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Neue jüdische Presse · 1922-05-18 · Heft 19 (18.5.1922) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 19 (18.5.1922)
Date
1922-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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( V - Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: Bet der Post abonniert Mk. 9.—,.Sei der Meuew Jüdischen Presse Zusendung durch' Streifband für -Derüschland ML SOLO, für Ausland 10 ftänz., S schweiz! Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im'Voraus? . ' zahlbar., Iredattion und Expedition: Frankfurt aM, Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Satz Geis Ins erttonsp reis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile Mk.'S.—j für die Rcklamezerle ML 15-.—. Platz- und Datums Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Anuahme bei der!' Expedition undin allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. - 20* Jahrgang. Donnerstag, den 20. Ijar 5682 (18. Mai 1S2I) Rr. LS. Der jüdische Handwerkerstand. ./.Wie gewaltig hat sich im Laufe .der Jahrtausende das [■ Antlitz der jüdischen Welt - geändert? ÄlS das jüdische Volk k/iiöch in seinent eigenen Lauhe nach -freier Gestaltung ein ^eigenes Leben führte, da'waren in seiner Mitte die Stände -produktiver Arbeit, der Bauer »ud der Handwerker, die -geachietsren, während der Händler ersthinter diese» rangierte/ denn das Bolksbewuütjeiiiempfand die moralischen Gefahren, die mit dem Händlerberufe verbunden sind. Aus diesem Volk der Hände-Arbeit haben aber dann die Zerstreuung-.und der Zwang des Golus eia Volk von Händlern werden '.'lassen. Die .Tragik Ahasvers verhinderte überall, wo der 'Jude eine Heimat suchte, seine Verwurzelung im Boden, und die grausame Härte der Nichtjuden war es auch, die den Juden aus dem geliebten Handwerkerberufe, dem einst seine bedeutendsten Geistesgrößen entstammten, hinaustrieb. Dort, wo man ihm jedoch nicht künstlich das Handwerk verschloß — wie unter der Herrschaft der Mohamedaner — blieb der Jude auch .im Golus gern beim Werkzeug. Besonders in Westeuropa mit. seinen christlichen Handwerkerzünften war es viele .Jahrhunderte hindurch für den .Juden eine Unmöglichkeit, etwas anderes als Händler zu werden. Die Situation änderte sich erst mit der Emanzipation. Die Gleichberechtigung brachte, auch die Möglichkeit einer . Umschichtung. Doch die seit vielen Generationen währende, wenn auch unfreiwillige Züchtung als Händler müßte auf das Seelische des jüdische» Volkes, auf seine Pfh^he,. .nachhaltige Wirkung ansüben' und so konnte sich erst - allmählich und langsam eine Umschichtung aus einer einseitigen nach einer natürlichen Berufsgliederung hin vollziehen. Nur. allmählich und langsam, da auch -trotz der Gleichberechtigung die gesellschaftlichen aniijndischeir Widerstände -weiter bestanden. - Der^erste Anstoß, jüdische iKreise wieder dem Handwerkerstande zuznführen, kam von jenen Juden, die merkwürdigerweise die. Gleichberechtigung so auffaßten, daß sie ihnen, die Pflicht übertragen habe/sich der Außenwelt anzupassen, während poch umgekehrt Gleichberechtigung eine Respektierung des jüdischen Wesens seitens der Außenwelt bedeutet./.Ans dieses Thema näher einzugehen,' hieße eine Geschichte' der Assimilation der letzten 150, Jahre schreiben. Diese ^xden dachten - freilich gar nicht.'daran,', ihr? eigenen Linder dem Handwerkzuziiführenfür ihre eigenen Kinder strebten sie,-wie für sich, nach einer gesellschaftlichen Oberschicht in der nach gesellschaftlichen Rangstufen eingeteiltest Welt, hi? ihnen nun. zum Teil offen stand, für. ihre Kinder erstrebten sie die-gesellschaftlich' gehobene Stellung als Bau-, kier, als. Großkanstnann, als. Akademiker. Doch für die Mühseligen der jüdischen Masse, für die Kinder der schwer um das Minimum ihrer Existenz Ringenden und für die /Waisen, bestimmten sie die MMon, der Juden heit auch Stände zu schaffen, wie Zie die^tichtjuden haben, und so l entstynden z: B. -in Deutschland im Laufe der letzten hust» ^.der't. Jahre/etwa-^90? Vereine mit -der Aufgabe, die Er- 1eMÜng/des Handwerks-.innerhalb der.deutschen Fudrnheit' zu fördern,/Erstv ims diesein so geschaffenen jüdische» Handwerkerständeselbst -ging dann eine Strömung hervor, 'die .aus Achtung vor - de>n Werte .produktiver. Arbeit und ans Liebe -zu , der. produktiveil Arbeit/ .weil sie deren Segen e-nx»fand, stnit Selhstwürde. einen anderen OrganisiüioiiStyp schuf, nämlich die.-.Vereine .selbständiger -, jüdischer Handwerker, die chreInteressen in die-,eigene Hand nehmen und nach'stußen die Solidarität und die,'Geschlossenheit der jüdischen.Handwerker >vahreu...Sopese2l^viese. Vereine, .wenn auch ihrep Mitgliedern meist unbewußt, eine , antiassimilatorische'Tendenz.- . .. /Im den - letzten Jahrzehnten ist die Zahl der jüdischen Handwerker in Deutschland ständig gewachsen, und/man darf Heute chre 'Gesamtzahl auf etwa''15,000,' unberechnet Gehilfen und Lehrlinge, schätzen. -Die Vereine selbständiger jüdischer Handwerker schlossen sich 1900 zu einem Verband zusammen. Vor wenigen Tagen fandder.Verbands-' tag znin ersten Male iw Frankfurt statt. Deine großzügige . Anfmachnng, seine eDchsiplin, seine parlamentarische Leitung, seine das Wort und die Rethvrik beherrschenden Redner, und besonders das, was man hörte, erwies klar, daß der jüdische Handioerkerstand in Deutschland heute eine achtunggebietende Organisation geworden ist. Als ein wesentlich wirtschaftliches Gebilde will der Verband inncrjüdischen Frageil gegenüber die Neutralität 'beobachten. Dieser Standpunkt ist nur'bis zu einem gewissen Grade richtig, denn nicht allen innerjüdischen Fragen.gegeniiber kann sich der Verband passiv verhalte.,. Wir erwähnten schon seine antiassimiiatvrische Tendenz, die ans seinen, Zusammenschluß resultiert. Dieses Negation,» erfordert aber ein Positivnm, und dieses Positivnm lautet -positives Jndentuni, d. h. jüdische Tradition und Palästina. Denn ohne die jüdische Tradition als Grundlage und Palästina als Zukunft ist die jüdische Gesamtheit dem allmählichen Untergang geweiht und in ihr' auch jede. Organisation, also auch die Organisation' der Handwerker. Wir wünschen aber dem Zentralverbande jüdischer Handwerker Deutschlands eine weitere kräftige Entwicklung, daß in ihm nicht,nur wirtschaftliches Leben, sondernl auch Zukunft verheißendes jüdisches Leben erblühe! *; Sonntag früh wurde der Berbandstag der Jüd. HanV- -werkervereinein Deutschland im großen Saale der Frankfurt-Loge mit einer akademischen Feiee eröffnet. 'Nach einigen Liedern des Gesangvereins '„Liedertafel 1827" hielt --Schneidermeister Julius Weis stäup t/Vorsitzender des Frankfurter Vereins und Mitglied der Gemeindevertretung der- Israel. Gemeinde, die Begrüßungsansprache. Ihm. schloß sich- Marens-Berlin, der Berbandsvorsitzende, in einer Rede an, die besonders die steigende Anerkennung der jüdischen Handwerker, in den Vordergrund, der Ausführungen -stellte. In zahlreichen jüdischen Gemeinden, sind bereits Handwerker in allen Kommis,ionen' tätig. Zahlreiche jüdische Gemeinden haben auch erkannt, daß. die-Hebung deS jüdischen Handwerkerstandes-in ihrem eigenen- Interesse liegt. Es ist übrigensselbstverständlich, daß eine, Gemeinde bei Vergebung von Aufträgen ihre eigenen Steuerzahler bevorzugt. Wohl gibt es noch Bne Brith-Logen, die Anstand daran nehmen, Handwerker aufzunehmen, auch in der jüdischen Jugendbewegung hat der Handwerker noch manchmal unter den dünkelhaften Vorurteilen Zurücksetzung zu erdulden, und-auch Rabbiner, Lehrer und Presse scheinen häufig noch nicht zu wissen, was der Handwerker in der jüdischen Gemeinschaft bedeutet. Doch -auch diese letzten Breschen werden noch durchbrochen werden. Wolf f, der Vorsitzende des Berliner Vereins, ergriff sodann das Wort zu der Ftstrede. Er ging von dem Gedanken aus, daß die soziale und die politische Gleichberechtigung, die Gerechtigkeit, ein Postulat des Judentums seien. -Diesem Postulat steht die krasse Gesellschaftsschichlung inner- ' halb der modernen Judenheit gegenüber, und die Zukunft der deutschen Judenheit hängt von ihrergesunden ge'ellischastlichen Schichtung ab. Aus diesem Grunde ist der Handwerkerstand ein wichtiges Glied in der deutschen Jndenheit.. Ein anderer Gedanke der Festrede war, daß der. Zusammenschluß der jüdischen Handwerker keine Absonderung von andersgläubigen Berufskollegen bedeute, sondern, es sei so: „Damit die anderen uns kennen lernen, müssen wir uns erst selber kenn:»." Redner ging auch auf den Antisemitismus ein, dessen Brutstätten Heute hcnchtsächlich die Universitäten sind und . der jetzt auch . auf. die wirtschaftlichen Verbände übertragen '.werden soll. Im' Kampfe, gegen den Antisemitismus ist dem jüdische Handwerkerstand. der, Stand der produktiven Ar- >beit, eine wichtige Waffe. Begrüßungsansprachen der Vertreter Frankfurter Körperschaften— Stadtverordn. Bouverer für die Handwerkskammer, Simon für die Jsr. Gemeinde, Dr. Merzsbachfür .die Gryßloge, Dr. Wiene.r für den- Centrak- .verei» deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. — und -eine Gedenkfeier der Krieqsgefallenen — Rabbiner Dr. ^Salzberger hielt die Gedenkrede — «achten'de» Be» .schlüßp ' //"/'-'.'"/• "-Der. Montag Und der-Dienstaq waren in eifriger Arbeit den Berhandlustgen. "gewidmete Wirtschaftliche, propagandistische Fragen/ Lehrlingsaesbildung e!c waren Gegenstand' der Beratung. Es gab aber auch ein Referat mit einer eingehenden Debatte über die Bedeutung der jüdischen Handwerker für das Judentum. Hier wurde u. a. ausgeführt, ' daß. der jüdische Handwerkerstand durch seinen gesellschaftlichen und beruflichen- Zusammenschluß gegelk Renegaten-.' tum und gegen 'Antisemitismus wirkt. Die Debatte brachte Dstjudenfrage und Zionismus zur Erörterung. Es würde für den ostjüdischen Handwerker gefordert, daß eine Beschei-' nigung des jüdischen Handwerkervereins seiner Heimat genüge, um chn zu legitimieren. Der Ausbildung 'der Chaluznn für Palästina wurde Interesse entgegengebracht, doch wurde betont, daß auch für einen guten jüdischen Handwerkernachiouchs in Deutschland Sorge zn tragen sei. Immer wieder wurde Wert darauf gelegt, daß eS gelte, den doppelte» Pflichten als Deutsche und als Inden Genüge zu . leisten. - ", , /' Geradezu glänzend gestaltete sich der Festabend am Montag unter der Regie, des Herrn Josef Me rer und .der musikalischen Leitung, des Kapellmeisters Paul G e o r gy. Mitglieder der hiesigen Oper und der jüdische Turnverein „Bar Kochba." wirkten mit. Das PalSMuamaudat vor dem Bölkerb»»-. Aus Gens wird berichtet: Der Völkerbund hat am 12. Mai seine-Verhandlungen begönnen. Gleich am. Anfang beantragte Balsour im Nmnen Englands, die Ratifizierung des Palästinamandats, da-Amerika, keine Einwendungen mehr erhebt, auf die Tagesordnung zu. setzeir. ES. sei -der besondere Wunsch Englands, daß diese Session - deS ' Vötkerbundsrates das Mandat genehmig':, do der ungeklärte -Zustand die Spannung zwischen Juden und Arabern gezeitigt habe und das Zand stets in neue Unruhen versetze- - Die Beschlußfassung über Balsours Antrag wurde ans . eine der nächsten Sitzungen verschoben. Zur Aütovomiesirrise irr Lttlüre». \ Der I. R.-Korrespondent der WZ berichtet aus Genna; Die Gnippe der jüd. Pressevertreter an der Konferenz in Genua sprach kollektiv beim litauischen Ministerpräst- , denken, Galvananskas, vor. Im Verlauf der eiustün» digen Äludienz gab - der Premierminister eine Uebersichd über die Lage der litauischen Inden, versicherte, daß die -Juden in Litauen eine nationale und kulturelle Autonomie'> besitzen, und daß er die gewährten Minoritätsrechte als eine notwerwige Bedingung für die normale Entwickliurg Litauens betrachte. Eine der wichtigsten nationalen Institutionen!-, in Litauen sei der jüdische Nationalrat, mit n»lchem dix Regierung in ständigem Kontakt stehe. Aus-diesem wähle die Regierung den Minister für jüdische Angelegenheiten, , der natürlich das volle Vertrauen des NR haben müsse. Das jüdische Ministerium habeexistiert und^ werde -mid) weiter existieren. Die Streitfrage im Parlament,^ die Minister Soloweitschik zum Rücktritt vercurlaßte, war-, - ob diese Institution der Konstitution Litauens einverleibt ' werden solle. Die nichtjüdischen Parteien, mit^ Ausnahme - der Deutschen, seien der Ansicht, daß die Erwähnung des Ministeriums für die nationale» Minderheiten ein besonderes Privilegium zugunsten der Minderheiten gegenüber der.Majorität wäre. . Nach des Ministerpräsidenten Dafürhalten gibt es. über- . Haupt keinen gesellschaftlichen Antisemitismus üt Litauen. Die drei Sprachen, litauisch, jüdisch und polnisch, seien in. allen Regierungs-Institutionen obligatorisch. Die.nationalen Minderheiten haben ihre selbständigen Lehranstalten, kvo-, perative Bmiken und dergl. Er glaubt, es wäre ganz überflüssig, in der Konstitution Einzelheiten zn stipulieren, die im Leben schon, längst . verivirklicht sind, und wemi das Leben tatsächlich gegen diese- Forderungen sein würde, so wäre dieses Gesetz ein toter. Buchstabe. Man solle nicht die Beziehungen unter den ner-?- schiedenen Schichten der Bevölkerung durch übertriebene Forderungen allzu stark verschärft». Auch Leo M o tz k in, der Generalsekretär. des. Ko-, mitees der jüdischen Delegationen in Paris, hatte mit -G nlv an ausk as eine Unterredung ^hinsichtlich ,der jüdischen Zlutonomie in Litauen. . " -

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