt. so mancher einfache Zionist, der nicht eiiunal ein glänzender Redner war, sogar nicht einmal ein Artikel schreiben konnte, ganz'einfaches „Am haarez", was wir aber diesmal mit ..Stille im Lande" übersetzen wollen, die wurden Delegierte, und sie 'machten ihre Sache besser, waren mit echterer Begeisterung bei ihrer Arbeit als vieler unserer heutig.cn, die so sein zu «reden und so fein zu schreibe» verstehen. Die Ortsgruppe,, jede zionistische Ortsgruppe, bildete damals einen Typus des Durchschnittszionisten ans. von dessen nur mehr vereinzelten Vertretern ivir mlle gelernt haben und . lernen. (Schluß folgt.) Die Lage des orthodoxe» Erziehungswesens in Erez Jisrael. Das Erziehungswesen in Erez Jisrael im allgemeinen und das orthodoxe Erziehungswesen tm besonder» steht vor einer Krisis. ’ ■ Es ist nicht aiizilnehinen, daß die Zionistische Organisation für das kommende Jahr das vorjährige Budget von -Pfund 100 000 bewilligen - wird, den» sie wird voraussichtlich dieses Jahr mit einem Defizit schließen, und die Aussichten für das koinmende F-i»anziahr sind nicht rosig. Der Kreis derjenigen, die für das Ausschalten des Schillbudgets ans der zionistischen Tätigkeit überhaupt eintrc'ten, vermehrt sich sichtlich. Bestensalls kann inan von der Zionistischen. Organisation aus die Deckung von 50 Prozent des konmienden Tchnldesizits rechnen. Für das orthodoxe Schulwesen nun; man die Ziffer noch niedriger stellen. Diese Schulen tosten mehr als hie andern, weil -der intensive-Religionsunterricht eine größere -Stundenanzahl verlangt und -in' den allgemeinen Fächern aus der -Höhe nichtorthod'orer Schulen bleibe« muß; wenn die Kinder zu lebenstüchtigen und' traditionstreuen Juden erzogen werden sollend Unsere Schülers stammen zum größten Teil aus den ärmeren Schichten, daher sind die Einkünfte von Schulgeldern geringer. Da unsere in großem Stil org>misierte Erziehungsarbeit nur ans eine kurze Geschichte von kaum zwei Jahren zurückblicken kam«, ist cs' selbstverständlich, daß sowohl die einzelnen Institute wie das ganze System viele Lücken ans» zuweisen hat, die unbedingt zn füllen sind,- wenn wie in die Lage koiilmen wollen, unsere' Jugend aus einen abgeschlossenen Erziehungsweg zu führen. Außer unserer L e h r e r b i l d u n g s a n st a l t in Jerusalem haben wir keine eiirzige Anstalt für höheren Unterricht; — eine solche muß geschaffen werden! Manche »nserer Schule», namentlich der Tachkemoni in Jaffa, sind in ihrem Fort^ bestände bedroht, wenn wir nicht in naher Zukunft für entsprechende Schulgebäude sorgen werden. Die Metallhandwerksschüle Schare-Tora in Jaffa, die wir in dicsenr Jahre übernommen haben und die die einzige Metallhandwerksschnle im Lande ist, hat glänzende Möglichkeiten, aber sie muß ausgedehnt und - ansgebaut werden. .. Unser Uebcreinkommen mit dem Verein für die Erzieh- , ung jüdischer Waisenkinder in Frankfurt setzt uns in die Lage, über 800 Dunmn ausgezeichneten Landes in der Nähe von Petach-Tikwah zn verfügen mid darauf eme-landwirtschaftliche Schule zn errichten. Wir haben auf diesem Boden erheblich Investierungen gernacht und »lüssen im kommenden Jahre ernstlich mit der Errichtung dieser 'Anstalt brgimien. Geradezil eine Lebensfrage skr unfer ganzes Unterrichtssystem . ist die Errichtung einer Lehrerinnen- und K in derg är tue r innen- Bildnngsanstatt. Die Erziehung unserer Mädchen 'in Palästina liegt sehr' im Argen. Selbst die Töchter streng religiöser Häuser werden in nicht religiöse Schulen geschickt, mid die Folgen sind geradezu verheerend. Die Heranwachsende Generation der Mädchen steht entweder fremd >md hilflos allem gegenüber, was in ihrer nächsten Umgebung geschieht, oder sie ist von. einer Gedankenwelt beeinflußt, die sie dem traditionelle» Judentuin gegenüber fast vollständig gefühllos, gemacht hat. Ein intelligentes, selbstbewußtes tradikionstrenes Mädchen gehört, zn den allergrößten Seltenheiten im heilige» Lande. - Unser Erziehungswcrk umfaßt 35 Institute (darunter mehrere Kindergärten, Massige Volksschule. 2 Jeschüvoh- Vorbereitungsinstitute, l Lehrerbildungsanstalt, 3 Handwerkerschulen), worin ca. 3!X> Küider ihre Erziehung sin» den. Die Arbeit der letzten 2 Jahre hat voll bewiese» -lind das mußte und wurde auch von der extreme» Linke» zugegeben), daß, wenn wir auf diesem Wege sortschreiten. wir. auf die Erziehung der Jugend in Palästina de» allergrößten Einfluß ausznüben Aussicht haben'. Wir erziehen den Juden, der fest inr Boden und i» der Tradition wurzelt. Die große Vergangenheit mir einer großen Zukunft verbindet den Juden, der seinem Volke und seinem Gotte, ganz treu bleiben soll. Wir stehen vor der Gesahr, diese Erziehungsarbeit oder einen wesentlichen Teil derselbe» einstellen zn müssen. Wie immer man sich zn der Frage des Aufbaues.Palästinas stellen mag, die jüdischen Kinder, die bereits im Lande sind, müssen erzogen iverden. Die ganze Welt blickt mit.Spannitng auf die Entwicklung der jetzigen Generation in Palästina. Sie wird schließlich den Maßstab bilden für die Beurteilung aller Juden der ganze» Welt. Lassen wir diese Jugend fallen und drücken wir sie zum Nivrau der arabisckien Bevölkerung hüiunter :die übrigens jetzt auch mit großem Kostenaufwand von der Regierung ein gutes Schulwerk errichtet bekommt), so haben wir dem ganzen südischen Botte eine vielleicht nie gut znmachende Blöße gegeben. Dieser schreienden Notwendigkeit kann und darf, kein Jude, welcher Gesinnungsrichtung oder Parteisteklnmr er auch angehören mag, gleichgültig gegenüberstehen. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.