Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 18 (11.5.1922)
- Date
- 1922-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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▼ »o, ♦ 4 ♦ ♦ ♦ er en en Erscheint wöchentlich am Donnerstag. DezugSpreiSpro Bterteljahr: Bet der Post abonniertMk. 9.—, Set der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. KO.OO. für AuSiand 10 ftanz., 5 schweiz. Frcs., 3 holl. Fl., S SHMng, 2 Dollar jährlich, im Voraus zählbar. Redaktion und Expedition: Frankftrrt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis Jnserttonspreis für die sechsgespaltene NonporeMv-Zetle ML 5.—, für die ReklamezeUe ML 18-—. Platz« und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bet. dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 26. Jahrgang. Donnerstag/ de» 13. IZar 5682 (11. Mai 1922) Rr. 18. iO )OBt, erst. onmger ns .und mh| Das jüdische Herz. Man koinmt heute manchmal in die Lage, sich die rage ja stellen, ob nicht auch , das gute jüdische Herz — letzte jüdische Gut, .auf-das auch die Indifferenten unter!ns stolz sind — im Schwinden begriffen sei. Dank der Ersetzung unserer Religion und dank unserem geschichtlichen Mick, war das soziale Verständnis, das brüderliche Gehl für den Armen und -'Bedrückten, stets sehr stark unter eis Juden ausgeprägt, fodaß es selbst den Andersgläubigen uffiel nnd von ihnen als eine besondere jüdische Tngeird gerühmt wurde. Doch heute. — — Selbst in 'Häusern, in denen noch nach dein Geiste des Judentums gelebt werden will, ist der.'Arme in der Regel icht»mehr der Gast des Tisches. In unserem Zeitalter s Kapitalismus find die sozialeil Unterschiede zit kraß worden. Jir der Billa des Reichen ist bereits der Angehörige des ' Mittelstandes — er mag geistig .noch so ch -stehen, und -er Verkehr mit ihm möchte für den eichew noch so veredelnd sein — nicht mehr passendeis rkehr, und inr Eßzimmer des Mittelstandes nimmt sich Heuksit^er Proletarier - in zerschlissener Kleidung als ein Protest x ganzen Zimmereinrichtung aus. Auch die traditionell sinnten Juden haben den Zug der Zeit mitgemacht und jind so ein Opfer, des Molochs' Zeit zuni Schaden der ihnen «vertrauten jüdischen Werte geworden. Oder es komme jemand in einer. Wohltätigkeitssache it einem unserer so stark beschäftigten Geschäftsleute— so« |ar zu solchen, die durch die Beobachtung des Sabbats igen, daß ihnen die Thora-Richtschnur ihrer Haudluugcu in soll —:. dann sorgt, falls der Besucher, keine guten rsönlichen Beziehungen zu dem Besuchten hat, schon der angel. an der so. kostbaren Zeit meist für . die kürzeste bsertigung, wenn nicht gar Abweisung. Davon wissen selbst e zu erzählen, die nichts für sich, sondern in nneigen!- iger Weise, da ihnen die wertvollste Zeit das Inter« e für ihre Mtmenschen bedeutet, nur für andere etwas llen. ' Wie waren früher die besonderen Familienereignisse — stburt, Hochzeit und Tod — stets Veranlassung, nach steil Kräften Gutes zu tun; — bei Geburt und Hochzeit, >lunit Gott-das Leben des neuen Menschenkindes und den neu Menschenbund segne, und beim Tod, damit die lieber« ixnden im Andenken des Verstorbenen Menschenliebe üben? lnd jetzt? Wie häufig werden selbst von sich religiös' lennenden Familienfeste gefeiert, die Vermögen kosten, und s.Konto des Wohltuns wird dann mit Summe»! abgespcist, lie im Verhältnis zu den persönlichen "Aufwendungen der icrnden nicht, anders als Almosen genannt werden können! Man denkt heute zu vielan sich und zu wenig an se Gesanrtheit. und. vergißt in.seiner Kurzsichtigkeit, daß das ene Wohl aufs innigste mit dem Wohle der Gesamtheit Hunden ist. AIS liniere Vorfahren im Ghetto noch ihre jene Kultur-lebten,, da konnten die Forderungen des Juden- KnsJnr.Answirlmrg kommen, — und wenn wir in Palä« " af wieder einmal zu einein . eigenen Kulturleben; kqm« n' iverden, - auch. daim. wird der soziale Geist des Juden'« sHnachtvotl iw die Erscheinung treten. Jetzt aber befinden ßr uns in einer Periode deS Schwindens unserer jüdische» rte unter der Ueberulacht der auf uns eimvirkcnden! itverlMtnisse, und -daxünter verliert selbst ein solches erk, wie cß dasjüdische Herz stets war, sein Fundamt. . - -. ''.... . ‘ r. 20. jom Gesamtarchiv der Äentschen Jude«. Don Dr. I. Jacobson. Der. unglückliche Krieg hat VuilS-än Deutschland , auf gast, klen -Gebieten -eine;gruiidstürzende -Veränderuirg gebracht, pt Menschen- und Dinge, die früher hoch in' Beachtung »den, hcrabgedrückt und anderii zu ungeahntem, .nicht dimer" perdientem . Aufstieg vexholfen. Der nnr das vielkchc gesteigerte Kamps ums Dasein,, der auf das rein Iraktische mehr Wert als früher legen ließ, hat wissenschaftliche Bestrebungen, so.weit sie nicht eben unmittelbar im Dienst praktischer Interessen standen, tief in den Hintergrund geschoben und in denr Land der Dichter und Denker die wissenschaftlichen Institute einer kaum glaublichen Bedrängnis zugeführt. Dem aufmerksamen Beobachter kann es nicht verborgen sein, daß diese materielle Verelendung der wissenschaftlichen - Anstalten von ' ungünstigem Einfluß aus ihre Leistungsfähigkeit ist, daß zwangsläufig mit der Verkürzung des .äußeren Aktionsradius auch der innere> Wert Einbuße erleidet. - Gilt dies alles ganz allgemein von allen nicht rein augenfällig praktisch ausmünzbaren wissenschaftlichen Bestrebungen iM jetzigen Deutschland, so trifft dies in weit höherem Maße für die in den Grenzen des jetzigen deutschen Reiches organisierte jüdisch-wissenschaftliche Arbeit zu. Die soziale Fürsorge mit ihren verschiedenartigsten Anforderungen .nimmt heute gewiß mit Recht mehr als früher die Anteilnahme.und den Opferwillen der deutschen Jude» in Anspruch und läßt es erklärlich erscheinen, daß demgegenüber die jüdischen Bildungs- und Forschungsinstitute weniger tatkräftiges Interesse als früher finden. Aber — das mag mit aller Deutlichkeit hier gesagt sein — die geringe Berücksichtigung, die das Mäcenatentmn spezifischjüdischen wissenschaftlichen. Bestrebungen angcdeihen läßt, ist in den gewandelten Verhältnissen denn doch nicht begründet. , ' An dies Mäcenatentum aber müssen die jüdisch-wissenschaftlichen Institute immer erneut appellieren, soll nicht ihre im letzten und höchsten Sinne dem' Judentum gewidmete Arbeit in Frage.gestellt, ihre Wirkungsmöglichkeit ganz untergraben werden. Wie deprimierend das Fehlen weitgreisender Förderung wirken muß, mag in folgendem am Beispiel des Gesamtarchivs der deutschen Juden in Berlin dargelegt werden. Dies im Jahre 1905 auf Anregung des Fürstlich Pleßscheu Archivars Dr. Zivier Mit Unterstützung des Deutsch-Israelitischen Gemöindebundes und der Großlogo des Ordens Bne ürith gegründete, seit 1918 im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde Berlür in modernsten Archivräumen (Oranienburgerstraße 28) untergebrachte Ar-' chiv befand sich vor "dein Kriege in ständiger; Austvärtsbewegung. - Mit Eifer ging es der ihm zugrundeliegenden Aufgabe nach, die zunt laufenden Geschäftsgang nicht mehr nötigen Urkunden und Akten aller jüdischen Gemeinden, Vereine und. Stiftungen än Deutschland an einem Orte zu sammeln und ihre Nutzbarmachung zu wissenschaftlichen und administrativen Zwecken vorzubcreiten. Ein Stab von drei' wissen- , schafttichen Beamten ermöglichte eine erfolgreiche Propaganda dieser seiner Bestrebungen, sodast immhr mehr Gemeinden, Vereine und Privatleute dem jGesamtarchiv abgabexähigö Archivalien gegen Depositalvertrag als Leihgut zur Verfügung stellten. ' Der Kreis der Aufgaben, die das Gesamtarchiv aus sich heraus schuf, weitete sich iimner mehr. Von dem kräftig drängenden wissenschaftlichen Leben des Archivs gab eine eigene Zeitschrift, die „Mitteilungen . des Gesamtarchivs der deutschen Inden" (1908 ff.) ein instruktives, anschauliches Bild. Diese „Mitteilungen" nahmen ständig an Umfang und Vielfältigkeit des Inhalts zu und waren auf denk besten Wege, zu einem Sammelpunkt 'für die wissenschaftliche Erschließung der Geschichte der Inden in Deutschland zu werden. Der Krieg hat diese Entwickelung, die stets an de» Namen des ersten Archivleiters, des jetzt an die Universität Zürich berufenen Professors T'äübler, geknüpft bleibe»' wird, jäh geknickt. Statt dreier Beamten chat das Gesamtarchiv nur noch einen, der natürlich aus der Fülle der dems Gesmntarchiv allmählich erwachsenen Arbeiten nur die notwendigsten erledigen kann; die mit.großer Entsagung und Sorgfalt ge- - förderten Vorarbeiten zu einein Urkundenbuch zur Geschichte der Inden in Deutschland inr Mittelalter mußten abge>- brochen, vielen andern Plänen — z. B. denen, die auf die Sammlung und Verzeichnung der Grabsteininschriftenj 'gingen — mußte entsagt und die Herausgabe der Zeitschrift eingestellt werden. - ■ , Wie die Dinge jetzt liegen, ist das Gesamtarchivj schwer in seiner Wirkungskraft getroffen, und statt daß es in groß- - 'zügigen Weise die jüdisch-historischen Studien in Deutschland nnregen undvertiefen kann, ist es z» einem Aschenbrödeldäsein verurteilt. : .-Die Unzulänglichkeit der ihm zur Verfügung stehenden .-Mittel hemmt es an der Entfaltung seiner Propaganda, die der'Aussprache; irr Wort und Schrift bedarf, und wirkt so lähmend auf? das. .Interesse der'.weiten jüdischen Qeffent- , lichkeit zurück, ohne daß gerade, ein.Institut wie das Gesaintarchio sich'nicht fortentwickeln' kann.' - Wenn das Gesamtarchiv der deutschen Inden jehnlichst danach Ausschau hält, daß das Interesse, das ihm vor dem Kriege geschenkt wurde, sich wieder aktiviert, daß Gemeinde», Vereine und Private seine archivalischen Sammlungen wieder ansfüllen und vermehren, und die jüdischen Mäcene ihm die publizistische Verwertung der ihm anoertrauten Archiv»-. lien erneut ermöglichen, so tut es das ans einem ideale» 'Antrieb, der in seinen Auswirkungen auch die praktische! Lebensgestaltung befruchtet. Das in den 'Akten eingefangene Leben der Vergangenheit wirkt aufhellend und anfbauend ans die Gegenwart und die Zukunft, unser eigenes Wesen empfängt ans der Feflhairung ves Lebens, wi» es' in den jüdischen Gemeindeft sich dargestellt und geformt hat» Erklärung und Hoffnung, und aus der Erkenntnis der vielfältigen BerflochtenheiS der Dinge gewinnen wir einen sicheren Standpunkt innerhalb der Entwickelung, in die ldas deutsche Judentum eingetaucht ist. i Die Akten der jüdischen Vergangenheit der Vergessenheit entreißen, sie vor drohender Vernichtung und Verzettelung bewahren und ihrer wissenschaftlichen Verwertung die Wege bahnen, ist 'also in diesem 'sinne eminente Aufbauarbeit. Jubiläum der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Am 8. Mai 1812 wurde die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin eröffnet. Mit der Gründung der Hochschule sollteeine neue -Bahn beschritten oder viel-" mehr eine alte Institution, die Jeschiwa, im Geiste bet» Modernen Wissenschaft erneuert werden^ Die Jeschiwa war nicht, wie unsere modernen Seminare oder Colleges eine theo- , logische Anstalt; man besuchte sie, um sich jüdisches Wisse» 'anzueignen, nicht um Rabbiner zu werden, und 'nur ein Bruchteil ihrer -Lchüler wirkte später als Rabbiner; Ihr . Lehrstoff beschränkte sich daher auch nicht auf das theologische Gebiet, sondern umfaßte das gesamte jüdische Wissen, ihrer Zeit. Der Wissensstoff, das Studieninterrsse und die Forschnngsmethode haben sich nun fteilich seit einem Jahrhundert außerordentlich gewandelt, darin mußte Eiber die Jeschiwa hinausgegangen "werden, aber das gesunde Prinzip dieser traditionellen Institution, der Universalismus des Lehrstosfs und die unbegrenzte 'Zulassung von Lernenden, sollte wieder aufgenommen werden. Dies wenigstens war die Wsicht des Philosophen-Mo - -ritz Lazarus (1824—1903), des Begründers der Völkerpsychologie und Berfchscrs der Ethik des Judentums, der . zu den Stiftern der Hochschule gehörte und bis 1895 Präsi- . dent ihrer Verwaltung war. Ihm zur Seite stand der Arzt - Salomoit N eumann (1819—1908), ein Freund und Verehrer von Leovold Zunz und wie dieser ein unerschrockener Vorkämpfer für Freiheit und Recht. Zu ihnen gesellte sich Ludwig P h i l i p p s o n (1811—1889), der Vater der - jüdischen Publizistik, der bereits 1837 die Errichtung einer - jüdisch-theologischen Fakultät propagiert hatte, aber schließ-- - lich zugunsten des neuen Planes seinen Gedanken, aufgab und der Errichtung einer umfassenderen -Hochschule zustkmmre. Nach den Grundsätzen der Gründer-sollte in der Hochschule eine "Anstalt entstehen, die absolut unabhängig bliebe von allen staatlichen Behörden und "Gemeindeverwaltungen^ ohne Beeinflussung von irgend einer jüdischen Partei oder Richtung arbeitete und nach kemor Seite Rücksichtzuübe» brmichte. Die Lehrer der Hochschule werden nur nach ihrer tvissenfchaftlkchen Eignung" gewählt; sie müssen sich nach dem Statut verpflichten, ihre-Borträge lediglich im reine». Interesse der Wissenschaft zu halten.*) Um keine Richtung *) Die Religion nmß bei ihrem,Osfenbarungscharakter für sich selber den sogenannten voraussetzungslosen wissenschaftlichen Standpunkt ablehnen. Ein den Offenbarungs-. charakter der jüdischen Religion anerkennender Dozent kann sich daher unseres Erachtens unmöglich verpflichten, seine Vorträge „lediglich im reinen Interesse der Wissenschaft" zu halten, wenn auch die jüdische Religion keine Furcht vor. irgendwelcher Kritik zu haben braucht, vorausgesetzt, daß sie wirklich wissenschaftlich ist. , Bei den Prinzipien der Hochschule für die Wissenschaft: des Judentums mußten in der Mehrzahl Vertreter einest' neotogen Jttdentums aus ihr hervorgehen. Der Hochschultyp für das Gebiet der jüdischen Religion hat im Golus die stärksten Bedenken, da'die meisten Studenten die Sprache der jüdischen Religion, ihr Gesäß, .mir radebrechen, daher im Ueberblicken der Literatur ihrer Religion gehindert werden und so den Ansichten eines destruktiv denkenven Dozenten nicht genügend eigenes Urteil entgegensetzen können; — in Palästina, in dem die Beherrschung, des hebräische» Sprachgeistes den Hörern eigene Urteilsfähigkeit über das vom Dozenten Vörgetragene; gibt, ist er diskutabel. D: Red»